Europäer drohen wegen Fifa-Plan mit WM-Boykott

Machtkampf zwischen der Uefa und der Fifa: Die europäischen Verbände rufen einen Boykott aller Fifa-Wettbewerbe aus

«Unverantwortlich und nicht zu rechtfertigen»: Der geplante Investoren-Deal der Fifa stösst bei der Uefa auf gewaltigen Widerstand. Nun haben sich Europas Verbände auf ein Vorgehen geeinigt. Der erste Testfall wird schon die U-20-WM der Frauen im September sein.

30.07.2026, 19.03 Uhr

4 Leseminuten

Aktualisiert


Der Uefa-Präsident Aleksander Ceferin (links) ist von den Plänen des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino wenig begeistert.

Der Uefa-Präsident Aleksander Ceferin (links) ist von den Plänen des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino wenig begeistert.

Mike Egerton / Imago

Gespannte Erwartung umgab am Donnerstag die Uefa-Zentrale in Nyon. Der europäische Fussball-Kontinentalverband hatte seine Mitglieder zu einer virtuellen Dringlichkeitssitzung zusammengerufen. Am späten Nachmittag verkündete die Uefa einen beispiellosen Beschluss: Die 55 Mitgliedsnationen wollen bis auf weiteres alle Wettbewerbe des Weltverbands boykottieren.

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Der Streik bedeutet eine Zuspitzung des Protests gegen den jüngsten Plan des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. Der Walliser will künftig alle Fifa-Wettbewerbe durch eine neue Tochtergesellschaft verwalten lassen. 20 Prozent der Anteile daran sollen über den Investmentfonds von Joshua Kushner, dem Bruder von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, an externe Investoren verkauft werden. Wer von den 211 Fifa-Mitgliedsverbänden dem Plan bis zum 19. September zustimmt, erhält dadurch 20 Millionen Dollar.

Die Empörung auf dem Fussball-Mutterkontinent Europa ist gross. Die Abwehrfront reicht von der EU-Kommission über den britischen Premierminister Andy Burnham bis zu Klubmanagern wie Bayern Münchens Max Eberl. Diese Kritik goss die Uefa nun in eine konkrete Haltung. Die WM sei kein «Anlageprodukt», hiess es in einer Pressemitteilung. Infantinos Pläne seien «unverantwortlich und nicht zu rechtfertigen».

Kritik auch aus Asien und Nordamerika, Südamerika und Afrika gelten als offen für Infantinos Pläne

Der Teilnahmeboykott europäischer Teams gelte, solange diese Vorschläge im Raum stünden, es sei denn, der Plan werde in seiner Gesamtheit aufgegeben und es erfolgten verbindliche Zusicherungen, dass die Fifa ihre «Governance und ihre Wettbewerbe nie wieder für private Investoren öffnet». Der nächste offizielle Fifa-Wettbewerb und somit ein erster Prüfstein ist die U-20-Frauen-WM vom 5. bis zum 27. September in Polen.

Auch in Asien sowie in Nord- und Mittelamerika äusserten sich die Dachverbände AFC und Concacaf in den letzten Tagen «besorgt» über den Vorstoss Infantinos. Wie die Uefa kritisierten sie die fehlenden Konsultationen sowie die kurze Entscheidungsfrist als «vollkommen inakzeptabel». Der südamerikanische Conmebol und die afrikanische CAF gelten hingegen als offen für das Projekt.

Von der Fifa gab es bis zum Abend keine Stellungnahme zu dem Uefa-Beschluss. Der europäische Verband unter dem Slowenen Aleksander Ceferin hat Erfahrung mit Machtkämpfen. Vor fünf Jahren wehrte er auf Basis einer Allianz mit Fans und Politik den Versuch von zwölf Grossklubs ab, eine Superliga zu gründen. Nun hofft man in Nyon, auch Infantino niederzuringen.

Auch die Uefa maximiert die Vermarktung

Infantinos Sonnenkönig-Gebaren, der «Fifa-Friedenspreis» für Trump oder die Attacken auf den europäischen Spielkalender durch die Mammut-Klub-WM: Das Mass ist für Infantino in Europa voll. Schon nach der Begnadigung des amerikanischen Stürmers Folarin Balogun für den WM-Achtelfinal sprach die Uefa von einer «roten Linie», die überschritten worden sei. Bereits zu Turnierbeginn hatte sie im allseitigen Schweigen über die verweigerte Einreisegenehmigung für den somalischen Schiedsrichter Omar Artan als einziger Player die Stimme erhoben – indem sie Artan quasi ehrenhalber die Leitung des europäischen Supercup-Finals zwischen Paris Saint-Germain und Aston Villa am 12. August in Salzburg übertrug.

Nun rückte die Uefa auch Infantinos Verbindung zu Donald Trump in den Fokus. «Die Fifa kann unseren Sport nicht weiter dazu benutzen, sich und ihre Freunde zu bereichern», schrieb sie schon am Mittwoch.

Freilich hat auch die Uefa nichts gegen sprudelnde Geldquellen einzuwenden. Ceferins Vorgänger Michel Platini gewann die Wahl zum Uefa-Chef einst mit der Ausweitung des EM-Teilnehmerfelds auf 24 Mannschaften und grösseren Zuwendungen an die Verbände. Infantino war Platinis Generalsekretär. Unter Ceferin wiederum wurden Format und Vermarktung der Champions League merklich ausgeweitet. Dafür wurde jüngst auch ein Joint Venture mit der amerikanischen Agentur Relevent gegründet. Allerdings hat die Uefa dabei nie den Verkauf von Anteilen zur Debatte gestellt.

Diese sind in Europa dafür im Klubfussball gang und gäbe. Unter  Duldung der Uefa erreichten Unternehmen wie Gazprom oder Red Bull, aber auch Staatsfonds aus Katar oder Abu Dhabi ein hohes Mass an informellem Einfluss. Die Anlässe, bei denen der Verband seine eigenen Finanz- und Wettbewerbsvorschriften verbog, etwa um mehreren Red-Bull-Klubs die Teilnahme an der Champions League zu ermöglichen, sind kaum zu zählen.

Lanciert die Uefa Nasser al-Khelaifi als Gegenkandidaten?

Vereine wie Manchester City (Abu Dhabi) oder Paris Saint-Germain (Katar) haben sich in den vergangenen zwei Dekaden an die Spitze gekauft. In der Premier League gehören 11 von 20 Klubs amerikanischen Investoren, in der Serie A 9 von 20. In Deutschland, wo 51 Prozent der Anteile bei den Mitgliedern liegen müssen, veräusserte der Branchenprimus Bayern München gewinnbringend Minderheitsbeteiligungen an Konzerne wie Adidas, Audi oder die Allianz. Der Fussballbetrieb ist vom Verein ausgegliedert; ungefähr ein solches Modell, wie es sich jetzt Infantino vorstellt.

Die Uefa würde Infantino gern ersetzen. Als es um einen möglichen Herausforderer ging, fiel in diesen Tagen auch der Name von Nasser al-Khelaifi, dem Präsidenten von PSG und Chef der europäischen Klubvereinigung. Dass der vor wenigen Jahren selbst noch als Eindringling gebrandmarkte Katarer nun den Retter geben soll, zeigt, wie arg es um die beschworenen Traditionen auch in Europa bestellt ist.

Der alte Kontinent gilt im Rest der Welt als Hort des Fussballkapitalismus. Das macht es für die Uefa nicht leichter, Länder anderer Kontinente davon zu überzeugen, doch bloss nicht Infantinos sirenenhaften Geldversprechen zu erliegen.

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