
Kommentar
Lula ist ein Mann der Vergangenheit – doch die Alternative Bolsonaro wäre auch nicht besser gewesen
Der Sozialist Lula gewinnt überraschend klar Wahlen, bei denen sich viele Bürger für das kleinere Übel entscheiden mussten. Sein Konkurrent vertritt ein autoritäres Politikverständnis und hätte viele gesellschaftliche und ökologische Errungenschaften gefährdet.
26.10.2026, 13.25 Uhr
3 Leseminuten

Eine schwierige Wahl für viele Brasilianer: Am Schluss triumphiert der Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva.
Tuane Fernandes / Reuters
Brasilien bekommt weitere vier Jahre mit dem Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, der das Land insgesamt bereits fast zwölf Jahre lang regiert hat. Lula gewann die Stichwahl gegen seinen rechten Konkurrenten Flávio Bolsonaro überraschend deutlich.
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Das ist kein Grund zum Jubeln. Lula ist ein überzeugter Sozialist, sein Sündenregister ist entsprechend lang. Zwar haben unter seiner Ägide viele Arme den Aufstieg in die Mittelklasse geschafft. Doch der Preis dafür ist ein aufgeblähter Staat, der Schulden anhäuft und die unternehmerische Eigeninitiative bremst.
In der Aussenpolitik hat sich Lula manche Fehltritte geleistet. Er pflegt trotz dem Angriffskrieg gegen die Ukraine einen engen Austausch mit Russlands Machthaber Wladimir Putin und nahm 2025 an einer Militärparade in Moskau teil. Die israelische Kriegsführung in Gaza veranlasste ihn zu einem Holocaust-Vergleich: Das sei wie damals, als Hitler beschlossen habe, die Juden zu töten. Auch den früheren venezolanischen Diktator Nicolás Maduro und das Regime in Kuba nahm Lula allzu lange in Schutz.
Seine Gegner werfen Lula vor allem vor, dass er korrupt sei und ein verfilztes Politsystem geschaffen habe. Das ist nicht aus der Luft gegriffen, wie verschiedene Bestechungsskandale der letzten zwanzig Jahre deutlich machen. Dennoch illustriert gerade dieser Punkt, dass Flávio Bolsonaro kaum eine bessere Alternative gewesen wäre: Auch er steht unter Korruptionsverdacht und soll etwa den Skandalbanker Daniel Vorcaro um Millionen von Dollar gebeten haben, angeblich für ein Filmprojekt. Ausserdem sind Bolsonaros Kontakte zu kriminellen Milizen belegt.
Immense Risiken
Der rechte Kandidat hätte vielleicht Reformprojekte durchgebracht, die eine freiere Marktwirtschaft und den Abbau staatlicher Bürokratie ermöglicht hätten. Zudem versprach er ein härteres Vorgehen gegen kriminelle Banden und fand damit verständlicherweise Zuspruch bei vielen Brasilianerinnen und Brasilianern, die genug haben von Raubüberfällen und Erpressungen. Doch die Risiken einer weiteren Präsidentschaft Bolsonaro wären immens gewesen.
Das zeigt sich an seiner Weigerung, das Resultat vom Sonntag anzuerkennen, obwohl auch sein Lager längere Öffnungszeiten der Wahllokale verlangt hat und der Vorsprung von Lula am Schluss mehr als vier Millionen Stimmen betrug. Es droht damit eine Wiederholung der Ereignisse von 2022, als Flávios Vater Jair seine Niederlage ebenfalls nicht hinnehmen wollte. Ein Mob seiner Anhänger stürmte daraufhin das Oberste Gericht, den Präsidentenpalast und das Parlamentsgebäude in der Hauptstadt Brasilia.
2025 verurteilte das Oberste Gericht Jair Bolsonaro wegen des versuchten Staatsstreichs zu 27 Jahren Haft. Es fehlt den Bolsonaros mit ihrem autoritären Politikverständnis offensichtlich an Respekt vor den demokratischen Institutionen und der Gewaltentrennung. So wollte Flávio als eine seiner ersten Amtshandlungen den Vater begnadigen und damit den Rechtsstaat aushöhlen.
Gesellschaftspolitisch hätte der extrem konservative Bolsonaro junior mit hoher Wahrscheinlichkeit für Rückschritte gesorgt, etwa in der Abtreibungsfrage oder bei den Rechten sexueller Minderheiten. Mit ihm, der selbst evangelikal ist, wäre die Macht der protestantischen Fundamentalisten noch weiter gewachsen. Sie wähnen sich in einem «spirituellen Krieg» gegen alles, was ihrer wörtlichen Auslegung der Bibel widerspricht, und verteufeln Andersdenkende.
Der Regenwald hätte unter einer Regierung von Flávio Bolsonaro wohl ebenso gelitten wie unter seinem Vater. Lula jedoch konnte die Abholzung im Amazonasgebiet zuletzt auf den tiefsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 1988 senken.
Nicht der Hinterhof der USA
Zudem bleibt das mit Abstand grösste Land Südamerikas nun ein Gegengewicht zum neoimperialistischen Dominanzstreben von Donald Trump. In praktisch allen Ländern der Region sind sonst derzeit Rechtsaussenpolitiker an der Macht, die sich gegenüber Washington äusserst devot zeigen. Auch Bolsonaro junior hätte sich in diese Allianz eingereiht. Lula hingegen sagt, in Anspielung auf ein entsprechendes Bonmot zu den amerikanischen Machtansprüchen, zu Recht: «Wir sind niemandes Hinterhof.»
Für viele Brasilianer war es eine Wahl des kleineren Übels. Lula ist ein Mann der Vergangenheit. Er wird am Dienstag 81 Jahre alt und steht wohl vor seiner letzten Amtszeit. Für diese zeichnet sich eine institutionelle Blockade ab, weil die Bolsonaro-Partei im Parlament eine starke Position bekommen hat.
Umso wichtiger wäre es, dass in den nächsten Jahren starke Figuren aus der politischen Mitte hervortreten, die das Land mit wirtschaftlichen Reformen und Kompromissbereitschaft in die Zukunft führen – und auch die tiefe Spaltung zwischen links und rechts überwinden können.
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