Es hat lang gedauert, bis die Abhängigkeit der Wirtschaft von der Natur breit erkannt wurde. Ein Indikator dafür, welche Themen massenfähig sind, ist das Programm des World Economic Forums in Davos. Seit dieses beziffert hat, dass das globale Bruttoinlandsprodukt zur Hälfte von der Natur abhängig ist, findet sich auch das Thema Biodiversität bei dem Treffen internationaler Manager und Spitzenpolitiker häufiger. Im Vergleich zum Klimawandel kommt es spät zu Prominenz, auch die Regulierung hinkt hinterher. Doch die Finanzmärkte sind gleichermaßen verstrickt.
In Zahlen des UN-Umweltprogramms (UNEP) liest sich das so: „Die Welt gibt im Jahr 220 Milliarden Dollar aus, um die Natur zu schützen, wohingegen Ausgaben von 7,3 Billionen Dollar getätigt werden, die sie zerstören“, heißt es im diesjährigen Bericht „Stand of Finance for Nature“. Eine Diskrepanz bestehe: Den größten Anteil schädlicher Ausgaben tätigten private Akteure, die aber nur ein Zehntel der Ausgaben zum Schutz beisteuerten. Zwei Drittel der schädlichen Ausgaben stammten aus der Industrie, von Energieversorgern und aus der Rohstoffbranche, ein Drittel ginge auf fossile Brennstoffe, die Landwirtschaft und den Wasserverbrauch zurück.
Auch andere Studien untersuchen die Abhängigkeit der Märkte von der Natur. Die Europäische Zentralbank hat Wasserknappheit schon lange vor den Niedrigwasserständen dieses Sommers als kritischen Faktor für die Kreditportfolios von Banken identifiziert. Sie widmet dem Verhältnis von Natur und Finanzen einen wachsenden Teil ihrer Forschung. Und jüngst hat die Studie einiger Professoren und Praktiker in der Zeitschrift „Nature Ecology & Evolution“ bemängelt, dass Ratingagenturen und Finanzmarktakteure das Risiko eines Wertverlusts von Staatsanleihen durch Naturschäden deutlich unterschätzten.
Bodenerosion und Wasser sind Risiken für Kreditportfolios
Erst vor einigen Tagen hat die Bundesbank eine Studie vorgelegt, die die Abhängigkeit des Bankensektors von Ökosystemleistungen untersucht. Diese sei sehr hoch. Beziehe man die Lieferketten von Unternehmen ein, die von den Banken finanziert werden, zeige sich ein noch eindeutigeres Bild. Als größtes Risiko identifizieren die Autoren Bodenerosion. Fünf der zehn wichtigsten Naturaspekte der Kreditvergabe hängen mit Wasser zusammen: Angebot und Säuberung, Regulierung des Wasserabflusses, Schutz vor Überschwemmungen und Regenauffangsysteme.
Bezieht man in die Analyse auch die Wertschöpfungsketten ein, wird Wasser zu einem noch wichtigeren Faktor der Abhängigkeit. Als größtes Risiko erweist sich der Schutz vor Stürmen. Dabei zeigt sich, dass Sparkassen und kleinere Regionalbanken, die besonders die lokale Wirtschaft bedienen, ihre Investitionsentscheidungen weniger flexibel an veränderte Umweltbedingungen anpassen können. Die Autoren räumen ein, dass sie dabei noch nicht ausreichend berücksichtigen konnten, wie sich durch eine Diversifikation der unterstützten Wirtschaftssektoren solche Risiken lindern lassen.
Mit ihren Zahlen hätten sie keine Maßzahl für das direkte finanzielle Risiko für die Banken gefunden. Stattdessen hätten sie potentielle Kanäle identifiziert, über die Naturrisiken in Kreditportfolios eindringen können. Wie stark der Effekt sei, hänge davon ab, ob die Ökosystemleistungen vorübergehend oder dauerhaft ausfallen. Im nächsten Schritt müssten die kreditfinanzierten Unternehmen zeigen, wie sie sich davor schützen.
Manchmal schädigen vermeintlich gute Branchen die Natur
Unternehmen sind abhängig von Ökosystemleistungen, gleichzeitig aber tragen sie dazu bei, dass diese weniger in Anspruch genommen werden können, so sehen es Autoren des UNEP. „Wir müssen riesige Summen umlenken, die in Aktivitäten mit einem direkten negativen Einfluss auf die Natur investiert werden“, heißt es in dem UN-Bericht. Und dabei geraten auch vermeintlich unverdächtige Sektoren in den Blick.
Mindestens ein Drittel, in Westafrika sogar vier Fünftel der bedrohten Menschenaffenpopulationen auf der Welt würde ein Ausbau der Bergbaue in Afrika treffen. Damit soll der Rohstoffbedarf für den Konsum und den Ausbau erneuerbarer Energien gedeckt werden, sagt Johannes Förster vom Umweltforschungszentrum Leipzig. Er hat den UNEP-Bericht mit erstellt. „Das Konzept der planetaren Grenzen zeigt: Wir belasten unsere Ökosysteme stärker, als sie sich regenerieren können“, sagt er.
Eine Studie der Wirtschaftsprüfung PwC zeigt, dass mehr als die Hälfte der Börsenkapitalisierung an den größten Handelsplätzen der Welt konkrete Abhängigkeiten von der Natur aufweist. Am größten sei die finanzielle Abhängigkeit in Taiwan, das für seine Chipproduktion viel Wasser benötige. Deutschland stehe auf Platz sieben der naturabhängigsten Volkswirtschaften. „Transitionspläne, die auf das Klima und die Natur achten, sind deshalb eine wirtschaftliche Notwendigkeit“, sagt er.
Die EZB hat diese Themen schon länger zum Gegenstand ihrer Aufsichtspraxis gemacht. Die Natur sei die Lebensader der Volkswirtschaften, sagte der für das Thema zuständige Exekutivdirektor Frank Elderson im März im südafrikanischen Pretoria. Setze sich die Naturzerstörung fort, werde das Erträge von Unternehmen beeinflussen. „Das wird Kreditrückzahlungen der Unternehmen beeinträchtigen, sich in Bankbilanzen bemerkbar machen und schließlich ein Risiko für die Finanzstabilität werden“, sagte er.
Drei Viertel der Kreditvergabe hängen an Ökosystemleistungen
Dabei stützt sich Elderson auf eine Untersuchung der EZB-Forschung, nach der im Euroraum 72 Prozent aller Unternehmen und 75 Prozent aller Kreditvergaben von mindestens einer Ökosystemleistung abhängen. Demnach sind neun Prozent der Produktion durch Wasserknappheit bedroht. Und sogar 22 Prozent der Kreditportfolios von Banken hängen von Grundwasserknappheit ab. Trockenheit verschlechtere die landwirtschaftliche Produktion, nur 37 Prozent des Oberflächenwassers hätten eine gute ökologische Qualität.
Auf Basis der Daten von drei Millionen Unternehmen lasse sich nachweisen, wie Kredite und Produktion durch die Abhängigkeit von der Natur gefährdet seien, sagt Studienautor Andrej Ceglar. „Wir sehen Rückkopplungen zwischen der Verschlechterung des Naturzustands und von Bankportfolios. Wasser ist der kritischste Faktor“, sagt er. Für die Untersuchung haben er und sein Team 20 Ökosystemleistungen untersucht. Wasserknappheit und Trockenheit könnten zu höheren Importpreisen führen. Effekte, die sich wechselseitig verstärken, haben die Autoren nicht analysiert.
Die Arbeit im EZB-Research-Team lässt Platz für grundlegendere Überlegungen. In dem Diskussionspapier „The economics of natural capital“ entwirft Ceglar mit seinem Kollegen Alexander Popov ein Modell, das die Zusammenhänge zwischen Naturübernutzung, Regeneration und wirtschaftlichem Wachstum durch Investitionen untersucht. Aus sozialer Perspektive reiche die Konservierung der Natur nicht aus, wenn private Unternehmen ihr Eigentümer sind. Doch auch diese hätten ein Interesse daran, die Umwelt zu schützen. Ein großer Teil des Biodiversitätsverlusts rühre aus einer Zeit vor der industriellen Revolution. Lange Zeit könne dieser unproblematisch sein – bis er dazu führe, dass Ökosystemleistungen für die Wirtschaft ausfielen.
Natur als Produktionsfaktor ist nicht selbstverständlich
Unternehmen und Staat müssten ausbalancieren, wie stark die Natur übernutzt werden dürfe. „Durch die Tragik der Allgemeingüter (Allmende) wird Natur schnell zerstört. Ihr einen Wert zuzuweisen und staatlichen Schutz zu gewähren, funktioniert besser“, sagt Popov. In der Studie plädieren die Autoren dafür, Eigentumsrechte zu definieren und eine Regulierung einzuführen, die den Eigenantrieb privater Unternehmen zum Schutz der Natur anreizen, ohne dem Wachstum zu schaden. „Wir nehmen es als gegeben hin, dass Natur als Produktionsfaktor bereitsteht. Unser Papier will das ändern“, sagt Popov.
Hat die Finanzaufsicht Kreditrisiken durch Naturzerstörung im Blick, so war ihr Effekt auf Staatsanleihen bislang noch nicht untersucht. Dazu hat ein Autorenteam um die deutschen Ökonomen Ulrich Volz und Moritz Kraemer eine Studie in der Zeitschrift „Nature Ecology & Evolution“ vorgelegt. „Die Ratings von Staatsanleihen ignorieren diese Risiken“, schreiben sie. „Das bedeutet, dass Märkte finanzielle Werte in Höhe von 83 Billionen Dollar falsch bepreisen, managen oder allokieren könnten.“ Um zu dieser Aussage zu gelangen, stellen sie Szenarien ökologischer Schocks auf. Das damit verbundene Risiko könnte übersehen werden, ähnlich den Ausfallrisiken US-amerikanischer Hypothekenkredite vor der Finanzkrise 2008.
Die drei schärfsten Szenarien, die sie untersuchen, sind ein weitreichender Wegfall der Bienenbestäubung, eine umfassende Umwandlung tropischer Regenwälder in Ackerflächen und ein starker Rückgang der Fischpopulation. Je stärker die Länder von diesen drei Ökosystemleistungen abhängig sind, desto stärker würde ihre Wirtschaft beeinträchtigt und damit die Kreditwürdigkeit des Staates. Auf die 23 in der Studie untersuchten Länder könnten Zinszahlungen in dreistelliger Milliardenhöhe zukommen. „Wenn Länder so knappe Ressourcen für Zinszahlungen verwenden, verzichten sie darauf, wesentliche Investitionen in Ökosystemleistungen, Wasser oder Naturschutz zu tätigen“, schreiben die Autoren.
Mit dieser Diskussion knüpfen sie an die Befunde des UNEP-Berichts an, der den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Aktivität und Naturschutz sichtbar macht. Was lange ausschließlich in der Umwelt- und Entwicklungspolitik diskutiert wurde, ist inzwischen an den Finanzmärkten angekommen. Auf Unternehmen und Banken kommt die Aufgabe zu, ihre eigenen Risiken genauer zu bestimmen.