Stand: 02.08.2026, 16:16 Uhr
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Die Bayreuther Festspiele fahren einen musikalisch gediegenen „Ring“ mittels KI gegen die Wand. Da ist zwar viel Zukunft drin, aber keine gute.
Als der vierteilige „Ring des Nibelungen“ bei den Bayreuther Festspielen vor 150 Jahren erstmals rumpelnd über die Bühne ging, gab es noch keine Regie im heutigen Sinne. Es gibt aber viele Anzeichen dafür, dass Richard Wagner sie wollte und bei allem Schreien, Toben und Haareraufen der Zukunft eines szenisch ambitionierten, umfassend durchdachten und dann entsprechend durchinszenierten Musiktheaters entgegeneilte.
Die Ironie ist also besonders groß, dass ausgerechnet im Jubiläumsjahr ein Festtags-„Ring“ der Bebilderung durch eine Künstliche Intelligenz überlassen wurde. Zwar wurden der Kurator Marcus Lobbes und sein Team, die die KI auf das (fürs Publikum außerordentlich kostspielige) Experiment vorbereitet hatten, nach der „Götterdämmerung“ ausgebuht, als gäbe es kein Morgen. Das hatte auch seine Berechtigung, weil eine KI (bisher) nur so pfiffig erscheinen kann, wie Menschen es ihr einprogrammiert haben.
Gleichwohl war es dann aber die KI selbst, die gut 15 Stunden lang vor sich hin Bilder generierte und morphte. Dass sie gegen menschliche Unzufriedenheiten unempfindlich ist, spricht im künstlerischen Zusammenhang besonders kräftig gegen sie. Es ist damit alles aufgekündigt, was sich zwischen Theater und Publikum abspielt: Einverständnis und Widerspruch, Provokation und Witz, Fehleinschätzungen auf beiden Seiten werden ersetzt durch Zufall und Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Jetzt hingegen musste man nicht einmal kurz darüber nachdenken, warum die KI zur Darreichung des Vergessenstranks an Siegfried am Gibichungenhof die Aufschrift „Deutsche Einheit“ einblendete. Und warum sie sich ausgerechnet hier dazu entschloss, uns die Schrift auch lesen zu lassen, meist zeigte sie Fantasiebuchstaben.
Da schau her, der Willy-Brandt-Platz
Oder warum, ein Gruß aus der Heimat, zu Waltrautes Auftritt das Frankfurter Euro-Zeichen am Willy-Brandt-Platz eingeblendet wurde. Oder was „Schengen“ – auch hier kurz Klartext – mit dem Mordkomplott Hagens, Gunthers und Brünnhildes gegen Siegfried zu tun hat.
Dass sich der – wohlgemerkt für jeden der drei „Ring“-Durchläufe in den nächsten Wochen immer wieder andere – Bilderstrom im Laufe der vier Abende etwas verlangsamte, machte ihn weniger störend. Auch schien das Ensemble, durch Pia Maria Mackerts Kostüme zu kuriosen, aber ununterscheidbaren Rupfenvögeln gemacht, zunehmend mehr zu spielen. Siegfried ging schließlich wirklich zu Boden, als Hagen ihn (nicht) ermordete.

Aber dass eine Bebilderung etwas weniger stört und markierende Routiniers zur Belebung auf der Bühne beitragen müssen, ist für das Musiktheater mit seinem doch weit fortgeschrittenen Können im 21. Jahrhundert eine Bankrotterklärung.
Beim großen Schlussverbeugungszeremoniell stach natürlich ins Auge, dass KI-Team und musikalischer Teil komplett separat blieben. Die Grundhaltung von Christian Thielemann, der gerne darauf hinweist, es sei ihm letztlich egal, was auf der Bühne passiere, sofern es sein Dirigat nicht störe, ist in diesem Zusammenhang übrigens irrwitzig unmodern und im Übrigen unwagnerisch.
Es ist dabei schmerzlich, dass man zugleich einen musikalisch so ausgebufften und hochkarätigen „Ring“ nicht mehr so bald hören wird. In der „Götterdämmerung“ trumpfte vor allem Camilla Nylund als Brünnhilde noch einmal auf, deren von einem mächtig und sehr attraktiv ausschwingenden Vibrato getragene Stimme praktisch komplett durchhielt. Klaus Florian Vogt als Siegfried (und „Ring“-Tenor vom „Rheingold“-Loge an) zeigte erstmals eine Spur von Erschöpfung, aber das heißt bei ihm immer noch einen sehr gut sortierten Abschluss.
Mika Kares war ein tiefschwarzer Hagen. Herausragend die Nornen, unter Frankfurter Beteiligung durch Magdalena Hinterdobler, die auch als Gutrune die Gelegenheit nutzte, die Partie aufblühen zu lassen. Christa Mayers Waltraute ließ mit warmer, intensiver, zutiefst menschlich leidenschaftlicher Stimme die Länge der Szene (und des insgesamt höllisch langen ersten Aufzugs) vergessen.
Thielemanns Dirigat wurde im Verlauf des „Rings“ immer noch einen Tick triftiger, ohnehin schon ausbalanciert, aber auch mit immer deutlicher hervortretender Haltung: Wagner groß zu machen, aber ohne Lärm und Pathos, eher sogar abgepuffert und würdevoll. Es geht auch schroffer, aber so geht es auch. Die instrumentalen Vor- und Zwischenspiele, stets bei geschlossenem Vorhang, waren Kostbarkeiten.
Strategisch macht es skeptisch, dass die letzten beiden ernsthaft nachhaltigen Neuproduktionen auf dem Hügel Barrie Koskys „Meistersinger“-Inszenierung von 2017 und Tobias Kratzers „Tannhäuser“-Inszenierung von 2019 waren.
Kostbare Momente bei geschlossenem Vorhang
Was zeichnet die beiden Abende denn aus? Dass sie wildes, menschengemachtes Theater sind, unterhaltsam, aber auch nachdenklich und durchdacht, intellektuell auf der Höhe der Situation, tiefere Schichten des Geschehens offenlegend.

Dass für die Saison 2027 ein „Parsifal“ von Ersan Mondtag angekündigt ist, weist offen gesagt eher in die Richtung Schauwerte (aber Thielemann dirigiert). Ilaria Lanzino inszeniert dazu einen „Lohengrin“, denn künftig soll es in Bayreuth zwei Neuinszenierungen pro Jahr geben. Das Interesse daran sei größer als an Wiederaufnahmen, so die Künstlerische Leiterin Katharina Wagner. Die Beschleunigung im Theaterbetrieb insgesamt ist gefährlich und arbeitet dem Flotten, Halbgaren entgegen.
Aber auch das gehört zum Jubiläum: Katharina Wagner ließ es mit zwei großen Fest- und Gedenkveranstaltungen im Festspielhaus würdigen und verknüpfte es dabei zugleich unlösbar mit der NS-Verwebung der Festspiele wie auch der Familie Wagner. Vehement trotz Vorab-Gehaders der Auftritt von Michel Friedman.
Die erschütternde Freiluft-Dauerausstellung „Verstummte Stimmen“, die an verjagte und ermordete jüdische Festspiel-Künstlerinnen und -Künstler erinnert, wurde erweitert. Sie belagert Arno Brekers Wagner-Schädel unübersehbar und ist dazu seit ein paar Tagen auch online, www.verstummte-stimmen.de. Dahinter kann man in Bayreuth nicht mehr zurück, und Katharina Wagner machte auch klar, dass man es nicht will. Das ist keine Kleinigkeit.