Was wird aus den Obdachlosen vom Eschenheimer Tor?

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Größte Notübernachtung in Frankfurt geschlossen Mehr als 100 Obdachlose schlafen in der Zeltstadt

Peter Arbeiter hat seinen Schlafplatz verloren, als die Notübernachtung für Obdachlose am Eschenheimer Tor in Frankfurt geschlossen wurde. Nun übernachtet er in einer provisorischen Zeltstadt. Sein Beispiel zeigt, warum viele auf leicht zugängliche Zufluchtsorte wie die B-Ebene angewiesen sind.

Mann mit grau-braun geflochtenem Bart-Zopf sitzt auf einer Parkbank

Peter Arbeiter ist einer der Wohnungslosen, die regelmäßig im Eschenheimer Tor geschlafen haben - und nun in der Zeltstadt übernachten. Bild © hessenschau.de

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02:53 Min.|Pia Stenner

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Zwei Jahre lang hat Peter Arbeiter regelmäßig in der B-Ebene der Frankfurter U-Bahn-Station Eschenheimer Tor übernachtet. Er hat dort viel erlebt, sagt er: "Gewalt, Schlägereien, Vermüllung", aber auch, wie wichtig der Ort für viele Menschen gewesen ist, um Schutz vor der noch härteren Gewalt der Straße zu finden.

Seit etwas mehr als einer Woche schläft Peter Arbeiter nicht mehr in der U-Bahn-Station, sondern einige Meter weiter, in der Bockenheimer Anlage. Die Verkehrsgesellschaft VGF hat den Vertrag mit der Stadt über die Notschlafstelle Eschenheimer Tor gekündigt.

Ersatzweise haben Stadt und Katastrophenschutz eine Art Zeltstadt in der Parkanlage aufgebaut. Sie besteht aus fünf Zelten mit insgesamt 90 Feldbetten und Dixi-Toiletten, umgeben von einem Bauzaun mit Sichtschutz.

Neben Peter Arbeiter schlafen dort über 100 weitere Obdachlose. Wer kein Feldbett mehr bekommt, schläft mit Decken und Schlafsäcken auf Isomatten.

Blick auf zwei geöffnete Zelte, in denen Feldbetten aufgereiht stehen

Insgesamt gibt es fünf Zelte mit je 18 Feldbetten. Ein Zelt ist nur für Frauen. Bild © hessenschau.de

"Hier kann jeder kommen"

Das Prinzip, das in der U-Bahn-Station Eschenheimer Tor galt, gelte auch hier, sagt Daniel Schneider vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten, der Trägerorganisation: "Hier kann jeder kommen. Abends, nachts, wann er möchte, wie er möchte. Man braucht sich nicht registrieren, nicht anmelden."

Das unterscheidet die Zeltstadt von anderen Übernachtungseinrichtungen für Wohnungslose in Frankfurt. Denn laut dem Sozialdezernat gibt es zwar freie Kapazitäten in einigen Häusern, doch für viele Menschen, die bislang im Eschenheimer Tor schliefen, kämen diese einfach nicht in Frage.

Mann mit hellgrünem T-Shirt und kurzen braunen Haaren, im Hintergrund sind die Zelte zu erkennen

Daniel Schneider vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten leitet die Notschlafstelle. Bild © hessenschau.de

Warum Peter Arbeiter in der B-Ebene schlief

So ging es auch Peter Arbeiter, wie der 52-Jährige im Gespräch immer wieder betont: "Für viele sind die Einrichtungen mit Hürden verbunden, die sie nicht gehen können oder wollen." Die Gründe seien vielfältig: Manche fühlten sich in geschlossenen Räumen bedroht, andere hätten ein "Messie-Problem", wieder andere lehnten das bürokratische System ab.

Arbeiter wirkt im Gespräch nicht so, als würde er dabei über sich selbst sprechen. Warum er in der B-Ebene schlief, und nun in der Zeltstadt? Überforderung sei ein Grund gewesen, sagt er. Zwar sei er zwischenzeitlich auch in organisierten Einrichtungen untergekommen. Doch dort gehe es oft darum, schnell ins Sozialsystem zurückzukehren - ein Problem für Arbeiter: "Ich denke, der Auslöser war eine Überforderung mit Unterhaltszahlungen für Familie und so weiter."

Inzwischen sei er wieder auf einem guten Weg, sagt Arbeiter. "Ich habe Ziele, die ich verfolge." Trotzdem macht sich der 52-Jährige nach der Schließung der Notübernachtung am Eschenheimer Tor Sorgen: "Dass die Zeltstadt wieder abgebaut wird und dann gar nichts mehr da ist, was diesem Angebot entspricht, das es im Eschenheimer Tor gab".

Viele brauchen "ganz niedrigschwellige Angebote"

Wie wichtig leicht zugängliche Hilfsangebote für Obdachlose sind, kann Andrea Knechtel sogar beziffern. Sie arbeitet seit 30 Jahren als Sozialarbeiterin in Frankfurt, aktuell im Franziskustreff. Dort bekommen Obdachlose ein Frühstück, soziale Beratung und Hilfe bei psychischen Erkrankungen.

Knechtel verweist darauf, dass Studien zufolge knapp 80 Prozent aller von Obdachlosigkeit betroffenen Menschen psychisch erkrankt sind. Gerade diese Gruppe sei auf "ganz niedrigschwellige Angebote" angewiesen - und das betreffe insbesondere Übernachtungsstätten.

"Man muss sich in Erinnerung rufen: Das Ziel dieser Angebote ist es, dass die Menschen zumindest vor Gewalt auf der Straße geschützt sind und im Winter nicht erfrieren."

Weitere Informationen

Wie viele Menschen sind in Frankfurt obdachlos?

Das Sozialdezernat geht von etwa 200 bis 300 Menschen aus, die in Frankfurt obdachlos sind. Ein großer Teil davon sind die Menschen, die regelmäßig im Eschenheimer Tor übernachteten. Menschen, die keine eigene Wohnung haben, aber dauerhaft in einer anderen Einrichtung der Stadt untergebracht sind, zählen als wohnungs- und nicht obdachlos.

Ende der weiteren Informationen

Obdachlose: "Über ursächliche Probleme wird nicht diskutiert"

Doch leicht zugängliche Notübernachtungen bringen Schwierigkeiten mit sich. Deshalb glauben Peter Arbeiter und viele andere, die aktuell in der Zeltstadt schlafen nicht, dass es der VGF bei der Kündigung der Räume tatsächlich um mangelnden Brandschutz gegangen sei. Arbeiter vermutet, dass es zu viele Beschwerden von Passanten oder Anwohnern gegeben habe, die sich durch die Obdachlosen gestört gefühlt hätten.

"Mein Problem ist: Die Verantwortlichen versuchen, sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben", sagt Peter Arbeiter. "Und über die ursächlichen Probleme wird gar nicht diskutiert."

Videobeitrag Ein großes Zelt in einem Frankfurter Park Ende des Videobeitrags

Was er damit meint? "Gewalt, Vermüllung, Lärm, der dort die Anwohner und Passanten beeinträchtigt hat", fasst Arbeiter zusammen. "Ich habe erlebt, dass Sozialarbeiter sich Mühe gegeben haben, aber gegen bestimmte Eskalationen überhaupt nicht mehr angekommen sind", so Arbeiter.

Daniel Schneider vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten drückt es weniger drastisch aus, sagt aber auch: "Es kam in der Vergangenheit in der B-Ebene schon vor, dass wir Menschen mal für eine oder zwei Stunden rausschicken mussten, weil sie sehr aufgeregt waren."

Sozialarbeiterin: "Die Zündschnur ist manchmal sehr kurz"

Wenn es zu kriminellem Verhalten gekommen sei, wurde die Polizei dazugerufen, sagt er. Solche Fälle seien jedoch "in einem sehr überschaubaren Rahmen."

Auch Andrea Knechtel kennt solche Situationen. "Aufgrund der Herausforderungen, denen sie in ihrem täglichen Überlebenskampf ausgesetzt sind, ist die Zündschnur manchmal sehr kurz", sagt sie. "Da fehlen dann verständlicherweise einfach die Kapazitäten, um sich auf Rücksichtnahme, geschlossene Räume, Enge, Konflikte oder auf Zimmergenossen und wenig Privatsphäre in einem Wohnheim einzustellen."

Dennoch brauche es dringend eine langfristige Alternative für die Menschen, die in der Schlafstätte am Eschenheimer Tor Zuflucht hatten - auch vor dem Hintergrund der erneuten Hitze.

Stadt sucht nach langfristiger Lösung

"Mit Hochdruck" werde nach einer solchen Alternative gesucht, versichert Christian Rupp vom Sozialdezernat der Stadt. Die Zeltstadt sei ein absolutes Provisorium. "Wir sind aktuell dabei, entsprechende Flächen oder Immobilien zu identifizieren und gehen davon aus, dass es relativ schnell zu einer Lösung kommen kann."

Zwar werde es "vielleicht nicht das Optimum sein, sondern eine pragmatische Lösung", sagt Rupp. Auch für die Stadt sei dabei aber wichtig, dass ein künftiges Angebot niedrigschwellig bleibe.

Peter Arbeiter hofft derweil nicht nur auf einen neuen, langfristigen Standort für die Übernachtungsstätte, sondern auch, "dass man die Probleme in der Politik klar anspricht." Aus seiner Sicht könne sich die Situation nur dann insgesamt verbessern - für alle Beteiligten, wie er betont: "Für die Obdachlosen, aber auch für die Leute, die unmittelbar neben solchen Einrichtungen wohnen oder Geschäfte betreiben."