Die hundsgemeine Wegschnecke verwüstet Blumenkohl und wird Hass ernten. Doch hat auch sie Tugenden. Und wahre Größe wäre, ihr mit Liebe zu begegnen.
Foto: Karina Hessland/imago
Nacktschnecken zu hassen, ist trivial, aber schwer zu vermeiden. Wüsste irgendjemand, wie mit ihnen zu reden ist? Allein der Blick auf den Blumenkohl versetzt einen Stich ins Herz: Er sieht aus wie ein merkwürdig blassgrüner Bonsai-Kameldornbaum in der namibischen Wüste, bloß höhnisch von einem Schneckenkragen umgeben, den keine Molluske überwindet.
Keine, außer Arion vulgaris, jenes phänomenale Weichtier, das zwischendurch in Deutschland den Namen „Spanische Wegschnecke“ trug. Dabei kommt es überall in Europa vor, außer in Spanien.
Arion vulgaris erinnert äußerlich, also in Farbe und Form, an die Kackwurst eines wegen Girardienbefalls auf Karottendiät gesetzten Cockerspaniels. Sie bewegt sich aber deutlich schneller, in alle Richtungen und über alle Hindernisse hinweg. Wer sie im Garten einsammelt, sollte den Eimer nie länger als 30 Sekunden aus dem Auge lassen!
Sie frisst alles, was angebaut werden soll, und lässt alles andere, und sei es noch so zart, einfach stehen. Vielleicht wäre es ratsam, auf Gierschkultur umzuschwenken, den sie verschmäht; eine Quiche à l'égopode oder Cannelloni alla castalda sind ja auch lecker. Aber wahrscheinlich würde sich dieser Urmund dann auf dessen Keimlinge wälzen, statt Zucchini- und Zichorientriebe wegzuzutzeln.
Tiere in der Großstadt
Ist es falsch, eine Katze in der Großstadt zu halten, wieso geraten sogar Freunde über die Frage, wie man es mit Stadttauben hält, in Streit und ist ein böser Mensch, wer Nacktschnecken hasst? Diesen und anderen Fragen zum Verhältnis von Mensch und Stadtier spürt diese kleine Serie in loser Folge nach.
Von dieser Kackschnecke wird oft behauptet, dass es sie früher nicht gab. Das ist falsch. Ihrem Erfolg geht aber ein irre langer Anlauf voraus: Aus dem Haus der Achatschnecken ist sie laut Genanalyse bereits vor 126 Millionen Jahren ausgezogen. Außerdem aber hat die Sequenzierung durch Zeyuan Chen 2022 an der Zoologischen Staatssammlung München ergeben, dass drei Viertel ihres Genoms mobil sind.
Das heißt, sie hat es in der DNA, auf veränderte Markt-, Standort- oder Umweltbedingungen wie trockene Sommer oder bittere Blätter spätestens in der nächsten Eiablage zu reagieren. Sie strukturiert sich einfach um. Sie verkörpert also die neoliberalen Kerntugenden Flexibilität und Anpassungsfähigkeit in einem Maße, von dem das gehobene Management nur träumen kann.
Teamfähig ist sie auch: So hat Schneckenfarmerin Monika Samland beobachtet, wie sich eine Arion-vulgaris-Bande auf eine Weinbergschnecke gestürzt, ihr Gehäuse geentert und sie dann von innen heraus aufgefressen hat. Konkurrenz wie die Rote Wegschnecke (Arion rufus), aber auch die grünlich-graue gemeine Gartenwegschnecke (Arion distinctus) beseitigt sie noch gründlicher, vermutlich durch einen Mix aus Kannibalismus und (möglicherweise erzwungenem) Sex.
Und den Menschen hat sie so weit domestiziert, dass er ihre Ausbreitung fördert, indem er sie absammelt und dann eine ganze Peergroup ein paar 100 Meter weiter wieder aussetzt, für die sie sonst zwei Tage hätte wandern müssen.
Vielleicht ist das die Erklärung für ihren Namen. André Étienne de Férussac, vielleicht aber auch schon sein Vater, hat Anfang des 19. Jahrhunderts durchgesetzt, dass die Gattung der Wegschnecken nach der halb historischen, halb mythischen Figur des Arion benannt wurde. Der war ein Kitharöde, also ein Singer und Songwriter im antiken Griechenland, und soll um 600 v. u. Z. gelebt haben. Seine Werke sind nicht überliefert. Für sein Leben dienen Herodots Geschichten als Hauptquelle.
Arion vulgaris hat es in der DNA, auf veränderte Markt-, Standort- oder Umweltbedingungen wie trockene Sommer oder bittere Blätter zu reagieren
In denen steht, wie die korinthische Mannschaft des von Arion gecharterten Segelschiffs ihn zwecks Raubs überfällt. Er darf wählen: Kehlschnitt vom Käpt’n oder ein suizidaler Sprung ins Meer. Arion wählt Letzteres, stimmt ein letztes Lied an – und hopst dann auf den Rücken eines der Delphine, die der Wohlklang seiner Leier angelockt hat. Gerettet!
Ach, wie bewundernswert ist de Férussac! In seinen agronomischen Kompendien sinnt der Baron zärtlichst über die erstaunliche Vielzahl und Beschaffenheit von Kohlsorten nach, und doch verleiht er deren ärgsten Feinden den Namen eines Sängers, der alle Welt durch seine Kunst bezwingt. Das ist wahre Größe, denke ich jeden Morgen, wenn ich, auf Rat des Umweltbundesamts, die abgesammelten Schnecken mit einem Schwall kochenden Wassers übergieße, auch wenn es sich mies anfühlt.
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