Er ist um die sechzig, würde gern noch ein paar Jahre dranhängen, aber seinem Vorgesetzten wäre es lieber, Detective Sergeant DC Smith nicht mehr an der Backe zu haben. Ein unscheinbarer, kleiner, drahtiger Mann, der sich aufrecht hält. Eigensinnig, gar pedantisch, wenn es um Grammatik und die richtige Zubereitung der unverzichtbaren Tasse Tee geht. Trockener Humor, höfliches Auftreten. Im Bedarfsfall körperliche Gewalt, mögliches Erbe seiner Vergangenheit, die einen Einsatz im Nordirlandkonflikt verzeichnet. Außerdem spielt DC, wie ihn alle nennen, E-Gitarre, hat seine Frau an den Krebs verloren, ist darüber ein Trauernder geblieben, aber nicht depressiv geworden.
Wir lernen ihn kennen bei einem Gespräch mit Detective Superintendent Allen, als er nach einem internen Ermittlungsverfahren wieder den Dienst antritt. Der Vorgesetzte will ihn Richtung Ruhestand bugsieren, und sogleich weiß man als Leser, wem die Sympathie zu gelten hat: „Früher, dachte Smith, bestand die Rückkehr nach einer Grippe oder einer Verletzung darin, dass man sich einstempelte und den Müll aus seinem Postfach in den Papierkorb schmiss. Heutzutage wird jedes Mal ein hochoffizielles Willkommensgespräch veranstaltet. Kein Wunder, dass jeder der Chef sein wollte.“

Eine Ambition, die Smith nicht teilt. Er war schon Detective Inspector und hat sich auf den Dienstgrad Detective Sergeant zurückstufen lassen. Warum, erfahren wir nicht. Und warum er DC genannt wird – bitte nicht verwechseln mit dem gleichlautenden Einstiegsdienstgrad eines Detective Constable –, sehr spät: Es sind die Initialen seiner Vornamen David Conrad, die ihm die lesewütige Mutter gab, als Verbeugung vor ihren Lieblingsschriftstellern D.H. Lawrence und Joseph Conrad.
Angesiedelt im fiktiven King’s Lake, das in Wirklichkeit King’s Lynn heißt, hat „Ein unglücklicher Tod“ alles, was ein guter englischer Krimi braucht. Es geht um einen im Fluss ertrunkenen Siebzehnjährigen, der sich mit einem vorbeifahrenden Kanufahrer ein Showgefecht liefert und nicht mehr auftaucht, obwohl er ein ausgezeichneter Schwimmer ist. Von dem Kanufahrer fehlt zunächst jede Spur, also schiebt man die Sache Richtung Unfalltod, um den Fall ad acta legen zu können. Aber Smiths direkte Vorgesetzte, die einst durch seine Schule ging und deswegen zu ihm hält, bittet ihn, „den Papierkram“ abzuschließen – was übersetzt heißt: Wenn einer Ungereimtheiten entdecken kann, dann ist es DC.
Alte Rechnungen sollen beglichen werden
In der Pathologie entdeckt Smith am Leichnam Hämatome, die darauf hindeuten, dass jemand versucht hat, den Jungen wiederzubeleben – womit die Tür zu einem komplexeren Rätsel aufgestoßen ist. Es führt in die Welt einer verschwiegenen Gemeinschaft von Geflüchteten, die nach dem Zerfall Jugoslawiens in England eine neue Heimat fanden. Und alte Rechnungen mitbrachten, die beglichen werden sollen, etwa mit britischen Soldaten, die damals im Bürgerkrieg eine unrühmliche Rolle spielten.
Wie DC Smith diese Nuss knackt, nämlich mittels seiner sich elegant an den Vorschriften vorbei schlängelnden Ermittlungstechnik, ist lesenswert. Und dass er nebenbei noch einen Kriminallehrling ausbildet, macht seine Leistung doppelt reif.
Der Roman, der nun auf Deutsch bei Diogenes erscheint, datiert bereits aus dem Jahr 2013. Und das kam so: Robert Partridge, Jahrgang 1954, war dreißig Jahre lang Englischlehrer am Cromwell Community College in Chatteris, unweit seines Wohnortes Ely in Cambridgeshire. Als er in Ruhestand ging, war er im gleichen Alter wie sein Protagonist DC Smith, den er erfand, nachdem er vier Romane geschrieben hatte, die niemand lesen, geschweige denn verlegen wollte.
Dass er aufs Krimigenre umsattelte, war eher Zufall, und den Weg zum Selfpublisher wies ihm sein Sohn, der ihm erklärte, wie man auf Kindle einen Roman hochlädt. „An Accidental Killing“ war der erste Streich, es folgten sechzehn weitere, mit denen Peter Grainger, wie er sich als Autor nennt, eine Million elektronische Exemplare verkaufte. Er verdiente nicht nur ordentlich Geld damit. Es pfuschte ihm auch niemand ins Handwerk, und er bekam viel Fanpost – und das alles jenseits des traditionellen Buchmarkts.
Warum die Holzverlage zwölf Jahre brauchten, um diesen Blockbuster im Netz zu entdecken, der dort mehr Follower hat als der schottische Großmeister Ian Rankin, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Erst im vergangenen Jahr ließ sich Grainger von einem Agenten überreden, bei Heinemann zu unterschreiben. Im April ist Band eins im Vereinigten Königreich erschienen, im Juni folgte als zweiter Band die Nummer 17 der Reihe („Some Sort Of Justice“) – nur keine Leserverwirrung auslassen.
Wenn er nicht schreibt, beobachtet er Vögel
Mit dem Schreiben gehe es ihm wie anderen Leuten mit dem Rauchen – er komme einfach nicht davon los. Das hat Grainger der „Financial Times“ erzählt. Dabei habe er durchaus Bedenken, dass ihn sein Verlag künftig in Diskussionen verwickeln könnte. Etwa über Fragen, ob man das heute noch so formulieren könne. Aber er könne doch nicht seine alten Romane umschreiben. Die sind klassisch entwickelte, ökonomisch erzählte Detektivgeschichten, die Dialoge sitzen, die alte Regel „Show, don’t tell“ wird allzeit beherzigt.
Fürs Erste dürfte es vorbei sein mit dem beschaulichen Rentnerdasein als Vogelbeobachter. Auch wenn DC Smith nun womöglich doch das Pensionsalter erreicht hat. Denn Grainger erwägt eine neue Serie, mit einer ehemaligen MI5-Agentin im Zentrum – die „Slow Horses“-Reihe von Mick Herron grüßt schon mal aus London. Auch bei Herron hat es übrigens neun Jahre gedauert, bis seine Romane über den nämlichen Zürcher Verlag den Weg ins Deutsche fanden. Die Guten halten das aus.
Peter Grainger: „Ein unglücklicher Tod“. Ein Fall für DC Smith. Aus dem Englischen von Eva Regul. Diogenes Verlag, Zürich 2026. 272 S., br., 14,95 €.