Rede im Wortlaut
Van der Bellen in Salzburg: "Mit dem Begriff 'Heimat' wird viel gefährlicher Blödsinn getrieben"
Der Begriff darf nicht politisch einseitig instrumentalisiert werden, sagt der Bundespräsident bei der Eröffnung der Festspiele. Und er warnt: "Die schönste Heimat wird unbewohnbar ab 40 Grad Celsius"
Kommentar der anderen
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Alexander Van der Bellen
Maria Kalesnikava (die Festrednerin, Anm.) setzte sich friedlich für mehr Demokratie in Belarus ein, in aller Öffentlichkeit. Das nennt man Zivilcourage. Dafür sperrten die dortigen Behörden sie für Jahre in eine winzige Gefängniszelle. Frei kam Maria Kalesnikava durch diplomatische Interventionen – frei, aber nicht für ein weiteres Leben in ihrer Heimat Belarus, sondern für ein Leben in Westeuropa. Unfreiwillige Migration könnte man das nennen. Ich hoffe, Frau Kalesnikava, Sie finden bald eine neue, eine zweite Heimat, die dann neben ihrer ersten Heimat weiterbestehen wird.
Ich selbst denke in letzter Zeit auch wieder mehr über Migration und den Begriff "Heimat" nach.
Nicht nur, weil meine eigene Familienbiografie seit 300 Jahren auch eine Geschichte von Migration und "Immer-wieder-Heimkommen" ist. Wie Sie vielleicht wissen, bin ich 1944 in Wien geboren. Meine Eltern – sie eine Estin, er ein Russe – hatten aus dem heutigen Estland emigrieren müssen, aus begründeter Angst vor den sowjetischen Behörden. Und gelandet sind wir schlussendlich dann im Tiroler Kaunertal, das ich sehr liebe und das meinem Herzen am nächsten ist. Dort bin ich aufgewachsen, dort bin ich in allen Ferien wieder zurückgekehrt.
"Heimat ist zunächst einmal eine Gnade, oder um es trockener auszudrücken, sie ist ein Glück."
"Bisch als Flichtlingskchind kcheïma, und iatz, iatz bisch uanr vo ins" hat Pepi Raich, der Kaunertaler Bürgermeister zu mir gesagt. Sie können sich kaum vorstellen, wie bewegend dieser Satz auch heute noch für mich ist.
Also Sie sehen, ich denke über den Begriff "Heimat" nach. Nicht nur, weil Kunst, auch wie sie hier im wunderschönen Rahmen der Festspiele stattfindet, vielen Menschen Heimat ist. Sondern weil mit dem Begriff "Heimat" viel gefährlicher Blödsinn getrieben wurde und wird. Weil dieser so hehre und wichtige Begriff politisch missbraucht wird. Und das gefällt mir gar nicht.
Jackpot geknackt
Heimat ist zunächst einmal eine Gnade, oder um es trockener auszudrücken, sie ist ein Glück. Glück in der Geburtslotterie. Denn kein Mensch sucht sich aus, wo genau und bei wem er diesen Erdball betritt.
So gesehen haben wir alle hier in der EU den Jackpot geknackt, denn wir leben auf einem freien, demokratischen und wohlhabenden Kontinent. Das war nicht immer so, aber dass es heute so ist, verdanken wir einer einzigartigen zivilisatorischen Leistung. Die Menschen Europas hatten einander bis aufs Blut bekämpft, hatten einander umgebracht und massakriert, bis zum tiefsten Nullpunkt des Menschseins hinunter.
Die sogenannte völkische Idee hat sie in den Wahn getrieben, es gäbe so etwas wie einen "Volkskörper" und man müsse diesen "rein" halten. Man müsse alle, die nicht zu diesem sogenannten "Volkskörper" gehören, deportieren. Egal wohin. Wer dazugehört und wer nicht, bestimmte die Willkür und ihre Schergen. All das sollte zur Genüge bekannt sein. Oder?
Kompromisse finden
Und dann haben wir erkannt: Wenn wir möchten, dass Hass, Mord und Vernichtung nie wieder geschehen in Europa, dann müssen wir zusammenarbeiten. Wir müssen. Ob wir wollen oder nicht. Aufeinander zugehen, bei allen Unterschieden und vorherigen Feindschaften, und lernen, einander zu verstehen.
Das ist das, was wir heute den "Geist der Lagerstraße" nennen. In diesem Geist wurde unsere Heimat Österreich nach 1945 errichtet. Wir wussten, wir müssen Kompromisse finden, über große Schatten springen, ob das leicht ist oder nicht. Wir hatten zu lernen, dass Kompromisse nicht gleich als Verrat an Gesinnungsdogmen gelten dürfen, sondern auch Zeichen von demokratischer Reife und politischer Verantwortung sein können. Freilich, was man einmal gelernt hat, kann man auch wieder verlernen. Ich hoffe, das ist nicht der Fall.
Das Innenleben jeder funktionierenden freien, liberalen Demokratie, besteht nolens volens auf Kompromissen, insbesondere in Koalitionsregierungen. Wer das kleinredet und geringschätzt, missachtet den Kern des Aufblühens unserer Heimat.
"Auch das ist Heimat: Nehmen und Geben."
Heimat ist etwas, auf das man stolz sein möchte, und in der Regel auch ist. Ich bin stolz darauf, ohne deshalb arrogant zu werden, welch weiten Weg wir gekommen sind in Österreich und in Europa.
Ich bin stolz auf Österreich. Und ich denke, dass wir auch jeden Grund haben, stolz auf unser Europa zu sein, europapatriotisch zu sein. Denn viele der großen Errungenschaften der Zivilisation nahmen hier ihren Ursprung. Die freie, liberale Demokratie ist nur eine davon, nicht die unwichtigste. Sie garantiert Meinungsfreiheit. Gleichberechtigung. Sie garantiert Gewaltenteilung. Sie garantiert Freiheit der Kunst. Sie garantiert Menschenrechte. Und fordert Menschenpflichten. Denn auch das ist Heimat: Nehmen und Geben.
Unabhängiger werden
Heimat ist da für uns. Sie kann aber nur da sein für uns, wenn wir für sie da sind. Das bedeutet, dass alle, die diese Heimat teilen, die Grundregeln einhalten, die hier gelten und die das Zusammenleben überhaupt erst ermöglichen. Und Heimat verlangt von uns auch, dass wir nach außen für sie einstehen.
Denn Europa und der europäische Zusammenhalt werden gerade getestet. Angriffe kommen nicht gerade aus allen Himmelsrichtungen, aber jedenfalls aus Ost und West. Wir müssen alles tun, um unabhängiger von der Willkür fremder Regierungen zu werden. Unabhängig in der Energieversorgung, unabhängig in der digitalen Welt. Souverän auch in unserer Verteidigungsfähigkeit.
Gute Köpfe
Wir müssen unsere Köpfe nutzen – und wir haben sehr gute Köpfe – und handeln: Weitblickend. Mutig. Friedvoll. Konsequent. Gemeinschaftlich. Heimat ist so vieles. Und selbstverständlich wird diese Aufzählung nicht vollständig sein können. Aber es ist mir wichtig, dass der Heimatbegriff nicht eng geführt und politisch einseitig instrumentalisiert wird.
Nur eines noch: Die schönste Heimat wird unbewohnbar ab 40 Grad Celsius. Also hören wir auf uns darüber zu streiten, ob wir uns die Klimakrise einbilden oder nicht. Ob Windräder schick aussehen oder nicht, ob echter Schnee überbewertet ist oder nicht. Und handeln wir. Gehen wir nach vorn. Packen wir’s an. Für unsere Heimat. Die Salzburger Festspiele sind eröffnet. (Alexander Van der Bellen, 26.7.2026)
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