Kernkraft in der Schweiz AKWs kämpfen mit der Hitzewelle – aber nicht alle
Wegen der Hitze müssen AKWs in Europa ihre Leistung drosseln – auch in der Schweiz. Die Gründe sind unterschiedlich, sorgen aber für hitzige Debatten.
08.08.2026, 06:58
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Das ist die Situation in der Schweiz: Die Wassertemperatur der Aare gibt den Takt vor. Erreicht sie 25 Grad, drosselt der Stromversorger Axpo die Leistung seiner Kernkraftwerke Beznau I und II oder stellt sie gar ganz ab. Das ist seit Juni mehrmals passiert. Die Erklärung ist folgende: Die Kernkraftwerke werden direkt mit Flusswasser gekühlt. Im Zuge dieses Prozesses erwärmt sich das Wasser, bevor es in die Aare zurückfliesst. Allerdings würde dieses Wasser die ohnehin schon warme Aare weiter erwärmen und damit Tieren und Pflanzen schaden. Deshalb wird die Stromproduktion aus Naturschutzgründen gedrosselt.
Das ist die Situation in Ungarn: Dort hat das Kernkraftwerk Paks jüngst seine Stromproduktion ebenfalls runtergefahren. Dieses AKW wird mit Flusswasser der Donau gekühlt. Allerdings ist die Donau auf einem Rekordtief. Damit fehlt nun das Wasser, um die Kühlung in der Anlage aufrecht zu halten. In Ungarn wird die Stromproduktion folglich aus Sicherheitsgründen reduziert.
Das AKW Paks in Ungarn
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Keystone
Das Kernkraftwerk Paks ist das erste und einzige Kraftwerk von Ungarn. Es liegt rund 100 Kilometer südlich der Hauptstadt Budapest und wurde in den 1980er-Jahren in Betrieb genommen.
Die Anlage besteht aus vier baugleichen Reaktoren mit einer installierten Leistung von total 2000 MW. Entsprechend gross ist die produzierte Strommenge: Gemäss der Betreiberin liefert das AKW Paks bis zu 50 Prozent des gesamten Strombedarfs von Ungarn.
Zudem sind zwei neue Reaktoren geplant, die ab Ende der 2030er-Jahre die vier bisherigen ablösen sollen.
Das sind die Reaktionen: Kritiker der Kernkraft sehen die aktuellen Beispiele Beznau und Paks als weiteren Beleg dafür, dass die Kernkraft keine verlässliche Stromquelle sei. Hitze und Trockenheit zeigten die Grenzen dieser Technologie. Befürworterinnen aus Politik und Wissenschaft hingegen widersprechen dieser Argumentation. Für sie ist es viel mehr eine Frage der passenden Technologie. Diese Reaktionen widerspiegeln sich in den Social-Media-Kommentaren von Nils Epprecht, Geschäftsleiter der AKW-kritischen Schweizerischen Energiestiftung, und Annalisa Manera, Professorin für nukleare Sicherheit an der ETH Zürich.
So funktionieren ältere AKWs: In der Tat ist der jeweilige Kraftwerkstyp entscheidend, ob wegen Hitze und Trockenheit der Betrieb reduziert werden muss oder nicht. Das zeigt sich auch in der Schweiz: Die Anlagen in Beznau gehören zur ersten Generation von AKWs, die noch flusswassergekühlt sind. Dort werden bei Vollbetrieb rund 40'000 Liter Flusswasser pro Sekunde für die Kühlung benötigt.
Das Kernkraft Leibstadt entnimmt dem Rhein derzeit rund 2900 Liter pro Sekunde (...). Davon wird der grösste Teil wieder zurückgeführt.
So funktionieren neuere AKWs: Die neueren Kernkraftwerke in Gösgen und Leibstadt hingegen werden durch die Umgebungsluft gekühlt und sind viel weniger von der Wassertemperatur oder -menge abhängig. Zwar benötigen diese Kernkraftwerke ebenfalls Flusswasser für die Kühlung, allerdings deutlich weniger als die kleineren Anlagen in Beznau. Im Fall von Leibstadt schreibt die Betreiberin: «Das Kernkraft Leibstadt entnimmt dem Rhein derzeit rund 2900 Liter pro Sekunde (...). Davon wird der grösste Teil wieder zurückgeführt. Nur der Verdunstungsverlust mindert die zurückgegebene Wassermenge.»
Der technologische Unterschied im Vergleich zu Beznau ist von blossem Auge sichtbar: Bei den Kernkraftwerken in Leibstadt (Bild) und Gösgen wird die Wärme über die mächtigen Kühltürme in Form einer markanten Wasserdampffahne abgegeben.
Keystone / Alessandro della Bella
Dieses Szenario ist realistisch: Dass nun Leibstadt oder Gösgen ein ähnliches Szenario wie der Anlage in Paks droht, ist somit unwahrscheinlich. Etwas flussabwärts, bei der Messstelle Rheinfelden, führt der Rhein aktuell rund 400'000 Liter pro Sekunde. Das ist im Vergleich zum langjährigen Mittelwert im Monat August mit 1’200'000 Liter pro Sekunde wenig Wasser. Doch selbst jetzt – bei einem ausserordentlich tiefen Wasserstand – ist Leibstadt noch weit davon entfernt, aufgrund von fehlendem Wasser den Betrieb einstellen zu müssen. Die Betreibergesellschaft betont denn auch: «Das Kernkraftwerk Leibstadt musste noch nie aufgrund des Wasserstandes des Rheins oder aufgrund der Wassertemperatur seine Leistung drosseln.»
SRF 4 News, 03.08.2026, 16:25 Uhr; noes