Klimapsychologin warnt: Warum wir die Erderwärmung trotz Hitzewelle verdrängen

Stand: 06.08.2026, 13:00 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Wasserflasche in der Sonne. Zu sehen sind die PET-Flasche, strahlende Sonne am Himmel und Teile eines Baumes.

Wasserflasche in der Sonne. © epd-bild/Paul-Philipp Braun

Temperaturrekorde, ausufernde Waldbrände: Die Folgen der Erderwärmung in Europa werden spürbarer. Die Klimapsychologin Nadja Hirsch erläutert, warum die Klimakrise dennoch kein Top-Thema im politischen und gesellschaftlichen Diskurs ist.

München – Trotz der aktuellen Hitzewellen und Waldbrände in Europa erwartet die Umweltpsychologin Nadja Hirsch keine Rückkehr des Klimaschutzes an die Spitze der politischen Agenda. „Die meisten Menschen sind sich der Erderwärmung und ihrer Folgen längst bewusst“, sagte die Gründerin des Münchner Instituts für Klimapsychologie dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dennoch habe die Priorität des Themas im politischen und persönlichen Leben in den vergangenen Jahren abgenommen. Die jüngsten Temperaturrekorde würden daran voraussichtlich nicht viel ändern.

Content-Partnerschaft

Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

„Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Kapazität, um sich Sorgen zu machen“, erläuterte Hirsch. Die Psychologie spreche hier von einem „Finite Pool of Worry“: Man könne seine Aufmerksamkeit nur auf eine begrenzte Zahl an Problemen lenken. „Dabei kann die Klimakrise leicht hinten herunterfallen“, sagte die Psychologin. Das gelte sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Psychologische Distanz

Die entscheidende Rolle bei der Priorisierung der Sorgen spiele die psychologische Distanz: „Wenn mein Arbeitsplatz ganz konkret bedroht oder wenn der Benzinpreis hoch ist und ich zugleich auf das Auto angewiesen bin, dann sind Hitze und Klimawandel weit entfernt.“ Hinzu komme ein Gewöhnungseffekt: Wiederkehrende Hitzesommer würden zur neuen Normalität.

Hirsch sieht auch eine Mitverantwortung der Medien dafür, dass die Dringlichkeit der Krise nicht deutlich genug wird. „Oft wird etwa die Berichterstattung über Hitze im Fernsehen mit fröhlichen Menschen bebildert, die im Springbrunnen umherlaufen oder Eis schlecken“, kritisierte sie. Selbst wenn der Nachrichtensprecher dabei drastische Worte wähle, bleibe die Wirkung der Bilder dominant. „Es entstehen dann gegensätzliche Botschaften. Und meist neigt das Gehirn dazu, die Bilder zu verarbeiten und weniger die sprachlichen Warnhinweise.“

Ohnmacht und Resignation

Nach den Worten der Psychologin hängt der Umgang der Menschen mit dem Klimawandel auch davon ab, welche Möglichkeiten sie haben, sich selbst im Kampf gegen die Erderwärmung zu engagieren. „Wenn ich in meinem Job oder in meinem Umfeld etwas tun kann, verliere ich weniger schnell die Hoffnung.“ Ohne diese Selbstwirksamkeit fühlten sich Menschen oft ohnmächtig und zunehmend resigniert - das könne auch dazu führen, dass sie die Klimakrise verdrängten.