Lob der E-Scooter: Schnell, wendig, frei

E-Scooter sind viel besser als ihr Ruf. Sie zu fahren, macht einfach Spaß. Sie bringen Elektromobilität auf ein Menschenmaß, und das ist gut.

Ein Mann fährt mit einem e-Scooter
Auch mit dem E-Scooter unterwegs durch Berlin: Armin Laschet

Foto: imago

D ie Ärztin im Wiener Unfallkrankenhaus schaut mitleidig. „Drei Zähne, Rissquetschwunde oben. Unten Lippe fast durch. Wie ist das denn passiert?“, fragt sie. „E-Roller“, antworte ich einsilbig durch meine Schlauchbootlippen. Heute, ein Jahr später, bin ich mehr denn je Leihroller-Enthusiast. Allein mit dem Anbieter Lime bin ich inzwischen 1.247,7 Kilometer gefahren, exakt 520 Fahrten waren es.

Dabei tauchten die kleinen grünen Dinger auch in meinem Leben zuerst als Hassobjekte auf. Plötzlich waren da diese Hindernisse im öffentlichen Raum, eine Zumutung, finanziert durch nebulöses Techkapital. So etwas ist typisch für den Zustand der „Postdemokratie“, wie ihn der britische Politikwissenschaftler und Soziologe Colin Crouch beschrieben hat: In keiner demokratischen Abstimmung hat jemals irgendwer für E-Scooter gestimmt. „Die Dinger gehören abgeschafft!“, dachte ich damals – ohne zu wissen, was mir entging.

Meinen Moment der Bekehrung erlebte ich in Palermo, als ich feststellen musste, dass mich nur noch ein Leihroller aus den Abgasen des brütend heißen, stinkenden Hafens retten würde. Der Linienbus zum Strand war ausgefallen, Taxis kosteten zu viel, also stieg ich auf einen E-Scooter. Nach 12 Kilometern wurden mir nur 11 Euro abgebucht. Die erste Erkenntnis: Rollerfahren ist relativ günstig.

Das Gefühl, die Nintendo-Spielfigur Luigi auf seinem kleinen grünen Yoshi zu sein, verließ mich auch wenige Wochen später im herbstlichen Rostock nicht. Weil die Stadt sehr weitläufig ist, hatte ich wieder einen Roller geliehen. Ich fuhr zuerst zur Stadtbibliothek, dann zum Strand. Ein schlankes Nichts unter den Füßen. Geschwindigkeit, Wendigkeit, Freiheit. Ich wurde geradezu euphorisch. Die zweite Erkenntnis: Rollerfahren macht richtig Spaß.

Zurück im grauen Berlin musste ich mir eingestehen, dass ich im Jump-‚n‘-Run-Alltag der Großstadt nicht mehr auf die Dinger verzichten wollte. Als Kind der 1980er bin ich mit Point-and-Click-Adventures aufgewachsen, also mit Computerspielen, in denen es sich oft nur mittels unorthodoxer Verhaltensweise durch den Spielverlauf navigieren ließ. In unserer Blade-Runner-Gegenwart geht es nicht mehr ohne ein paar Cyberpunk-Skills.

Ein plötzlicher U-Bahn-Ausfall? Halt, da steht doch ein Leihroller. Einkauf oder Reisegepäck zu schwer? Kein Problem, einfach alles an den Lenker hängen.

Neulich las ich im Spiegel, dass die Spaßgefährte nun zu einem „wichtigen Verkehrsmittel“ geworden seien, ja sogar vom „Auto der jungen Leute“ ist die Rede. Für mich stehen sie für einen Kulturbruch im Verkehr: Leihroller sind kleiner, wendiger und günstiger als E-Autos. Sie bringen Elektromobilität auf ein Menschenmaß, und das ist gut. Unsere Städte brauchen nicht mehr Teslas, sondern einen vernünftigen Lückenschluss zu funktionierenden Öffis.

Da kann auch das Fahrrad nicht mithalten, denn es steht nun mal nicht überall parat. Und an manchen Tagen will man auch einfach nicht in die Pedale treten. Gerade im Herbst hat Rollerfahren eine ganz eigene Poesie, wenn man frühmorgens wie schwerelos durch lang gezogene Alleen schwebt, vorbei an allen Covid- und Grippewellen, mit etwas Musik im Ohr. Dabei bloß nicht den Armin Laschet machen und sich die Schulter brechen, besser etwas runter vom Tempo.

Vor ein paar Tagen sitze ich in einem Elektrotaxi in Wien. Ich frage den Fahrer, wie er zu E-Scootern steht, und bin verblüfft über seiner Antwort: „Schauens“, sagt er, „jeder zweite Jugendliche glaubt, er ist Superman. Es gibt aber zu viel Autos, da sind die Roller schon eine Entlastung, sie gehören nur strenger reguliert.“ „Stimmt“, sage ich, „außerdem sollten sie von der Stadt übernommen und zum Gemeingut gemacht werden.“ Meinen Armin-Laschet-Moment behalte ich für mich.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.

Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

E-Scooter und Leihräder stehen und liegen auf einem Gehweg

E-Scooter in Berlin

Endgegner der Stolperfallen

Behinderten- und Verkehrsverbände fordern ein radikales Umsteuern bei der Genehmigung von E-Scootern. Nur die CDU hält sich mit solchen Versprechen zurück.

Von Claudius Prößer

Kreuz und quer abgestelle E-Roller

E-Scooter in Hamburg

Kampf um die Gehwege

Die elektrischen Roller gehören in Hamburg auf Fußwegen geparkt. Dabei ist für die erforderlichen 1,60 Meter Abstand oftmals kein Platz.

Von Kaija Kutter

E-Scooter verschiedener Marken - im Hintergrund Passanten im Feierabendverkehr

Gefährliche Miet-E-Scooter

Der Wahnsinn muss endlich ein Ende haben

Kommentar von Anja Krüger

E-Scooter-Fahrer:innen gefährden sich selbst und andere. Die Unternehmen haben kein Problembewusstsein, weil die Regellosigkeit lukrativ ist.

Ein Packshot der Wochentaz-Zeitung mit einer neutralen Illustration auf der Titelseite.

10 Ausgaben für 10 Euro

Die Wochenzeitung mit taz-Blick

Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört. Jetzt zehn Wochen lang kennenlernen.

  • Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört
  • Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
  • Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion
  • Mit Zukunftsteil zu Klima, Wissen & Utopien
  • Mit Regionalteil „Stadtland“ für alles Wichtige zwischen Dorf und Metropole

10 Wochen für nur 10 Euro

wochentaz ausprobieren

0 Kommentare