Experte für die ostdeutsche Mentalität

Portrait Regisseur Frank Castorf wird 75 Jahre alt

Experte für die ostdeutsche Mentalität

Frank Castorf im Jahr 2024. (Quelle: picture alliance/dpa/Georg Hochmuth)
Frank Castorf im Jahr 2024. (Quelle: picture alliance/dpa/Georg Hochmuth)

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Frank Castorf hat 25 Jahre lang die Berliner Volksbühne geleitet und ist einer der wichtigsten Regisseure des deutschsprachigen Theaters. Und er provoziert, wo er kann. Am Freitag wird der Großmeister der Dekonstruktion 75 Jahre alt.

Frank Castorf versammelt vieles auf der Bühne, was Menschen am Theater hassen: Geschrei, Nacktheit, Herumgesaue – in Überlänge von fünf bis acht Stunden. "Kartoffelsalattheater" hat man seine Inszenierungen lange genannt, weil dieser in frühen Inszenierungen gern über die Bühne flog. Aber das alles ist eben nur die Oberfläche.

Castorf durchdringt die Stoffe, die er inszeniert, so tief und verbindet sie so fruchtbar mit anderen Themen, Texten, dass daraus im besten Fall große intellektuelle Tiefenbohrungen entstehen. Da werden historische Ereignisse, politische Systeme in Zusammenhang gebracht, wie man das nie zuvor erlebt und durchdrungen hat. Inklusive dem, was die Gesellschaft in der DDR und der BRD allzu gern verdrängt hat: den unaufgearbeiteten Faschismus: "Diese verdrängte Natur, wo die Leute über mich sagen: Das ist doch nur ein Schmuddelfink, das gehört sich nicht. Darunter ist es bei ihnen braun."

Meister der Dekonstruktion

Deshalb ist Frank Castorf der Meister der Dekonstruktion unserer Säulenheiligen, von Shakespeare bis Goethe. Ob man seine Ästhetik mag oder nicht: Ohne Castorf wäre das deutsche Theater heute ein komplett anderes. Kaum jemand hat die letzten 40 Jahre so geprägt wie er.

Vor allem, weil er sich stark an den beiden Deutschlands abarbeitet. In Ostberlin als Sohn eines Eisenwarenhändlers geboren, absolviert er in der DDR erst eine Ausbildung bei der Reichsbahn, bevor er Theaterwissenschaften studiert und nach Senftenberg geht. Sein Ritterschlag: das Arbeitsverbot in Anklam, nachdem er dort als Oberspielleiter zu provokant agiert.

Die "soziale Rasse" des Ostlers

Die Mauerfall-Euphorie, den liberalen Konsens der BRD verweigert er komplett. Und macht sich zum Experten für ostdeutsche Mentalität, ohne sie zu verklären. 1996 sagt er: "Wir haben euch doch die Grenzen geöffnet, wir haben euch so viele schöne Sachen in Ostberlin hingestellt, jetzt seid dankbar. – Da wird der Ostler nicht mit Dankbarkeit reagieren, sondern nur fragen: Warum hab ich jetzt noch keinen Mercedes? Wenn man die Mentalitäten aus so einer sozialen Rasse wie dem Ostler nicht richtig checkt, wird man mit dem Land nicht vorwärtskommen."

25 Jahre leitet Castorf die Berliner Volksbühne und macht sie mit einem herausragenden Ensemble zu einer Art sozialistischem Archiv – er befragt, was die DDR hätte sein können.

Gegen Corona-Maßnahmen und political correctness

Und er provoziert, wo er kann. Sein großes Thema bleibt die starke Skepsis gegenüber jeder Form von Autorität, sei es SED-Staat oder neoliberaler Kapitalismus. Schon 1996 inszeniert er, zum sechsten Jahrestag der Einheit, mit "Freiheit macht arm" eine Abrechnung mit der Nachwendegesellschaft. Darin sagt er sinngemäß, die DDR habe trotz allem mehr Freiheit geboten als der Individualismus der BRD.

In späteren Jahren spricht er der Mehrheit der Frauen ab, gute Regisseurinnen zu sein. Er wettert gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen und gegen die sogenannte political correctness. Dabei klingt er, der überzeugte Linke, heute beinahe am anderen Ende des politischen Spektrums beheimatet. Aber auch das stört ihn nicht: "Wir sind immer korrekter geworden. Ich habe manchmal ein bisschen Angst um die große Errungenschaft, die Freiheit der Kunst. Deshalb darf man sich nicht nur in paradoxer Provokation bewegen – man muss es."

Seine Bühnenästhetik ist leicht wiederzuerkennen: Er ist der Erste, der mit Live-Video arbeitet, er feiert den körperlichen Exzess, er kreiert abenteuerliche Textcollagen. Seine Inszenierungen können harte, enervierende Arbeit sein – für den Intellekt und für den Körper, der hier fünf bis acht Stunden stillzusitzen hat.

Noch immer: intellektuell anregend

Mit 75 Jahren schreibt Frank Castorf die Theatergeschichte heute nicht noch einmal neu. Seine Inszenierungen verlaufen stets nach denselben Prinzipien und gehören in eine Zeit, als die Dekonstruktion von Wahrheit und Geschichte neu und wichtig war. Heute ist es nötig, zu rekonstruieren, statt zu dekonstruieren. Wahrheiten zu formulieren, statt zu zertrümmern. Und es braucht vermutlich ein politisches Theater, das verstehbarer ist in der Unübersichtlichkeit der Welt.

Allerdings sind Castorfs Inszenierungen noch immer intellektuell anregender als vieles andere im Theater der Gegenwart. Trotz Geschrei, halbnackter Damen und Überlänge. Am 17. September feiert seine Version von Klaus Manns "Mephisto" am Berliner Ensemble Premiere.

Sendung: rbb24 Inforadio, 17.07.2026, 6:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 17.07.2026, Barbara Behrendt

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