Leihmutterschaft in der Schweizer Politik heftig umstritten
Ist Leihmutterschaft Ausbeutung – oder ist das Verbot schädlich?
Der Rücktritt von Jens Spahn entfacht eine Debatte um die Leihmutterschaft. Auch in der Schweiz ist sie verboten – während einige Politiker eine Legalisierung fordern, warnen andere vor der Ausbeutung von Frauen.
Publiziert: 18:26 Uhr
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Aktualisiert: 19:04 Uhr
Darum gehts
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- Jens Spahns Rücktritt entfacht Diskussion um Leihmutterschaft, die in der Schweiz verboten ist
- SVP kritisiert mögliche Ausbeutung und Risiken, FDP befürwortet klare Legalisierungsbedingungen
- Bundesrat plant Gesetzesänderung zur Eizellenspende, Leihmutterschaft bleibt umstritten
Céline ZahnoRedaktorin Politik
Der Rücktritt des deutschen Politikers Jens Spahn (46, CDU) wirft ein Schlaglicht auf die Debatte um die Leihmutterschaft. Spahn hat zusammen mit seinem Mann ein Kind per Leihmutterschaft in den USA willkommen geheissen. In Deutschland ist die Leihmutterschaft verboten – der Vorwurf der Doppelmoral kostete Spahn letztlich sein Amt.
Das Verbot gilt auch in der Schweiz. Zwar bewegt sich in der hiesigen Fortpflanzungsmedizin gerade viel, das Thema Leihmutterschaft bleibt jedoch stark umstritten.
«Finanzielle Notlagen können missbraucht werden»
Klar gegen eine Liberalisierung positioniert sich SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel (45). «Ich stehe der Leihmutterschaft sehr kritisch gegenüber», sagt sie zu Blick. «Es geht dabei um den Schutz der Frau: Es besteht die Sorge, dass Frauen aus finanziellen Notlagen als Mittel zum Zweck missbraucht werden und Gesundheitsrisiken eingehen.»
Auch um das Kindeswohl sorgt sich die Zürcherin: «Das Kind hat ein Recht auf die eigene Abstammung.» Leihmutterschaft trenne biologische, genetische und rechtliche Elternschaft. «Wo gehört das Kind am Schluss hin? Dies sehe ich als Juristin und Mutter sehr kritisch.» Wenn sich ein Paar ein Kind wünsche, dieses aber nicht bekommen könne, stehe immer noch der Weg der Adoption offen, so Fehr Düsel. «Die Kinder, die schon auf der Welt sind, sind froh um einen guten Platz.»
«Immer mehr Paare reisen ins Ausland»
Die Meinungen zur Leihmutterschaft verlaufen nicht entlang klassischer Parteigrenzen, sondern spiegeln konservative und liberale Werte wider. Befürworterinnen finden sich etwa bei den Freisinnigen.
Bettina Balmer, FDP-Nationalrätin und Präsidentin der FDP-Frauen, ist für eine Legalisierung der Leihmutterschaft und offen dafür, das Thema politisch anzugehen. «Immer mehr Paare reisen ins Ausland und nehmen dort eine Leihmutterschaft in Anspruch», sagt Balmer. «Ich finde es sinnvoller, die Leihmutterschaft auch bei uns zu legalisieren und sie stattdessen an klare Bedingungen zu knüpfen.»
Für die Zürcher Politikerin ist klar: Die Praxis müsste auf gegenseitigem Einverständnis basieren, ohne finanziellen Druck oder Zwang, und alle Involvierten müssten zurückverfolgbar sein. «Wenn auch nur der Hauch eines Verdachts auf Zwang besteht, dann bin ich dezidiert dagegen.»
Auch die Jungfreisinnigen fordern ein Umdenken. «Das geltende Verbot verhindert die Praxis nicht, sondern verlagert sie ins Ausland», kritisiert Vizepräsidentin Melanie Racine (27). Dieser «Leihmutterschaftstourismus» entziehe Frauen und Kinder dem Schutz des Schweizer Rechts und delegiere die ethische Verantwortung an ausländische Rechtsordnungen. Für Racine basiert die aktuelle Familienpolitik auf «überholten Rollenbildern» und benachteiligt besonders gleichgeschlechtliche Paare.
Eizellenspende soll legalisiert werden
Die Fortpflanzungspolitik hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Der Bundesrat überarbeitet derzeit das Gesetz, um die Eizellenspende zu legalisieren. Im Gegensatz zur Leihmutterschaft wird dabei nur die Zelle gespendet, das Kind aber von der Wunschmutter ausgetragen.
Im Vergleich bleibt die Leihmutterschaft das weitaus kontroversere Thema. «Aus liberaler und feministischer Perspektive ist die Leihmutterschaft ein sehr schmaler Grat», sagt etwa GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy (47). Auf der einen Seite sei die Selbstbestimmung, jemandem einen unerfüllten Kinderwunsch zu ermöglichen, auf der anderen Seite das erhebliche Missbrauchspotenzial. «Ich persönlich würde eine altruistische Leihmutterschaft innerhalb klarer Leitplanken unterstützen, mir scheint aber, die Frage stellt sich zurzeit nicht in der Schweiz.»