Kreuzfahrt-Boom hält trotz Iran-Krieg und Wirtschaftsflaute an

Touristen machen ein Selfie mit einem Kreuzfahrtschiff im Hintergrund.

Reisetrends Schiffsreisen boomen - trotz Krisen

Stand: 26.07.2026 • 12:29 Uhr

Trübere Aussichten für die Wirtschaft, teurere Energie und globale Unruhen können der Kreuzfahrt-Branche wenig anhaben. Verbände rechnen mit Passagier-Rekorden. Doch es gibt Risiken.

Heidi Radvilas

Über 37 Millionen Hochsee-Kreuzfahrten haben im vergangenen Jahr weltweit stattgefunden - so viele wie noch nie. Das hat die Cruise Lines International Association ausgerechnet.

Der Verband repräsentiert über 95 Prozent der weltweiten Kreuzfahrt-Angebote und erwartet in den kommenden Jahren weitere Passagierrekorde: Im laufenden Jahr könnten über 38 Millionen Schiffsreisen verkauft werden, bis 2029 gar über 42 Millionen.

Urlaub ist für viele ein Muss

Ein Grund ist: Die Deutschen etwa, die zu den fleißigsten Kreuzfahrern gehören, sparen offenbar - obwohl die wirtschaftlichen Aussichten schlechter sind - oft als letztes am Urlaub.

Christian Röhl, Chefökonom beim Neobroker Scalable Capital, erklärt: "Wir haben in den vergangenen Jahren einen gewissen Umschwung im Konsumverhalten gesehen. Dass man, wenn man spart, diesen klassischen materiellen Konsum - also Möbel, Autos, Kleidung - doch eher zurückfährt und sich dafür gerne mal Erlebnisse gönnt. Und ein wunderschönes Erlebnis ist nun mal Urlaub."

Das Hotel fährt mit

Dass gerade Kreuzfahrten mehr Urlauber überzeugen, hat viel mit deren Konzept zu tun, beobachtet Röhl: "Das ist ein All-inclusive-Gesamtpaket. Wenn man einmal die Entscheidung getroffen hat, man geht auf ein Schiff, dann kann man da den ganzen Urlaub verbringen und bekommt sehr viel organisiert."

Es gehe um "Convenience", also Bequemlichkeit: Für Essen ist gesorgt, genauso für Unterhaltung, für Wellness- und Sportangebote. Man kann Extras buchen, wie etwa Landausflüge, muss man aber nicht. Und egal, wo man von Bord geht, das schwimmende Hotel ist immer dabei.

Bei Schiffsreisen gibt es mittlerweile fast nichts, was es nicht gibt: von günstig bis zu extremem Luxus, von kleinen Schiffen bis zu riesigen Linern mit mehr als 7.500 Passagieren. Es gibt Kreuzfahrten für Familien, für Singles, für Schlager- oder Heavy-Metal-Fans, von Party bis Kultur.

US-Amerikaner sind Kreuzfahrt-Weltmeister

Das scheint viele zu überzeugen - vor allem in den USA. Von dort kommen die fleißigsten Kreuzfahrer. Im vergangenen Jahr zählte der internationale Branchenverband CLIA in den USA 20,6 Millionen Hochsee-Schifffahrten. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Plus von 7,5 Prozent.

Die deutschen Kreuzfahrer folgen - zwar mit großem Abstand, aber doch auf Platz 2. Fast drei Millionen Hochsee-Cruises waren es 2025, zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Lukratives Geschäftsmodell

Für die Reedereien scheint sich das Geschäft zu lohnen. Die Royal Caribbean Group, eine der weltweit bedeutendsten Kreuzfahrt-Reedereien, hat im vergangenen Jahr einen Nettogewinn von über vier Milliarden Dollar eingefahren.

Der Ticket-Preis der Kreuzfahrten sei so gestaltet, dass er möglichst die Fixkosten decke, sagt Röhl von Scalable Capital. Die Tickets könnten - gerade wenn Tausende Passagiere mitfahren - teils vergleichsweise günstig angeboten werden. So bekomme man die Schiffe voll: "Der Profit kommt eigentlich aus den Extras, also den Landausflügen, den Spezialitäten-Restaurants, den Spa-Angeboten, dem Casino und den Alkoholpaketen." Denn all das ist extra zu zahlen.

Ein Vorteil der Schiffe im Vergleich zu den meisten Locations auf dem Festland: An Bord sei der Reeder Monopolist, betont Röhl. "Das heißt, egal, wo man Geld ausgibt - und auch wenn man an Bord nur aus Langeweile shoppen geht oder Kunst kauft -, es landet am Ende immer in den Taschen der Reederei. Das ist ein ganz nettes Geschäftsmodell."

Kreuzfahrt-Aktien: Nach Corona auf Wachstumskurs

Ein Geschäft, das auch viele Aktieninvestoren überzeugt. Die drei größten Reedereien in dem stark konzentrierten Markt sitzen in den USA: Die nach Anzahl der Passagiere und Schiffe größte Reederei ist die Carnival Corporation. Es folgen die Royal Caribbean Group und die Norwegian Cruises.

Die Namen dürften vielen Kunden in Deutschland eher unbekannt sein. Was wenige wissen: Die hierzulande aktive AIDA Cruises gehört zu Carnival. Die Royal Caribbean Group betreibt gemeinsam mit der TUI Group unter anderem die im deutschen Markt bekannte Marke "Mein Schiff".

Die drei Top-Kreuzfahrtanbieter sind an der New York Stock Exchange gelistet. Alle sind Teil des S+P 500, dem Index der 500 bedeutendsten Unternehmen der USA.

Seit dem Ende der Corona-Krise sind die Anteilsscheine der Unternehmen wieder auf Erholungskurs. Zuvor war der Wert der teils sehr erfolgreichen Papiere durch die Pandemie abgestürzt. Kein Wunder, gab es doch kaum oder zeitweise gar keine Schiffsreisen, aber die Fixkosten blieben.

Iran-Krieg sorgt für Unruhe

Auch das hat gezeigt: Die Branche ist sehr abhängig von externen Faktoren. Durch globale Krisen wie den Krieg der USA und Israels gegen Iran reagieren Anleger teils verunsichert, beobachten Analysten. Die Kurse der Kreuzfahrtaktien reagierten volatil. Aber der positive Trend halte noch, heißt es.

Zwar schlagen sich etwa gestiegene Treibstoffpreise durch den Iran-Krieg Experten zufolge durchaus in den Büchern der Reedereien nieder. Genauso wie die Tatsache, dass Reisen - etwa nach Dubai beziehungsweise an den Persischen Golf - wegen des Kriegs abgesagt werden mussten.

Größere Auswirkungen könnten aber abgewendet werden, weil auf andere Ziele ausgewichen werde. Torsten Kirstges von der Jade-Hochschule Wilhelmshaven sagt: "Die Reedereien mussten viele Ziele im arabischen Raum canceln. Mussten umrouten auf andere, sicherere Reiseziele."

Das mache Arbeit, koste deshalb auch, aber wenn alles gut laufe, fließe über die neu gewählten Destinationen wieder Geld. Außerdem betont Tourismus-Forscher Kirstges: "Die Zielgebiete im arabischen Raum sind nicht die Cashcows der Reeder." Die liebsten Ziele der Kreuzfahrt-Kundschaft lägen anderswo: in der Karibik, im Mittelmeer und an der Ostsee.

Investitions-Marathon steht an

Doch die Kreuzfahrtbranche hat auch mit anderen zahlreichen Herausforderungen zu kämpfen. Da sind die teilweise während der Corona-Pandemie angehäuften Schuldenberge. Gleichzeitig sei das Geschäft sehr kapitalintensiv, erklärt Röhl: "Die großen Schiffe der neuesten Generation kosten 1,5 bis zwei Milliarden Dollar. Die müssen sie erstmal haben. Und wenn das entsprechend finanziert ist, sind wir gleich beim Thema Zinsen."

Außerdem gibt es Forderungen, die Arbeitsbedingungen und Löhne der Mitarbeiter auf den Schiffen zu verbessern. Es gelte immer das Arbeitsrecht des Landes, bei dem das jeweilige Schiff registriert sei. "Das sind meist Länder, die nicht so ein Arbeitsrecht haben wie wir in Deutschland."

Kunden scheuen Extra-Zahlungen

Dazu kommen immer strengere Umweltauflagen, die hohe Investitionen erfordern: etwa in Schiffe, die mit umweltfreundlicheren Treibstoffen wie Flüssiggas oder Methanol betrieben werden. Tourismus-Forscher Kirstges meint: "Man muss fairerweise sagen, dass sich die Kreuzfahrtindustrie bei sozialen und bei Umweltfragen durchaus in die richtige Richtung bewegt - vielleicht etwas zu langsam."

Allerdings: "Der Kunde schätzt es, wenn Anbieter soziale Standards einhalten oder in Umweltschutz investieren. Er nimmt es gerne mit. Aber er ist nicht bereit für einen Anbieter, der nachhaltiger arbeitet, vielleicht nochmal einen Hunderter draufzulegen." Was die Margen der Reedereien schmälern dürfte, die besonders auf Nachhaltigkeit setzen.