Italiens Industrieabbau: Krise und Lichtblicke im Vergleich

Die Wall Street will dem Unternehmen die Börsennotierung entziehen, denn es ist dort schon länger weniger als 15 Millionen Dollar wert. Die Familie kämpft, der 86 Jahre alte Gründer Pasquale Natuzzi ist zurückgekehrt, um den abgetretenen Vorstandsvorsitzenden vorübergehend zu ersetzen, und hat einen Notkredit von fünf Millionen Euro gewährt. Fast zwei Drittel der knapp 1800 Mitarbeiter werden nun in Kurzarbeit geschickt, zwei von fünf Werken wurden geschlossen, und 120 Stellen fallen weg. Stattdessen zieht Natuzzi eine Fertigung in Rumänien hoch. „Gemessen am Umsatz und an den Kosten ist unser industrieller Fußabdruck in Italien zu groß“, sagte Natuzzi kürzlich gegenüber Analysten.

Sein Unternehmen ist ein Symbol für die industrielle Krise, in der Italien seit geraumer Zeit steckt. Das Land südlich der Alpen ist die zweitgrößte Industrienation Europas, wenn man dafür das Gewicht des verarbeitenden Gewerbes an der Wertschöpfung zugrunde legt. Daher sind die wirtschaftlichen Verbindungen zu Deutschland oft enger als die deutschen Beziehungen zu Frankreich. Aber wie geht Italien mit dem Druck auf die Industrie um?

„Seit der Covid-Pandemie hat Deutschland einen schärferen Industrieabbau erlebt als Italien, doch deswegen geht es Italien noch lange nicht gut“, fasst die Volkswirtin und Industrieexpertin Valentina Meliciani von der Universität Luiss in Rom die Lage zusammen. Das liege vor allem an der Automobilindustrie, die in Deutschland – von einer größeren Fallhöhe kommend – stärkere Rückgänge verzeichnet als in Italien. Denn südlich der Alpen ist die Produktion wegen der Standortverlagerung von den Herstellern Fiat & Co. und trotz des Bestehens zahlreicher Autozulieferer schon länger geschrumpft.

Pharmaindustrie exportiert trotz Trump-Zöllen in die USA

Die italienische Industrie kann aber auch von einigen Trümpfen profitieren. An erster Stelle steht dabei die Pharmaindustrie. In der breiten europäischen Öffentlichkeit sind Unternehmen wie Menarini, Chiesi, Recordati, Alfasigma und Angelini Pharma kaum bekannt, doch sie stellen solide Mittelständler mit Milliardenumsätzen dar, auch wenn sie insgesamt nicht annähernd in die Umsatzregionen großer Hersteller wie Roche, Novartis, Pfizer, Astra-Zeneca oder Sanofi kommen. In den beiden vergangenen Jahrzehnten haben die italienischen Hersteller ihren Umsatz um etwa die Hälfte erhöht, während alle anderen Industriesektoren – mit der Ausnahme von Nahrungsmitteln und Elektronikprodukten – zweistellige Rückgänge aufweisen (siehe Grafik). Die italienischen Hersteller arbeiten in einem Ökosystem aus Spezialanbietern mit internationalen Produktionsstandorten, Generikaherstellern, Verpackungsspezialisten und Produzenten im Fremdauftrag. Vorprodukte und Wirkstoffe beziehen sie seit einiger Zeit oft aus China oder Indien. Die Exportquote ist sehr hoch, und trotz der Zölle von Donald Trump gelang es den italienischen Pharmaherstellern, sogar die Ausfuhren in die USA im vergangenen Jahr zu erhöhen. Das lag teilweise an vorgezogenen Lieferungen, an Zollbegünstigungen für bestimmte Produkte und an Umleitungen von Handelsströmen über italienische Standorte.

„Die gesamten italienischen Warenexporte in die Vereinigten Staaten sind im vergangenen Jahr noch gewachsen, vor allem dank der Pharmaindustrie. Das war durchaus eine Überraschung“, berichtet Libero Monteforte vom Haushaltsbüro des italienischen Parlaments. Mit einem Zuwachs der USA-Ausfuhren von 7,2 Prozent war Italien 2025 das einzige größere EU-Land mit einem derartigen Exporterfolg jenseits des Atlantiks. Gegenüber dem Vorpandemiejahr 2019 lagen die italienischen Ausfuhren sogar um 42 Prozent höher. Die Vereinigten Staaten sind inzwischen Italiens wichtigster Exportmarkt hinter Deutschland.

„Italien ist sowohl hinsichtlich der Absatzmärkte als auch hinsichtlich der Branchen stärker diversifiziert. Damit ist das Land weniger anfällig für Schocks in bestimmten Branchen oder Ländern“, sagt die Ökonomin Meliciani. Eine China-Abhängigkeit wie in Deutschland gibt es nicht. Die Autozulieferer leiden zweifellos unter dem Nachfragerückgang der deutschen Hersteller sowie des italienisch-französischen Konzerns Stellantis, der Muttergesellschaft zahlreicher italienischer Marken. Der Maschinenbau mit seinen zahlreichen Spezialanbietern dagegen kann sich leichter auf neue Branchen umstellen, etwa auf die Luft- und Raumfahrtbelieferung, die von den Verteidigungsausgaben profitieren. Die geringe Größe der italienischen Unternehmen, die oft als Handicap bezeichnet wird, kann hier eine Chance bieten, weil sie Flexibilität erlaubt.

Es hapert im Digitalen, bei IT und KI

Gleichzeitig fehlen dem italienischen Mittelstand wegen seiner Zersplitterung oft aber die Budgets für Innovationen und Investitionen. Daher tut er sich auch schwer mit dem technischen Fortschritt. „Bei der Entwicklung fortgeschrittener Dienstleistungen, die wiederum eng mit der verarbeitenden Industrie verbunden sind, leidet Italien unter einer strukturellen Schwäche und schneidet schlechter ab als Deutschland, also beispielsweise bei Informations- und Kommunikationsdiensten, bei digitalen Diensten und Software“, sagt Meliciani. Mehr als 315.000 KI-Experten fehlen der italienischen Wirtschaft laut der Arbeitgebervereinigung Confartigianato. Das ist einer der Gründe, warum die Produktivität der italienischen Unternehmen kaum vorankommt. Wenn Elektronikprodukte in jüngerer Zeit noch ganz gut abgeschnitten haben, dann kamen sie meist vom französisch-italienischen Halbleiter-Hersteller ST Microelectronics, der vom Chipboom profitiert.

Insgesamt können diese Lichtblicke den Abbau der Industrie in Italien indes nicht aufhalten. In den vergangenen beiden Jahrzehnten verlor das verarbeitende Gewerbe rund 541.000 Stellen, wie Zahlen von Eurostat belegen, wobei der Tiefpunkt schon Mitte des vergangenen Jahrzehnts erreicht worden war und seither die Beschäftigung sogar wieder gestiegen ist (siehe Grafik). In Deutschland blieb die Beschäftigungszahl in diesem längeren Zeitraum weitgehend stabil, doch sie ging in den beiden vergangenen Jahren um 228.000 Personen zurück. In Italien macht das verarbeitende Gewerbe heute noch 28,8 Prozent des Bruttoproduktionswertes oder des gesamten Ausstoßes der italienischen Wirtschaft inklusive Vorleistungen aus, vor zwanzig Jahren waren es 30,3 Prozent. Die deutsche Industrie dagegen verlor stärker, von 34,4 auf 28 Prozent.

Etwas weniger hart getroffen zu sein als Deutschland, das tröstet in Italien freilich kaum jemanden. Adolfo Urso, Minister des von Giorgia Meloni sogenannten Ministeriums „Made in Italy“, eilt von einem industriellen Brandherd zum nächsten. Sei es das süditalienische Krisenstahlwerk „Ex-Ilva“, der schwedische Haushaltsgerätehersteller Electrolux oder der belgische Autozulieferer Dumarey in der Toskana, den die VW-Krise trifft. Es öffnen sich immer wieder neue Baustellen.

Dabei hat Italien in den vergangenen Jahren zunehmend ausländische Investoren angelockt. „Nach Covid gab es einen klaren Sprung nach oben, nur im vergangenen Jahr ging es bergab“, sagt Bruno Casella von der UN-Organisation für Handel und Entwicklung (Unctad). Ausländische Unternehmen hätten sich vor allem in den Bereichen erneuerbare Energien, Halbleiter und Datenzentren breitgemacht. Die Investitionsbehörde Invest in Tuscany ergänzte auf einer Veranstaltung in Florenz, dass etwa die französischen Modeunternehmen LVMH, Chanel und Kering seit 2019 mehr als 1,3 Milliarden Euro in der Toskana investiert und 4200 Arbeitsplätze geschaffen hätten. Ausländisch kontrollierte Unternehmen schufen insgesamt in dieser Region sogar gut dreimal so viele Stellen, ergänzt der toskanische Regionalpräsident Eugenio Giani. „Die Toskana verfügt also nach wie vor über eine solide industrielle Basis. Diese muss jedoch gegen die Risiken der Geopolitik sowie der digitalen, ökologischen, energetischen und demographischen Transformation geschützt werden“, sagt Giani.

Doch wie? Als große Bremsen für beide Länder nennen die Industrieexperten des Instituts für Studien der internationalen Politik (ISPI) hohe Energiepreise und einen schwierigeren Zugang zu Kapital, als ihn Unternehmen in den Vereinigten Staaten und China haben. Und damit ist die Mängelliste noch nicht erschöpft. Nach Ansicht der deutsch-italienischen Handelskammer in Mailand, welche die ISPI-Studie in Auftrag gab, muss man dennoch nicht nur Trübsal blasen. Italien und Deutschland verfügten weiterhin über strategische Hebel. 270 Produkte haben die Studienautoren analysiert. Deutschland und Italien würden etwa in bestimmten Technologien für Elektromobilität und Verkehr sowie bei modernen Industriemaschinen und Robotik größere Exportanteile erreichen als China und die Vereinigten Staaten. Die Hoffnung der Kammer, getragen von einem Stück Zweckoptimismus, lautet: Eine „europäische Renaissance der Industrie“ sei möglich.