Mitten im Krieg: Plötzlich eskaliert in der Ukraine ein offener Machtkampf, der alles verändert

Massive Protestwelle mitten im Ukraine-Krieg: Fedorow-Entlassung stellt Selenskyj vor große Probleme

Stand: 17.07.2026, 08:17 Uhr

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Die Ablösung des Verteidigungsministers legt einen Konflikt in der ukrainischen Führung offen. Unklar bleibt, wie stark das Militär dadurch gelähmt wird.

Kiew – Unruhe in der Ukraine: Die Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow hat einen offenen Machtkampf sichtbar gemacht. Der erst im Januar ins Amt gekommene und im Land äußerst populäre Politiker musste im Zuge eines Regierungsumbaus gehen – zum Unmut vieler Menschen, die am Donnerstag (16. Juli) in Kiew und weiteren Städten gegen die Maßnahme von Präsident Wolodymyr Selenskyj protestierten.

Mychajlo Fedorow wurde entlassen.

Mychajlo Fedorow wurde entlassen. © IMAGO / Mike Schmidt

Fedorow hatte seinen Rücktritt am Mittwochabend verkündet. Noch in derselben Nacht kursierte auf Telegram ein Protestaufruf, dem am Donnerstagvormittag laut Deutscher Presse-Agentur etwa 2000 Menschen folgten: Sie strömten zum Platz vor dem Kiewer Schauspielhaus, in Sicht- und Hörweite des abgesperrten Präsidentenkomplexes. „Das Volk hat die Macht“, riefen sie, wie der Spiegel berichtete. Einer der Demonstranten hatte auf sein Pappschild geschrieben: „Wolodymyr, Stop!“

Selenskyj entlässt Fedorow – Proteste machen Machtkampf sichtbar

Fedorow gilt als Reformer und als Kämpfer gegen die im Staatsapparat verbreitete Korruption. Noch als Digitalminister war er für die neue staatliche Handyanwendung „Dija“ verantwortlich, in der die Ukrainerinnen und Ukrainer Dokumente wie Pass, Fahrzeug- oder Führerschein speichern – viele Behördengänge werden überflüssig. Dies machte ihn besonders bei jungen Menschen beliebt. Nach Kriegsbeginn 2022 trieb sein Ministerium zudem den Ausbau der ukrainischen Drohnenkapazitäten und der Verteidigungstechnologie voran; im Februar 2026 arbeitete er zudem mit Starlink zusammen, um die unbefugte Nutzung des Satelliteninternets durch Russland einzudämmen. Hier kam ihm seine persönliche Beziehung zu SpaceX-Chef Elon Musk zugute.

Auch als Verteidigungsminister hat er in nur sechs Monaten die militärische Innovation beschleunigt und dazu beigetragen, die Lage an der Front zugunsten der Ukraine zu drehen. Fedorow habe einen „sehr großen Anteil an den Erfolgen der Ukrainer im letzten halben Jahr“, sagte der frühere NATO-General Egon Ramms im ZDF. Die jüngsten Erfolge im Ukraine-Krieg brachten ihm auch bei den Soldaten ein hohes Ansehen ein. Die von Fedorow forcierten Drohnentruppen konnten teils spektakuläre Schläge landen. Das russische Militär wiederum erzielt trotz Rekordverlusten an der Front kaum noch Geländegewinne.

Hintergrund seiner Ablösung ist ein länger schwelender Streit zwischen Fedorow und Oberbefehlshaber Olexander Syrskyj. Ex-NATO-General Ramms erklärte dazu bei ZDFheute live, der in Russland ausgebildete General Syrskyj sei ein „Soldat alter Moskauer Schule“, der auf einen an „modernen Waffen und dergleichen mehr orientierten Verteidigungsminister“ treffe: „Das kann keine gute Symbiose sein.“

Fedorow gegen Syrskyj – Streit über Drohnen und Rekrutierung eskaliert

Kampflos gab sich Fedorow, der erst etwa ein halbes Jahr im Amt ist, nicht geschlagen. In einer Pressekonferenz bestätigte er die Auseinandersetzung mit dem Generalstab und erhob schwere Vorwürfe gegen die Militärführung um Syrskyj. Fedorow warf der Generalität veraltete Ansätze vor, mit denen der Krieg gegen Russland nicht zu gewinnen sei. Daneben machte er Syrskyj für die Zwangsmobilisierungen von wehrpflichtigen Männern für den Ukraine-Krieg verantwortlich. 

Fedorow wollte nach eigenen Worten das System zur Rekrutierung von Soldaten reformieren und die Zwangsmobilisierung vermeiden. Stattdessen wollte er Männer mit lukrativen Verträgen anwerben. „Wir können diese Reform nicht ohne aktive Beteiligung des Generalstabs durchziehen, der sie aber sabotiert“, klagte Fedorow. Die Finanzierung des neuen Vertrags- und Anreizsystems gilt nicht als gesichert.

Mychajlo Fedorow im Biogramm

NameMychajlo Albertowytsch Fedorow
Geboren21. Januar 1991
GeburtsortWasyliwka, Ukraine
AusbildungSaporischschja Nationalen Universität
BerufPolitiker, Geschäftsmann

Selenskyj stellt sich hinter Syrskyj – und gegen Fedorow

Präsident Selenskyj präsentierte die Umbesetzung als Versuch, sein Team zu erneuern und die Kriegsführung des Landes zu stärken. Im Machtkampf habe er sich jedoch offen auf die Seite Syrskyjs gestellt, so ZDF-Reporterin Anne Brühl. Fedorow bot er nach dessen Entlassung eine Beraterrolle an – die dieser jedoch ablehnte. Der Widerstand gegen die Entscheidung habe Selenskyj überrascht, berichtet Brühl: Er habe nicht mit einem „offenen Machtkampf“ gerechnet: „Selenskyj steckt in einem ernsten Dilemma.“

Die Entlassung bringt Selenskyj offenbar auch praktisch in Schwierigkeiten: Der Präsident muss einen neuen Verteidigungsminister vorschlagen, der vom Parlament bestätigt werden muss. Übergangsweise soll nach Angaben Selenskyjs Jewhenij Chmara, der seit Januar geschäftsführend den Geheimdienst SBU leitet, das Verteidigungsministerium kommissarisch übernehmen. Fedorow selbst zeigte sich unterdessen nicht geneigt, sich still zurückzuziehen. Wie die Ukraine den Krieg gewinnen solle, solange Syrskyj Armeechef sei, wisse er nicht, sagte er am Donnerstag.

Proteste in Kiew nach Entlassung von Verteidigungsminister

Vor allem junge Leute protestierten in Kiew und anderen Städten gegen die Entlassung des als Reformers geltenden Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow. © Danylo Antoniuk/AP/dpa

Konflikt zwischen Syrskyj und Fedorow schwächt Ukraine

Der Konflikt droht, das ukrainische Militär zu lähmen. Sollte die Ukraine ihren momentanen technologischen Vorsprung einbüßen, hätte das gravierende Folgen auf dem Schlachtfeld gegenüber den personell und mit höherer Feuerkraft ausgestatteten russischen Truppen. Ex-General Ramms sieht noch keine Auswirkungen auf die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine. Aber: „Ich kann es auch nicht ausschließen.“

Entscheidend sei, hinter welcher Personalie sich die Streitkräfte stellten: „Ich könnte mir gut vorstellen, dass zumindest die jüngeren Soldaten in der Ukraine, die ja auch im letzten halben Jahr von der Kriegsführung profitiert haben, sich sehr wohl hinter den Verteidigungsminister stellen.“ Das könnte dann in der militärischen Führung der Ukraine „eine durchaus schwierige Situation auslösen“. (Quellen: Spiegel, ZDF, Euronews, dpa) (cs)