Melatonin, Blaulicht-Brille, Mundpflaster: Was bringt wirklich etwas? Grönemeyer gibt klare Antworten
Stand: 06.08.2026, 06:56 Uhr
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Welche Schlaf-Helfer sind sinnvoll, welche Hype? Professor Grönemeyer bewertet Melatonin-Präparate, Blue-Blocker und Mundpflaster – und erklärt seinen ganzheitlichen Ansatz.
München – Ob Melatonin-Spray aus der Drogerie, Blue-Blocker-Brille fürs Homeoffice oder Mundpflaster gegen Schnarchen: Der Markt für Schlaf-Hilfsmittel boomt. Immer mehr Menschen suchen schnelle Lösungen für schlechte Nächte – und das aus gutem Grund.

Allein im Freistaat hat sich die Lage drastisch verschärft: Rund 1,02 Millionen Menschen in Bayern sind mittlerweile von ärztlich diagnostizierten Schlafstörungen betroffen. Das entspricht etwa jedem zwölften Bürger – eine Entwicklung, die Barmer-Landesgeschäftsführer Alfred Kindshofer in München als neues „Volksleiden“ bezeichnet. Besonders besorgniserregend: Vor zehn Jahren lag die Zahl in Bayern noch bei 775.000.
Denn Schlaf und Gehirngesundheit hängen enger zusammen, als vielen bewusst ist. Aktuelle Studien belegen: Wer dauerhaft schlecht schläft, erhöht sein Risiko für Demenz im Alter. Mit dieser Verbindung beschäftigt sich auch Professor Dietrich Grönemeyer in seinem neuen Buch „Meine Formel für einen gesunden Schlaf“ – und gibt dabei konkrete Einschätzungen zu den Trendhilfsmitteln ab, die Verbraucher wirklich interessieren.
Melatonin: Was taugen die Präparate wirklich?
Melatonin-Sprays und -Kapseln gibt es inzwischen in jeder Drogerie. Ihre Beliebtheit wächst – doch ihre Wirkung ist begrenzt. Grönemeyer erklärt auf Anfrage des Münchner Merkur von Ippen.Media: Bei Melatoninmangel, Jetlag oder verzögertem Schlafphasensyndrom könne das Präparat die Einschlafzeit verkürzen. Wer ohnehin gut schlafe, spüre die Wirkung kaum oder bekomme Kopfschmerzen. In München warnen Kassenvertreter zudem ausdrücklich vor der eigenständigen Einnahme von Schlafmitteln ohne ärztlichen Rat.
Entscheidend sei das Verständnis dafür, wie der Körper Melatonin selbst herstellt: aus Tryptophan, einer essenziellen Aminosäure, die in eiweißreichen Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch, Eiern, Milchprodukten, Nüssen, Samen und Soja vorkommt. Der Körper braucht dafür auch ausreichend Enzyme und Kofaktoren wie Vitamin B6, Magnesium und Zink. „Normale Ernährung deckt den Bedarf in der Regel problemlos“, so Grönemeyer. Wer sich einseitig ernähre und über schlechten Schlaf klage, solle zuerst seinen Einkaufszettel überdenken.
Blue-Blocker-Brillen: Sinnvoll – oder Ausrede?
Die Brillen, die blaues Licht von Bildschirmen herausfiltern sollen, sind ein weiterer Trend. Grönemeyer sieht darin ein Hilfsmittel, das das eigentliche Problem kaschieren kann. „Wer nicht aufs Handy verzichten kann oder lange abendliche Bildschirmarbeit für unverzichtbar hält, muss sich nicht wundern, wenn das Blaulicht dem Hirn vermittelt, die Melatonin-Produktion runterzufahren.“ Die Folge: Man bleibt hellwach, der Schlaf leidet.
Sein klarer Rat: Elektronik konsequent aus dem Schlafzimmer entfernen und möglichst lange vor dem Zubettgehen abschalten. Die einfachste Lösung sei oft die wirksamste.
Mundpflaster gegen Schnarchen: Hilft das wirklich?
Das Zukleben des Mundes mit speziellen Pflastern, um die Nasenatmung zu erzwingen – ein Trend, der in sozialen Netzwerken viel diskutiert wird. Grönemeyers Antwort ist zurückhaltend: Wer Schnarchprobleme habe, solle sich zunächst mit einem HNO-Arzt beraten, was Nasen- oder Mundpflaster beitragen könnten. Er selbst setzt bei Schnarchproblemen auf Gewichtsreduktion, wo nötig, und auf gezielte Atemübungen. „Die Atmung und die Zwerchfellfunktion werden in dem Zusammenhang viel zu oft vernachlässigt“, so Grönemeyer.
Grönemeyers Fazit: Hilfsmittel sind kein Ersatz für Lebensstil
Auf die Frage, ob er Hilfsmittel wie Melatonin, Blue-Blocker und Mundpflaster als sinnvolle Bausteine seines Gesundheitskonzepts sehe, gibt Grönemeyer eine klare Antwort: „Hilfsmittel sind gut und schön. Aber bewegen müssen wir uns nun erst mal selbst im Rahmen eines ganzheitlichen Gesundheitsansatzes.“ Wer nicht bereit sei für Veränderungen, werde nachhaltig kaum Verbesserungen erzielen. Hilfsmittel könnten unterstützen – seien aber nur ein kleiner Teil der Lösung.
Was der Körper wirklich braucht: Die fünf Schlüssel aus seinem Buch
Statt auf schnelle Lösungen zu setzen, empfiehlt Grönemeyer seinen ganzheitlichen Ansatz:
- Morgens Tageslicht tanken (10–15 Minuten) für einen stabilen Biorhythmus.
- Tagsüber Pausen einbauen – Mittagsschlaf und Powernaps zählen mit zur Gesamtschlafmenge.
- Abends bewusst runterkommen: sanftes Dehnen, Tai-Chi, warmes Fußbad statt Bildschirm.
- 4-7-11-Atmung nutzen: vier Sekunden einatmen, sieben halten, elf ausatmen – wirkt gegen Grübeln und Anspannung.
- Keinen Perfektionsdruck: Wer morgens ausgeruht aufwacht, hat alles richtig gemacht.
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Grönemeyer versteht sein Buch als Ermutigung: „Ich möchte den Menschen viele Empfehlungen geben, mit dem Problem aktiv umzugehen. Gut schlafen heißt, das Leben wieder genießen zu können.“
Dabei belegt die Wissenschaft die Dringlichkeit: Derzeit leben in Deutschland 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, jährlich kommen rund 450.000 neue Diagnosen hinzu. Die Lancet-Kommission, auf die Grönemeyer sich beruft, kommt zu dem Schluss: Jede zweite Demenz wäre vermeidbar – wenn wir unser Leben entsprechend gestalten. Schlafen ist dabei kein passiver Luxus, sondern aktiver Schutz. (str)