Meissener Manufaktur will mit Faultieren und einer Designerkollektion punkten

Ganz oben, unterhalb der Glaskuppel, präsentiert die Porzellan-Manufaktur Meissen ihre jüngsten Kollektionen. Der Raum ist lichtdurchflutet und die milden Strahlen der Septembersonne lassen die goldenen Dekore besonders erstrahlen.

Hier steht sie auch, so als wollte sie dem zu Ende gehenden Sommer mit ihrem Sonnengelb etwas entgegensetzen. Die bauchige Vase, deren Form 1720 einst Ernst August Leuteritz gestaltet hat und die seitdem zum Programm der Meissener Porzellan-Manufaktur gehört. David Torres hat auf ihr die alte und die neue Zeit zusammengebracht, mit einem Augenzwinkern. Etwas mehr von diesem Humor könnten wir alle gebrauchen, sagt der langjährige Geschäftsführer der Manufaktur, Dr. Tillmann Blaschke.

Auf der Vorderseite der Vase thront ein recht zufrieden dreinschauendes Faultier auf einer Wolke mit Meissen-Schriftzug. Und auf der Rückseite liegt ein Nilpferd unter den Bäumen, auf dem Kopf einen Hut und daneben eine überdimensionierte Popcorntüte. Es ist ein Tier aus der Heimat von David Torres, der aus Kolumbien stammt. Er erhielt mit einem Designpreis die Möglichkeit zu einem Praktikum in Meißen – und blieb.

Liane Werner ist die Art Direktorin bei Meissen Porzellan und erklärt das Design des kolumbianischen Künstlers David Torres.

Liane Werner ist die Art Direktorin bei Meissen Porzellan und erklärt das Design des kolumbianischen Künstlers David Torres.

© Ines Mallek-Klein für Ostdeutsche Allgemeine

Die Botschaft seiner Werke besteht nicht nur darin, Altes und Neues zu verbinden. Er will auch Grenzen überschreiten, weshalb sich auf jedem seiner Stücke ein Ballon findet, der scheinbar mühelos von einem zum anderen Kontinent fährt.

Faultier und Nilpferd sind erst der Anfang einer neuen tierischen Kollektion, die in den kommenden Jahren vervollständigt werden soll, sagt Art Direktorin Liane Werner. Sie arbeitet seit 40 Jahren in der Manufaktur und hat die an diesem Freitag eröffnete Hausmesse maßgeblich kuratiert.

Die Meissener Porzellan-Manufaktur ist in einem herausfordernden Geschäftsumfeld tätig. Das wird klar, als Geschäftsführer Blaschke einen kleinen Einblick in die Bilanzen der letzten Jahre gibt. Noch liegt der Geschäftsbericht für 2025 nicht vor. Auch darin wird eine rote siebenstellige Zahl stehen.

Die Verluste des Unternehmens, das derzeit 480 Mitarbeiter beschäftigt, waren schon einmal höher. 2019 beispielsweise, als man entschied, die „Markenverlängerung“ zurückzudrehen.

Bunt wie das Leben sind die modern anmutenden Designs der Manufaktur, die altbekannte Staffagen aufgreifen.

Bunt wie das Leben sind die modern anmutenden Designs der Manufaktur, die altbekannte Staffagen aufgreifen.

© Ines Mallek-Klein für Ostdeutsche Allgemeine

Restrukturierung kostete viel Geld

Blaschke-Vorgänger Dr. Christian Kurtzke wollte mit neuen Produkten der seit dem Jahr 2000 anhaltenden Absatzflaute beim Porzellan gegensteuern. Es wurden Kleider, Schmuck und Möbel gestaltet. Geschäfte in besten Lagen und die Villa Meissen in Mailand sollten die Bekanntheit und die Umsätze steigern. „Die Idee war gut, aber sie hat leider nicht funktioniert“, so Blaschke, der einräumt, dass auch die Restrukturierung der Manufaktur Meissen viel Geld gekostet hat. Zwischen 2013 und heute sind rund 92 Millionen Euro Verluste aufgelaufen und 200 Arbeitsplätze weggefallen.

„Die Zeiten der zwölfteiligen Tafelservices sind vorbei und sie werden auch nicht wieder kommen“, so der Manufaktur-Chef. Und weil das so ist, muss sich Meißen neu erfinden: mit alten Formen und Staffagen, die auf alltagstauglichen Produkten neu interpretiert werden.

Meissener Porzellan soll raus aus den Vitrinen, rauf auf die Tische und Tafeln – das ist das Credo der Manufaktur, die alten Formen neue Verwendungsmöglichkeiten zuweist. Da ist der quadratische Aschenbecher, der auch als Vide-Poche genutzt werden kann, also als kleine Ablageschale oder „Taschenleerer“. Oder Vasen, die wahlweise mit Blumen oder Duftstäbchen befüllt werden können. Die passenden Öle gibt es in einer eigenen neuen Kollektion gleich dazu.

Zwiebelmuster in allen Varianten

Und immer wieder taucht das Zwiebelmuster auf. In der über 300-jährigen Geschichte der Manufaktur sind da einige Designversionen zusammengekommen. Eine ziert eine gelbe Vespa, die mitten im Kuppelsaal steht. Lehrlinge der Manufaktur hätten nur einen einzigen Tag gebraucht, um den schnittigen Oldtimer, Baujahr 1973, zu bemalen. „Das spricht für die Qualität und das handwerkliche Können“, sagt Tillmann Blaschke.

Die Meissener Manufaktur setzt auf die Jugend und ihre Talente. 40 neue Lehrlinge haben vor wenigen Tagen ihre Ausbildung in Meißen begonnen. Unter hunderten Bewerbern habe man auswählen können, so Blaschke.

Doch bemalt wird längst nicht mehr alles in der Manufaktur. Sie setzt verstärkt auf den Druck. Das mache die Teller und Tassen nicht nur weniger preisintensiv. Sie seien auch spülmaschinengeeignet und erfüllen zudem die strengen Schadstoffnormen für Lebensmittelkontaktmaterialien, wie es im schönsten Amtsdeutsch heißt. Bei Porzellan sind dabei vor allem Blei und Cadmium entscheidend. Und so gibt es ein neues Design im strahlenden Blau, das Zwiebelmuster und die Chrysanthemenblüte vereint. Hier liegen Stifte und eine Karte. Das Publikum darf abstimmen, wie ihm das Design gefällt. „Ist es so überzeugt, wie wir, werden wir das Service fertigen“, erklärt Art Direktorin Liane Werner.

Zwischen Uniformität und Individualismus: Die künstliche Intelligenz ist auch Thema bei der Hausmesse 2026.

Zwischen Uniformität und Individualismus: Die künstliche Intelligenz ist auch Thema bei der Hausmesse 2026.

© Ines Mallek-Klein für die Ostdeutsche Allgemeine

Meissener Porzellan will Teil des Alltags werden, hierzulande und weltweit. Etwa 50 Prozent seines Umsatzes von rund 33 Millionen Euro jährlich macht das Unternehmen in Deutschland. Hier könne man sogar einen kleinen Umsatzzuwachs verbuchen, sagt Tillmann Blaschke. Es gäbe Verkaufsrenner, wie den Kaffeebecher Mug, den es mittlerweile in zwei Größen gibt.

Das ist der schöne Teil der Nachricht. Der weniger schöne sind die stark gestiegenen Energiepreise, die die Bilanzen der Manufaktur belasten und die Turbulenzen an den Weltmärkten führen. Russland ist seit Beginn des Ukraine-Krieges quasi als Markt komplett weggebrochen, was zwischen ein und drei Millionen Euro weniger Umsatz bedeutet.

Neue Kollektion mit Stardesigner

Der japanische Markt leidet unter der Inflation. Hier hat es in den vergangenen Jahren eine 41-prozentige Geldentwertung gegeben. „Das macht unser Produkte natürlich teurer“, sagt Tillmann Blaschke. Nicht ganz so drastisch sei es in Taiwan und in China habe sich das Kaufverhalten geändert. Zwar geben chinesische Touristen immer noch dreimal so viel Geld wie Deutsche bei ihrem Besuch in der Meissener Manufaktur aus, dafür haben sich in ihrem Heimatland die Kaufgewohnheiten verändert. Einheimische Luxusmarken würden zunehmend bevorzugt, erklärt Tillmann Blaschke unter Verweis auf aktuelle Marktanalysen. Zudem stehe die chinesische Wirtschaft enorm unter Druck. Seit der Sperrung der Straße von Hormus wird die Rohstoffversorgung zur Herausforderung. China hatte vor Beginn des Krieges auch Öl aus dem Irak bezogen.

Auch die Meissener Manufaktur trifft der Krieg in diesem Teil der Welt. „Wir waren gerade dabei, das Geschäft im arabischen Raum zu intensivieren, da eskalierte der Konflikt“, erzählt Blaschke. Zuvor hatte man bereits in Amerika Umsatzrückgänge verzeichnet, einerseits durch den schwächelnden Dollar, andererseits durch die Zollpolitik von Donald Trump. Beides zusammengerechnet, hat die Meissner Produkte um fast 40 Prozent verteuert.

Und am Schluss des Rundgangs über die Hausmesse geht es auf die Empore. Ein glänzender silberner Vorhang teilt diesen Raum vom Rest ab. Dahinter liegt ein Geheimnis, eine neue Porzellankollektion, die Meissen gemeinsam mit dem Designer Wolfgang Joop herausbringen wird. Schauen ist erlaubt, fotografieren nicht. Eines sei verraten: Es wird bunt – wie das Leben eben.

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