KI und sinkende Löhne: Warum Berufseinsteiger am stärksten betroffen sind

Hand hält Lupe Mit Reflexion "KI" über Mannn am Computer

Laut ifo-Institut rechnen Firmen mit sinkenden Löhnen – vor allem für junge Beschäftigte. In der IT sorgt KI zudem für Dauerstress und Arbeitsverdichtung.

Streit über Smartphone-Verbote für Jugendliche und Diskussionen über Medienkompetenz in den Schulen zeigen, dass inzwischen mehr über den Technikeinsatz debattiert wird. Zweifel gibt es in der Arbeitswelt weniger. Unternehmen setzen die Technik in ihrem Interesse ein, wie aktuelle Beispiele zeigen.

Viele Manager hoffen durch den KI-Einsatz in den nächsten fünf Jahren auf sinkende Löhne. Das ergab eine Auswertung des ifo-Instituts. Vor allem Arbeitskräfte mit weniger als fünf Jahren Berufserfahrung haben mit niedrigeren Löhnen zu rechnen – das gab etwa jedes zweite Unternehmen an, das KI bereits nutzt.

"Künstliche Intelligenz wird aus Sicht vieler Unternehmen die Löhne nicht für alle Beschäftigten gleichermaßen beeinflussen", sagt ifo-Forscherin Anna Ruffert. Bei Arbeitenden mit mindestens fünf Jahren Berufserfahrung rechnen rund 40 Prozent der befragten Betriebe mit Lohnkürzungen.

KI als Ausbilder?

Manche hoffen auf Einsparungen im Ausbildungsbereich. Ob KI als Ausbilder einsetzbar ist, fragt das Bildungsinstitut ifb. Betriebe setzen bereits KI-gestützte Lernplattformen ein. Auszubildende nutzen KI längst völlig selbstverständlich. Das Schreiben von Texten, die Erarbeitung von Präsentationen per KI ist Normalität – ein Chatbot beantwortet Fragen rund um die Uhr.

Dies kann aber Ausbilder nicht ersetzen, schreibt Tim Schmid im ifb-Newsletter:

"Ausbildung besteht aus weit mehr als purer Wissensvermittlung. Wer neu in die Arbeitswelt einsteigt, muss nicht nur fachliche Kompetenzen erwerben, sondern auch soziale und persönliche Fähigkeiten entwickeln.

Wie verhält man sich in einer Besprechung? Wie spricht man Kunden professionell an? Wie geht man mit Kritik um? Wann ist Eigeninitiative gefragt und wann sollte man lieber nachfragen? Solche Erfahrungen entstehen im täglichen Miteinander und genau hier stößt KI zweifellos an ihre Grenzen."

KI könne weder nonverbale Signale deuten noch einem jungen Menschen durch eigenes Vorbild zeigen, wie respektvolle Zusammenarbeit funktioniert, so Schmid.

Junior-Berater werden durch KI ersetzt

Der Start in die Arbeitswelt wird durch KI aber erschwert. Dies zeigt sich bereits im Consulting-Bereich. Beratungsfirmen liefern sich einen Wettlauf, um als "KI-nativ" zu gelten. "Je stärker sie als Technologieunternehmen wahrgenommen werden, desto wahrscheinlicher gewinnen sie Aufträge", sagte Fiona Czerniawska, Founder and CEO von Source Global Research, einem auf die Beratungsbranche spezialisierten Analyseunternehmen, zu Business Insider.

Die größten Beratungsfirmen haben milliardenschwere Partnerschaften mit den größten Namen der KI-Branche geschlossen, etwa OpenAI oder Anthropic. So sollen Netzwerke von KI-Agenten eingeführt werden.

Die Technik recherchiert, erstellt Präsentationen und analysiert Daten, die bisher Junior-Berater erstellten. Michael Scharfschwerdt, Executive Director Foresight Europe bei der Unternehmensberatung Kearney, sieht darin einen Effizienzgewinn, und warnt gleichzeitig vor den langfristigen Folgen.

Wenn Beratungsfirmen heute weniger junge Menschen einstellen, könnte ihnen morgen der Nachwuchs für die höheren Hierarchieebenen fehlen.

Dauerstress durch "permanenten Crunch" in der IT

Auf tiefgreifende Veränderungen in der IT-Branche verweist die "Brancheninitiative IT" der FAU (Freie Arbeiter:innen-Union)

Durch den Einsatz von Large Language Models (LLMs) hat sich der Druck des Managements auf Programmierer deutlich erhöht. Auch agile Methoden dienen der Arbeitskontrolle.

Vorgesetzte wollen jetzt "Project Lead" oder "Product Owner" genannt werden. "Das ist nicht mehr nur ein Austausch von Labels, sondern hat direkten Einfluss auf die alltägliche Arbeit", erläutert Alva Hansenvon der Brancheninitiative IT der FAU.

Die Betroffenen realisieren zunehmend, welche Kontrollmöglichkeiten den Vorgesetzten gegeben werden. Das sei "Micromanagement par excellence":

"Und das haben viele ITler:innen in dieser Form tendenziell eher seltener erfahren, sondern man hat durch die eigene Expertise sich immer noch irgendwelche Inseln der Freiheit in die Arbeit einbetten können.

Man war vielleicht genervt, dass das Produkt, woran man arbeitet, ziemlich Blödsinn ist, aber immerhin gab es noch ein paar spannende technische Lösungen herauszufinden, was Spaß macht.

Diese Freiheiten werden nun stetig verkleinert. Daraus folgt: Arbeitsverdichtung wie bei Ford am Band. Das war immer das Ziel der Chefs."

Alva Hansen

Die Qualität der Arbeit leide darunter, die Beschäftigten erleben den "permanenten Crunch". Von "Crunch" wird in der Gaming-Branche in den letzten Wochen vor Veröffentlichung neuer Produkte gesprochen. Inzwischen herrsche im IT-Bereich durch verstärkten KI-Einsatz fast kein anderer Zustand mehr vor, so Hansen.