Was war los in Ceuta? Das Tor nach Europa, das meist geschlossen bleibt

Stand: 02.08.2026, 16:17 Uhr

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Relatives and friends wait by a fence topped with barbed-wire for the return of people who had previously crossed into Spain's North African enclave of Ceuta, at Morocca's Bab Sebta border crossing on the outskirts of Fnideq on August 2, 2026. As many as 60,000 migrants entered Ceuta in recent days, mostly swimming around the small border post that juts into the Mediterranean Sea, in an unprecedented surge that prompted an international crisis for Spain. The mass crossing into the tiny Spanish territory resulted in at least 67 deaths, according to Spanish authorities, and led to clashes with Moroccan police on the shared border.  (Photo by Abdel Majid BZIOUAT / AFP)

Angehörige warten am Grenzzaun vor Ceuta auf die Ausweisung all derer, die es zuvor in die Exklave geschafft haben. © Abdel Majid Bziouat/AFP

Mindestens 50.000 Menschen erreichen in kurzer Zeit Ceuta. Die meisten sind nun wieder in Marokko. Was war das? Eine Analyse.

In Ceuta ist es wieder halbwegs ruhig. Die meisten der 50.000 Menschen – niemand hat sie wirklich zählen können –, die am Donnerstag und Freitag in die Stadt strömten, sind nach Marokko zurückgekehrt. Es gab für sie in Ceuta nichts zu essen oder zu trinken. Fast alle Läden, Kneipen und Restaurants waren geschlossen. Deren Besitzerinnen und Besitzer hatten es mit der Angst zu tun bekommen. Die 50.000 Menschen waren für die rund 84.000 in Ceuta so viele, wie es zwei Millionen für Berlin wären.

Mindestens 72 Menschen kamen nach Angaben der spanischen Behörden ums Leben. Den Verletzten, mehr als 1.000, wurde geholfen. Einige bekamen im Aufnahmelager für Immigranten etwas zu essen. Aber es waren zu viele auf einmal. Spanische Polizei- und Militärkräfte sagten ihnen: Kehrt wieder um, es ist besser für euch. Hier kommt ihr nicht weiter.

Es ist so viel geschehen in der kleinen Stadt Ceuta, dass niemand den Überblick über alles hat, was geschehen ist. Der Gesamteindruck ist ein überraschend friedlicher. Ein paar Schlägereien. Ein paar Diebstähle. Ein paar aggressive Demonstrierende, Einheimische oder aus anderen Gegenden Spaniens Angereiste, die den Geflüchteten nichts Gutes wünschten. Aber Ceuta hat es ausgehalten, mit zusammengebissenen Zähnen und viel Wut auf die eigenen Regierenden.

Pedro Sánchez, der spanische Ministerpräsident, der am Freitag nach Ceuta geeilt kam, nannte die Ereignisse einen „Angriff, eine Verletzung der territorialen Integrität Spaniens“. So empfinden es viele Spanierinnen und Spanier. Ihr Land ist angegriffen worden.

Aber von wem? Wer sollte der Angreifer sein? Die 50.000? Deren schneller Rückzug spricht gegen jede Angriffsabsicht. Die „Mafias, die mit Menschen handeln“, von denen Pedro Sánchez sprach? Es gibt Leute, die aus der Sehnsucht vieler Afrikanerinnen und Afrikaner nach Europa ein Geschäft gemacht haben, die Bootsüberfahrten auf die Kanaren oder übers Mittelmeer zur Iberischen Halbinsel organisieren – teuer bezahlte, lebensgefährliche Reisen. Aber mit dem Zweitagesbesuch in Ceuta ließ sich kein Geld verdienen. „Die Mafias“ haben die Stadt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht angegriffen.

Also Marokko? Wahrscheinlich auch nicht. Marokko hält Ceuta und die Schwesterstadt Melilla für marokkanisch, was sie nicht sind: Einst phönizische Gründungen, existierten sie schon als portugiesisch-spanische Außenposten, bevor das Königreich Marokko im 17. Jahrhundert begründet wurde. Der Strom der 50.000 nach Ceuta hat manche an den „Grünen Marsch“ 1975 erinnert, bei dem Marokko 350.000 Zivilisten aufputschte und in die Wüste schickte, um durch ihre schiere Anwesenheit die nach dem Tod Francos in Auflösung befindliche spanische Kolonie Westsahara zu sichern. Mauretanien im Süden hatte ebenfalls seine Ansprüche angemeldet, die marokkanische Armee war nur teilweise militärisch erfolgreich und die Vereinten Nationen verlangten ein unabhängiges Referendum der Sahauris über ihre Zukunft. Das steht immer noch aus, weshalb die sahaurische Frente Polisario von Algerien – Marokkos regionaler Konkurrent – aus weiter gegen die marokkanischen Besatzer im Norden und Westen der Westsahara kämpft.

Einheimische fühlen sich überfallen

Der Ansturm auf Ceuta am Donnerstag und Freitag war für die einheimischen Ceutís eine Invasion, aber erobert wurden sie nicht. Marokko träumt vielleicht davon. Aber den Krieg wagt es nicht.

Es gab für diesen Ansturm zumindest einen Auslöser: den Beschluss des spanischen Obersten Gerichtshofes von Anfang Juli, die sofortige Rückführung von schwimmenden Einwandernden zu unterbinden. Das Parlament hätte diesem Beschluss mit einer einfachen Gesetzesänderung schnell begegnen können. Die Opposition legte Mitte des Monats einen Entwurf dafür vor. Aber die Regierung schlief. Sie sah nicht, was aufmerksamere Beobachtende sahen: dass sich in Marokko herumsprach, dass es eine juristische Lücke im Zaun gab.

So genau wussten die Leute nicht, was das Gericht da beschlossen hatte. Auch schwimmende Migrantinnen und Migranten dürfen normalerweise schnell wieder nach Marokko abgeschoben werden, nur eben nicht sofort. Die meist jungen Leute, die sich aus ganz Marokko auf den Weg zum Zaun von Ceuta machten, sahen ihre Chance gekommen. Ihre Illusionen zerstoben schnell.

Es kann auch sein, dass Ministerpräsident Sánchez trotz enger wirtschaftlicher Verflechtungen der Länder Rabat verärgert hat, weil er jüngst die Beziehungen zu Algerien bei einem Besuch dort intensiviert hat. Ebenfalls als Provokation könnte die marokkanische Führung empfunden haben, dass der Justizausschuss des spanischen Parlaments einem Gesetzentwurf zugestimmt hat, wonach vielen Sahrauis und ihren Nachkommen der Erwerb der spanischen Staatsbürgerschaft erleichtert werden soll.

Trotzdem ist es fraglich, ob Marokko wegen der oben genannten Gründe den Sturm auf Ceuta organisiert hat; es hat ihn aber gerne hingenommen, vielleicht sogar begünstigt. Als wäre es ein Spiel. Spanien hat seine Grenzbefestigungen nicht beizeiten gestärkt. Das Militär kam zu spät und tat wenig mehr, als den Rückweg zu weisen. Niemand fragte mehr, wer von den Zehntausenden schwimmend und wer über den offenen Grenzübergang nach Ceuta gekommen war. Es waren zu viele. Sie gingen, soweit das im Moment übersehbar ist, freiwillig zurück.

Für Spanien ist der Sturm auf Ceuta ein Desaster, aber für Marokko noch mehr. Am Donnerstag feierte König Mohammed VI. sein 27. Thronjubiläum. Am Vorabend sagte er, er empfinde „Stolz auf das Erreichte und Optimismus für die Zukunft“. Seine Untertanen zeigten ihm, dass sie seine Gefühle nicht teilen. Zu viele von ihnen riefen: „Viva España!“

Migrationspolitik spielt keine Rolle

Und warum gerade Spanien? Weil es vor Marokkos Haustür liegt. Spaniens großzügige Migrationspolitik dürfte keine große Rolle gespielt haben. Von der profitieren vor allem Lateinamerikaner, die jedes Jahr zu Hunderttausenden mit Touristenvisa nach Spanien kommen und dann bleiben. Wenn sie es drei Jahre lang schaffen, haben sie gute Chancen, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

Für Afrikanerinnen und Afrikaner ist der Weg nach Spanien komplizierter, was hauptsächlich an der Visumspolitik liegt. Ceuta sieht aus wie ein Tor nach Europa. Es ist aber meistens geschlossen.