Spitzentreffen in Berlin
Davon können die Grünen nur träumen
29.08.2026 - 12:30 UhrLesedauer: 5 Min.
Unter den Folgen der globalen Erwärmung haben in diesem Sommer viele Menschen in Deutschland gelitten. Das Klima ist damit kein Nischenthema mehr. Eine Chance für die Grünen?
Es ist ein Sommer, der es in sich hatte. Extremhitze und Dürre haben Mensch, Natur und Wirtschaft zugesetzt. Sogar Bundeskanzler Friedrich Merz fühlte sich dazu berufen, zu sagen: "Das ist Klimawandel." Über die öffentliche Erkenntnis des CDU-Politikers können die Grünen nur milde lächeln und mit dem Kopf schütteln, sie warnen seit Jahrzehnten vor den Folgen der Erderwärmung. Jetzt, wo diese so deutlich spürbar sind, müssten die Grünen eigentlich Hochkonjunktur haben. Oder nicht?
Der Bundesvorstand der Partei hat sich in den vergangenen Tagen zur Klausur im Berliner Ortsteil Kreuzberg getroffen. Oberstes Thema auf der Agenda, wenig überraschend: das Leib- und Magenthema der Partei, das Klima.
Vor einem Jahr habe es noch einen Begründungszwang gegeben, warum die Grünen überhaupt über das Klima sprechen würden, sagt Co-Parteichef Felix Banaszak. Jetzt müssten die anderen Parteien erklären, warum sie das Thema nicht nach vorn stellten. Oder auch: "Ich bin hochgradig irritiert, dass unsere politischen Mitbewerber noch immer vom Klimaschutz als einer total wichtigen Zukunftsaufgabe sprechen." Man erlebe diese Sommer ja, dass Klimaschutz "eine total wichtige Vergangenheitsaufgabe" gewesen wäre.
Es ist sicher ein gewisser Frust über jahrelange Untätigkeit, der da mitschwingt. Aber eben auch der Hauch einer "Wir haben es ja schon immer gesagt"-Haltung. Und recht zu haben, hat allein bisher am Ende noch für die Wenigsten gereicht.
Eine Million zusätzliche Bäume
Eins vorweg: Auf Bundesebene stehen die Grüne aktuell in den Umfragen nicht schlecht da. Sie kommen auf bis zu 16 Prozent, ihr Bundestagswahlergebnis 2025 waren magere 11,6 Prozent. Begonnen hat der Auftrieb in den Befragungen schon nach dem Sieg von Cem Özdemir in Baden-Württemberg Anfang März.
Doch derzeit können die Grünen nur träumen von den weit über 20 Prozent, die sie zu Zeiten der weltweiten Klimaproteste 2019 in den Sonntagsfragen erreicht hatten. In den Jahren danach wurde Klima zum Nischenthema – Corona-Pandemie, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und eine schwache Wirtschaft rückten in den Vordergrund. Die Menschen hatten ganz offensichtlich andere Sorgen. Das scheint sich nun wieder zu ändern.
Mit ihrer Klausur in Berlin wollte die Partei das Thema Klima prominent platzieren. Die Grünen wollen mindestens eine Million zusätzlicher Straßenbäume bis 2030 pflanzen, heißt es in einem gefassten Beschluss zu Hitzeschutz und Klimaanpassung. Das soll aus Bundesmitteln finanziert werden. Die Partei schlägt außerdem ein neues Baumgesetz vor, das sicherstellen soll, dass bei Bauvorhaben geprüft wird, ob an den entsprechenden Stellen neue Bäume gepflanzt werden können. Die Grünen fordern auch, dass der Bund die Modernisierung öffentlicher Einrichtungen durch klimafreundliche Kühlanlagen unterstützt. Wo erforderlich, sollen auch Klimaanlagen eingesetzt werden. Bei klimafreundlicher Kühlung werden natürliche Kältemitte genutzt.
Hitzeschutz und Klimaanpassungen standen dann auch im Zentrum eines presseöffentlichen Programmpunkts der Klausur, die eigentlich hinter verschlossenen Türen stattfand. Hier schilderte etwa eine Gesundheits- und Krankenpflegerin anschaulich, wie schwierig die Arbeitsbedingungen und die Situation für Patientinnen und Patienten bei extremer Hitze sind. Der Parteivorstand rund um Banaszak und Franziska Brantner zeigte sich betroffen.
Angesichts der mehr als 15.000 Hitzetoten in Deutschland in diesem Jahr könnte dieser Spätsommer ein Momentum für die Grünen sein. Es ist nicht so, dass die Grünen in den vergangenen anderthalb Jahren nicht über das Klima gesprochen hätten. Aber sie haben das Thema auch nicht immer offensiv nach vorn gestellt. Beim Parteitag in Hannover vergangenen November zum Beispiel ging es zwar um den Klimaschutz, aber vorrangig um die Frage, wie dieser sozial gerecht sein kann.
Nun hat das Thema eine andere Dringlichkeit. Dass das auch die SPD gemerkt hat, wurde offenbar, als ihre Bundesminister vor zwei Wochen vorgeschlagen haben, Klimaanpassung als Gemeinschaftsaufgabe im Grundgesetz zu verankern. Wohl wissend, dass der Koalitionspartner Union dagegen ist. Und auch Merz sagte im Waldbrandgebiet Hürtgenwald Dinge wie: "Wir müssen damit rechnen, dass wir häufiger solche Ereignisse haben. Das ist Klimawandel." Ein gänzlich neuer Sound für den Kanzler.
Landtagswahlen werfen Schatten voraus
Doch auf den Spätsommer folgt der Herbst, und dann kommt unaufhaltsam der Winter. Nicht ausgeschlossen, dass die Klimasorgen in Deutschland dann schnell wieder vergessen sind. Und das könnte sogar noch schneller gehen: Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt, hier könnte die AfD die absolute Mehrheit erreichen. Zwei Wochen später dann stimmen die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin ab. Das Land dürfte also schon sehr bald vor allem über die wichtigen Landtagswahlen debattieren, während bereits ein laues Septemberlüftchen weht.
Apropos Landtagwahlen: Bei seiner Klausur hat der Bundesvorstand noch etwas Wahlkampfhilfe für den Berliner Spitzenkandidaten der Grünen, Werner Graf, geleistet. Graf war am Freitag auch bei dem Treffen der Parteispitze zugegen. Der verabschiedete Vorstandsbeschluss zu Hitzeschutz und Klimaanpassung wurde gemeinsam von Brantner, Banaszak und Graf der Presse vorgestellt. Kulisse war das Görlitzer Ufer, ein Bereich zwischen Görlitzer Park und Landwehrkanal, der jetzt dem Rad- und Fußverkehr vorbehalten und für den Pkw-Verkehr gesperrt ist. Eine ganz und gar grüne Bühne.
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Graf warb dafür, dass sich in der Hauptstadt bis zum Jahr 2040 die Zahl der Stadtbäume auf mehr als eine Million verdoppeln soll. Grundlage dafür ist ein Klima-Anpassungsgesetz, das im vergangenen Jahr in Berlin beschlossen wurde und auch als Baum-Gesetz bekannt ist. Die Grünen fordern in ihrem Vorstandsbeschluss jetzt außerdem, dass die Berliner bald in der Spree baden dürfen. Die Hauptstadt-Grünen wollen schon länger eine Aufhebung des Badeverbots in der Spree. Nun hat die Bundespartei Graf mit dem Beschluss öffentlichkeitswirksam den Rücken gestärkt.
Ob Graf und seine grünen Wahlkampfkolleginnen im Osten am Ende aber auch der Bundespartei etwas Rückenwind geben können, wird sich erst noch zeigen. Graf kann in Berlin zwar voraussichtlich mit einem soliden Ergebnis rechnen, doch mit dem Chefposten im Roten Rathaus dürfte es – mit Stand der aktuellen Umfragewerte – voraussichtlich nichts werden. Und sowohl in Mecklenburg-Vorpommern als auch in Sachsen-Anhalt könnten die Grünen knapp den Wiedereinzug in die Parlamente verfehlen. Das wäre ein herber Dämpfer für die Partei und dürfte den beiden Vorsitzenden zumindest kurzfristig schaden.
Auf die Frage, warum die Grünen in den Umfragen aktuell nicht noch deutlicher von den Folgen des Klimawandels profitieren, setzen Banaszak und Brantner eher auf einen langen Atem. Das Ende der Fahnenstange sei da ja noch gar nicht erreicht, sagt Brantner. Und Banaszak schielt schon auf die nächste Bundestagswahl. Er sei sich sicher, dass sich der Rückhalt für das Klimathema 2029 wieder stärker zeigen werde, versichert er. Bis dahin stehen Deutschland noch zwei Sommer bevor.
