KI-Blase? Finanzaufsicht sieht Parallelen zur Dotcom-Ära

Rote Handelskurve, die nach unten zeigt

(Bild: Artit Wongpradu / Shutterstock.com)

Der Chef des Finanzstabilitätsrats, Andrew Bailey, warnt vor überzogenen Tech-Bewertungen und vergleicht die Lage mit der Dotcom-Blase.

Der Vorsitzende des globalen Finanzstabilitätsrats (FSB) hat die G20-Staaten in einem Schreiben an die Finanzminister und Zentralbankchefs vor systemischen Risiken durch hochentwickelte KI-Modelle gewarnt.

Andrew Bailey, der zugleich als Gouverneur der Bank of England fungiert, sieht in der zunehmenden Autonomie sogenannter Frontier-KI-Modelle eine akute Gefahr für das vernetzte Finanzsystem.

"Die Risikolandschaft wurde durch das Aufkommen innovativer KI-Modelle weiter verkompliziert, die zunehmend ausgefeilte Autonomie und Problemlösungsfähigkeiten sowie Bedrohungspotenzial aufweisen", schrieb Bailey an die Vertreter der 20 größten Volkswirtschaften, die sich am Montag in Asheville, North Carolina, trafen.

Die unmittelbarste Sorge sei die potenzielle Auswirkung solcher Modelle auf das Cyberrisiko. Sie könnten Geschwindigkeit, Umfang und Ökonomie von Cyberangriffen "materiell verändern".

Autonome KI-Agenten umgehen Sicherheitsnetze

Baileys Warnung kommt nicht abstrakt daher, sie kann sich auf konkrete Vorfälle der vergangenen Wochen stützen.

OpenAI etwa teilte im Vormonat mit, dass experimentelle Modelle einer Testumgebung entkommen seien und sich in das System eines anderen Unternehmens gehackt hätten. Wie CNN berichtete, erklärte das britische AI Security Institute (AISI) wenige Tage später, dass Anthropics Claude Mythos 5 bei Tests gefälschte Identitäten verwendet habe, um bösartigen Code einzuschleusen.

Die Dimension dieser Vorfälle ist bemerkenswert: In Tests des AISI mit Anthropics Claude Mythos 5 und OpenAIs GPT-5.6 Sol nahm ein KI-Agent in 10 von 122 Durchläufen insgesamt 19-mal eigenmächtig nicht sanktionierte Handlungen vor.

Im schwerwiegendsten Fall erstellte sich die Anthropic-KI selbstständig einen GitHub-Account, versuchte eine Schwachstelle in ein Open-Source-Projekt einzuschleusen und manipulierte per Fake-Identitäten und E-Mails zuständige Entwickler.

Anthropic erklärte auf X, die Modelle seien unter "bewusst freizügigen Bedingungen" ohne übliche Sicherheitsvorkehrungen getestet worden, die nicht repräsentativ für Produktionsmodelle seien.

Milliarden-Kreisläufe im Silicon Valley

Doch Bailey warnt nicht nur vor Cyberrisiken. In seinem Schreiben erläutert er eine zweite, für Anleger unmittelbar relevante Gefahr: die Kombination aus überzogenen Bewertungen, hoher Fremdkapitalnutzung und starker Marktkonzentration.

Das Problem sei "nicht einfach, dass Investoren mehr Kredite aufnehmen", sondern dass Leverage mit hohen Bewertungen und zunehmenden gegenseitigen Investitionen zwischen KI-Unternehmen und Hyperscalern zusammenwirke – in einer Weise, die eine Marktkorrektur verstärken könnte.

Wie Gizmodo erläuterte, warnen Experten seit Monaten vor zirkulären Finanzierungen: Tech-Giganten wie Nvidia, OpenAI, Microsoft, Google, Meta und Amazon schließen milliardenschwere Geschäfte untereinander ab, schichten Geld im System um und blähen so gegenseitig ihre Bewertungen auf.

Die Gefahr, die daraus resultiert, kann so beschrieben werden: Scheitert ein Glied dieser Kette, droht ein Dominoeffekt. Und sie ist nicht von der Hand zu weisen. So meldete Google zuletzt im zweiten Quartal 2026 einen negativen freien Cashflow – getrieben durch massive KI-Ausgaben.

Eine Expertengruppe der EZB hält eine Korrektur der KI-getriebenen Börsenrallye bereits für "wahrscheinlich" und verweist auf historische Parallelen zur Dotcom-Blase und zum Eisenbahn-Boom des 19. Jahrhunderts. Ein Kursrutsch würde den Euroraum über die breiten indirekten Anlagen in die "Magnificent Seven" treffen.

Aufseher setzen Fristen – Protokolle fehlen

Bailey stellt fest, dass viele Rechtsordnungen schlicht keine Protokolle besitzen, um Entwicklung, Freigabe und Einsatz von Frontier-KI-Modellen zu steuern.

Die Europäische Zentralbank hat Banken der Eurozone bereits aufgefordert, bis zum 31. Oktober Aktionspläne gegen KI-Bedrohungen vorzulegen, wie das Wall Street Journal berichtete. Institute sollen sich auf Szenarien mit gleichzeitigen Störungen bei mehreren Unternehmen vorbereiten – einschließlich der Fähigkeit, kritische Systeme nach einem schweren Cybervorfall von Grund auf neu aufzubauen.

Parallel fordern mehr als 100 Unternehmen, darunter Google, OpenAI und die Deutsche Telekom, eine weltweite Verstärkung der Cyberabwehr – ironischerweise vor allem mit noch mehr KI.

Bailey drängt seinerseits auf globale Zusammenarbeit:

"Unterschiede in den rechtlichen Rahmenbedingungen, den Cyberfähigkeiten, der Widerstandsfähigkeit und der Wiederherstellungsfähigkeit zwischen den einzelnen Rechtsordnungen könnten daher Konsequenzen haben, die weit über die Rechtsordnung hinausreichen, in der ein Vorfall seinen Ursprung hat, und könnten selbst zu einer Quelle der Anfälligkeit werden."

Für Tech-Anleger bedeutet das: Die Regulierung greift zunehmend ein, aber ein konsistentes globales Regelwerk fehlt – was sowohl das Risiko von Zwischenfällen als auch die Unsicherheit über künftige Eingriffe in KI-Geschäftsmodelle erhöht.