
Kommentar
Achtsam oder arbeitsam? Die neue Kälte am Jobmarkt wird zum Stresstest für die Gen Z
Der Boom am Arbeitsmarkt hat die Gesellschaft in den letzten Jahren geprägt und Leistung zum notwendigen Übel degradiert. Das ist jetzt vorbei. Vor allem für Einsteiger wird entscheidend sein, ob sie die Extrameile gehen wollen.
09.08.2026, 05.30 Uhr
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Segler kennen das Phänomen. Der Rest lernt es jetzt. Plötzlich dreht der Wind, der Grossbaum schlägt um, und wer nicht aufpasst, fliegt aus der Komfortzone. Doch dazu später.
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Der Smalltalk zwischen älteren Mittelmanagern folgte in den letzten Jahren dem immergleichen Muster. Als würden sie von einem imaginären Magneten angezogen, endet ihr Gespräch an dem immergleichen Punkt: dem Wehklagen über eine Zumutung namens Gen Z. Es erinnert an diesen Autoquartett-Moment. Wer hat mehr PS zu bieten, wer hat Krasseres zu erzählen? Und so geht es wild durcheinander in den Geschichten, die von dreisten Lohnforderungen, der ätherischen Resilienz von Schneeflocken oder panischen Personalchefs mit vorauseilendem Spendiergehorsam handeln. Dieses Lästern funktioniert auch als wohltuende Psychohygiene. Man vergewissert sich der Mitgliedschaft im Klub der Superfleissigen, der siegreichen Veteranen an der Jobfront.
Doch die vermeintlichen Helden der Arbeit irren. Was auf sie wie die Invasion der Hängemattenbewohner wirkt, ist nur anekdotische Evidenz zu einer Handvoll Exzesse. In Wahrheit lehrt sie die rational handelnde Gen Z, was es heisst, die Arbeitgeber auf einem florierenden Arbeitnehmermarkt auszuspielen. Selten konnte sich eine Generation so begehrt fühlen und von noch mehr Verhandlungsmacht profitieren. Ihr Fremdeln mit dem 24/7-Leistungsprimat und ihr Streben nach dem «purpose» stecken am Ende eine ganze Gesellschaft an, die dafür nach Corona empfänglich ist. Heute fragt sich selbst der Workaholic, ob Home-Office nicht etwas für Schwächlinge ist und er sich für drei Monate Workation an den australischen Strand verabschieden sollte. Der Chef kann für den Video-Call die Zeitzonen studieren, ist ja nicht zu viel verlangt. Und wenn man nach der Rückkehr sein Pensum reduziert, belohnt einen der Staat mit Zuschüssen aller Art. Lifestyle-Teilzeit als Geschäftsmodell.
Womit wir beim Grossbaum wären, der gefährlich über die Köpfe schwingt. Der Wind hat nämlich gedreht, den Arbeitnehmermarkt gibt es nicht mehr. Die Erwerbslosenquote liegt nun deutlich über fünf Prozent, Tendenz weiter steigend. Junioren und Silberrücken trifft es besonders hart. Immer mehr werden aus der Arbeitslosenversicherung «ausgesteuert». Klingt wie ausgespuckt. So empathiefrei kann nur Beamtendeutsch sein.
Arbeitgebermarkt heisst die neue Realität. Das bedeutet für die Gen Z und alle anderen, dass Flexibilität an die Stelle von Forderungsmanagement tritt. Wer die Extrameile nicht gehen will, geht irgendwann. Auch die neue Kälte auf dem Jobmarkt dürfte nicht ohne soziale Wirkung bleiben und einer fragilen Freizeitgesellschaft, die aus falsch verstandener Achtsamkeit immer mehr Menschen in eine psychisch belastende Strukturlosigkeit entlässt, den Wert von Arbeit wieder vor Augen führen – als identitätsstiftende Institution, als Lieferantin eines Selbstwertgefühls, einer überlebenswichtigen Orientierung. Segler kennen das Phänomen.
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