Mehr Gewinn, aber zu wenig Engagement: Netflix enttäuscht mit schwachem Ausblick
Noch schaffte es der grösste Streaming-Anbieter geschickt, die 325 Millionen Abonnenten zu halten. Aber wenn die Einnahmen viel stärker ansteigen als die Zuschauerzahl der Serien, könnte Netflix in Probleme geraten.
17.07.2026, 07.00 Uhr
4 Leseminuten

«I Will Find You» – hier ein Gruppenbild der Hauptdarsteller von der Premiere in New York – war die beliebteste neue Netflix-Serie im vergangenen Halbjahr.
Heather Khalifa / Reuters
Selten haben sich Aktionäre so glücklich über eine Niederlage ihres Unternehmens gezeigt. Als Netflix am 27. Februar bekanntgab, dass man sich aus dem hitzigen Bieterkampf um das grosse Filmstudio Warner Bros. Discovery zurückziehe, schnellte die Aktie des Streaming-Riesen um 14 Prozent in die Höhe.
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Viele Investoren sagten sich: Endlich kümmert sich Netflix wieder um die eigenen Herausforderungen im Kerngeschäft, anstatt unzählige Milliarden und Arbeitsstunden auf eine Fusion mit ungewissem Ausgang zu verschwenden. Sie wollten mehr Abonnenten sehen sowie mehr und bessere Inhalte, welche die Kunden noch mehr Zeit mit Netflix verbringen liessen.
Manche Kunden zappen weg
Dieser Plan geht jetzt aber nur so halb auf, wie die am Donnerstagabend publizierten Quartalszahlen zeigen. Zwar hat Netflix den Nettogewinn um 9 Prozent und den Umsatz gar um 13 Prozent steigern können gegenüber dem Vorjahr. Zugleich hat das Unternehmen aber verhaltene Wachstumsprognosen für das zweite Halbjahr abgegeben. Im nachbörslichen Handel sackte die Aktie zeitweise um 8 Prozent und mehr ab. Die Anleger sorgen sich, dass Netflix bald stagniert.
Während die Einnahmen weiter zulegen, scheinen die Kunden das riesige Angebot von Netflix nicht mehr so intensiv zu nutzen wie früher. Das kalifornische Unternehmen hat bekanntgegeben, dass die Nutzer im ersten Halbjahr rund 97 Milliarden Stunden auf der Plattform verbracht haben.
Jeder der rund 325 Millionen Abonnenten verbringt also mehr als 300 Stunden pro Halbjahr mit Netflix. Das sind immerhin mehr als eineinhalb Stunden pro Tag, wobei sich viele Familien und Wohngemeinschaften ein einziges Abo teilen und sich die Werte daher nicht direkt auf einzelne Nutzer herunterbrechen lassen.
97 Milliarden Stunden klingt nach sehr viel, allerdings sind es bloss 2 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2025. Die Winterolympiade und die Fussball-Weltmeisterschaft haben, wie Netflix auch erwähnt, sicher dazu beigetragen, die Fernsehzuschauer vom Streaming-Angebot fernzuhalten.
Dennoch kann es auf Dauer problematisch sein, wenn die Einnahmen von Netflix deutlich stärker ansteigen als das Engagement der Nutzer – sie könnten irgendwann abspringen, wenn sie das Gefühl bekommen, ihr Abonnement nicht mehr «herauszuschlagen». Bis jetzt weist Netflix mit Abstand die tiefste «churn rate» aller Streaminganbieter auf, das heisst, die Nutzer bleiben dem Anbieter länger treu als etwa Disney+ oder Apple TV+. Diesen Erfolg hat sich der Branchenprimus aber mit einer stets gefüllten Pipeline an starken neuen Serien und Filmen verdient, welche die Nutzer in ihren Bann zogen.
Weniger Zahlen
Manche Analysten sind nun unglücklich, dass sich Netflix ein Beispiel an seinen Konkurrenten nimmt und immer seltener Zahlen zu seinen Nutzern und deren Gewohnheiten publiziert. Früher hat Netflix vierteljährlich darüber informiert, wie sich die Abonnentenzahlen entwickeln. Seit das Wachstum ins Stocken geraten ist, werden diese Daten nicht mehr routinemässig mit dem Quartalsbericht geteilt.
Ähnlich wird das Unternehmen künftig auch mit der beliebten Übersicht verfahren, mit welchen Serien und Filmen die Netflix-Kunden am meisten Zeit verbracht haben. Diese Übersicht hilft den Investoren, die Attraktivität des Angebots von Netflix einzuordnen. Sie gibt aber auch schlicht Einblick, wie sich der Geschmack des Publikums entwickelt.
In diesem Halbjahr war zum Beispiel die Thriller-Serie «I Will Find You» die erfolgreichste neue Eigenproduktion von Netflix, mit 87 Millionen Aufrufen, wie der Konzern am Donnerstag mitteilte. Statt halbjährlich werden diese Zahlen nur noch jährlich veröffentlicht. Die Kritiker argwöhnen, dass diese Verschlossenheit eine Reaktion auf das ungenügende Engagement der Zuschauer sein könnte.
Live-Strategie ist teuer
Sich «Breaking Bad» oder die frühen Staffeln von «The Walking Dead» auf Netflix wieder einmal zu Gemüte zu führen, ist nicht verkehrt. Aber zwischendurch braucht es wieder grosses und vor allem neues Kino, um die Abonnenten bei der Stange zu halten. Netflix experimentiert zusehends auch mit Live-Programmen, um neue Nutzergruppen anzuziehen und sich «unersetzlich» zu machen. Dazu gehörten im vergangenen Halbjahr etwa Boxkämpfe. Im Januar hatte Netflix zudem live gezeigt, wie ein Extremkletterer in Taiwan ohne Sicherung auf eines der höchsten Hochhäuser der Welt kletterte.
Diese Live-Strategie funktioniert grundsätzlich, ist aber teuer. Netflix hat im abgelaufenen Halbjahr 5 Prozent seiner Ausgaben für Inhalte in Live-Programme investiert – diese Programme trugen dann aber nur etwa 1 Prozent der Stunden bei, welche die Nutzer mit Netflix verbracht haben.
Der Streaminganbieter wird darüber hinaus weiter versuchen, neue Einstiegsangebote zu schnüren, und könnte in gewissen Ländern vielleicht sogar ein werbefinanziertes Gratisangebot austesten. Für Letzteres gibt es gemäss Greg Peters, dem Co-Chef von Netflix, aber noch keinen konkreten Plan. Im Gespräch mit Analysten warnte er davor, dass ein solches Modell das eigene Bezahlangebot kannibalisieren könne.
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