Das Jahr 1996 markierte mit Windows NT einen entscheidenden Wendepunkt in der PC-Geschichte. Die Computerindustrie befand sich mitten im Übergang von der alten 16-Bit-DOS-Ära hin zu modernen 32-Bit-Betriebssystemen.
Während Windows 95 den Heim-PC-Markt im Sturm eroberte und IBMs OS/2 Warp die technologische Speerspitze bildete, veränderte der Verkaufsstart von Windows NT 4.0 im August 1996 das Kräfteverhältnis im professionellen Segment nachhaltig.
Ein Jahr nach seinem legendären Launch 1995 beherrschte Windows 95 den Consumer-Markt. Es brachte die moderne Bedienoberfläche mit Startmenü, Taskleiste und Explorer, die bis heute den Standard prägt. Unter der Haube war Windows 95 jedoch ein technischer Kompromiss: Um Abwärtskompatibilität zu alten MS-DOS- und Windows 3.x-Programmen zu wahren, nutzte es einen 16/32-Bit-Mischmasch. Stürzte eine schlecht geschriebene 16-Bit-Anwendung ab, riss sie oft das gesamte System mit.
Das bessere Windows
IBM hatte mit OS/2 Warp (Warp 3 erschien Ende 1994, Warp 4 folgte im September 1996) ein Produkt auf dem Markt, das Windows 95 architektonisch weit voraus war. „A better Windows than Windows“ – so bewarb IBM sein OS/2. Durch echtes präemptives Multitasking und isolierten Speicherschutz konnte eine abgestürzte Applikation OS/2 nicht aus dem Tritt bringen. Zudem liefen DOS- und Win16-Programme auf OS/2 oft stabiler als unter Windows selbst.
OS/2 war jedoch nur in zwei Segmenten erfolgreich: bei traditionellen IBM-Kunden, etwa im Finanzsektor, und in einem relativ kleinen Kreis technisch versierter Anwender, zum Beispiel in der Fidonet-Szene. Auf einem OS/2-Rechner konnte man problemlos ein komplettes Mailbox-System mit Mailer im Hintergrund laufen lassen, ohne dass die zeitkritische Interruptbehandlung der seriellen Schnittstellen zu Modems und ISDN-Karten stolperte.
Deutschland war für OS/2 zu der Zeit ein Vorreitermarkt: Vobis und Escom hatten PCs direkt mit diesem Betriebssystem ausgeliefert – ein lokaler Erfolg, der in den USA fehlte. IBM verstand es nicht, das Produkt verständlich an Endkunden zu vermarkten. Entwickler setzten voll auf die Win32-API von Microsoft. Native 32-Bit-Software für OS/2 blieb Mangelware und WinOS2 unterstützte nur den Win32s-Subset, nicht aber echte Win32-Programme.
Um die Office-Lücke zu schließen, lizenzierte IBM in Deutschland StarOffice von Marco Börries' Star Division, einen frühen Vorläufer von OpenOffice und LibreOffice. Doch IBM USA unterlief diese Strategie: Bei der Übernahme von Lotus Software kaufte der Konzern bei der Übernahme von Lotus Software nicht nur Notes, sondern auch noch das Konkurrenzprodukt SmartSuite mit Lotus 1-2-3. Das sollte dann IBMs Antwort auf Microsoft Office werden – für Windows, denn die OS/2-Versionen der Software waren veraltet.
Als NT4 auf den Markt kam, brauchten die meisten PCs für die Installation von CD noch Nachhilfe in Form von Boot-Disketten. Die lagen dem Paket bei.
(Bild: Mit freundlicher Genehmigung von https://www.winhistory.de)
Als Microsoft im August 1996 Windows NT 4.0 veröffentlichte, schloss sich die Lücke zwischen der Stabilität der NT-Architektur und der Benutzerfreundlichkeit von Windows 95. Vorgängerversionen wie NT 3.51 nutzten noch die altbackene Oberfläche von Windows 3.1 mit dem Programm-Manager und dem Datei-Manager. NT 4.0 übernahm eins zu eins die Bedienoberfläche von Windows 95. Anwender erhielten das gewohnte Startmenü, während Entwickler und IT-Administratoren unter der Haube einen echten 32-Bit-Kernel mit NTFS-Dateisystem, Rechteverwaltung und präemptivem Multitasking vorfanden.
Ablösung für Unix-Workstations und Netware-Server
NT 4.0 erschien als Workstation- und als Server-Variante. Damit wilderte Microsoft erfolgreich im Revier von UNIX-Workstations sowie im Markt für Netzwerk-Betriebssysteme, wo das stagnierende Novell NetWare bis dahin die Fileserver-Landschaft prägte. Auf größeren Servern dominierten Unix-Systeme (Sun Solaris, HP-UX, IBM AIX). Linux war ein neuer Herausforderer, aber noch nicht kommerziell stark. 1996 war Linux vor allem ein System für Universitäten, Entwickler und frühe Internetserver. Kommerzielle Distributionen wie Red Hat (gegründet 1993) begannen gerade erst, Fuß zu fassen. S.u.S.E. (Software- und System-Entwicklung) vertrieb bis Mai 1996 noch eine auf Slackware basierende Distribution.
Windows NT 4.0 war der strategische Ankerpunkt für Microsofts langfristige Betriebssystem-Zukunft. Es bewies, dass ein stabiles, sicheres Betriebssystem nicht kompliziert zu bedienen sein musste. Während OS/2 in Nischen wie Geldautomaten erfolgreich blieb und Windows 95 den Consumer-Markt bis zum Erscheinen von Windows 98 beherrschte, ebnete NT 4.0 den Weg für die spätere Zusammenführung beider Systemfamilien in Windows 2000 und schlussendlich Windows XP.
Der erste Teil der Installation lief noch im Textmodus ab und endete für manchen mit Enttäuschung, denn NT4 forderte mindestens einen 80486-Prozessor.
(Bild: Mit freundlicher Genehmigung von https://www.winhistory.de)
Die IT-Welt sah 1996 vollkommen anders aus, als man sich das heute vorstellen mag. Multimedia mit CD-ROM-Laufwerken war Standard und der Intel Pentium verdrängte die alten 486er-Prozessoren. Vobis war mit seiner Eigenmarke Highscreen und den berühmten zweiwöchentlichen Prospekten (Denkzettel) Marktführer in Deutschland. PCs hatten mindestens 8 MB (Megabyte), häufig aber auch 16 MB Hauptspeicher, ein Tausendstel dessen, was wir heute als angemessen empfinden. So ein PC kostete 2500 bis 3000 DM, inflationsbereinigt also etwa 2000 bis 2400 Euro. Um ein Betriebssystem einzurichten, musste man den PC damals von einer Diskette booten. Die weiteren Dateien ließen sich dann von einer CD installieren.
Google als Unternehmen entstand erst 1998; 1996 war die Suchmaschine noch ein Forschungsprojekt von Larry Page und Sergey Brin an der Stanford University. Das Internet war für viele Privathaushalte in Deutschland noch echtes Neuland. Der Zugang erforderte spezielle Hardware, viel Geduld und wurde minutengenau über die Telefonrechnung abgerechnet. Eine Stunde Surfen zur Hauptsendezeit konnte schnell 6 bis 12 DM kosten. Wer unachtsam stundenlang online blieb, blickte am Monatsende nicht selten auf eine dreistellige Telekom-Rechnung.
Weit geworfen
Benutzer mussten sich an NT anmelden. Anfangs irritierte das die Anwender – ebenso wie die dafür verwendete Tastenkombination.
(Bild: Mit freundlicher Genehmigung von https://www.winhistory.de)
Microsoft bewies in dieser Zeit mit NT 4.0 enorme Weitsicht. Das Zugpferd war Windows 95. Es hatte eine bessere Spieleunterstützung, eine breite Auswahl an Gerätetreibern und es war auf DOS-Basis viel genügsamer als NT. Für die allermeisten Anwender spielte Windows NT praktisch keine Rolle. Auch in Unternehmen war ein Einzelplatz-Betriebssystem, bei dem man sich zunächst anmelden musste, komplettes Neuland. Ein Login war bis dahin erst notwendig, wenn man auf Netzwerkressourcen zugreifen wollte.
NT 4.0 war Grundstein für alles, was später Microsofts Dominanz im Unternehmensbereich ausmachte. Administratoren konnten Server mit einer vertrauten Oberfläche bedienen. Unternehmen konnten Workstations und Server erstmals einheitlich schulen und betreiben. Die Hemmschwelle, NT statt Windows 95 einzusetzen, sank dramatisch. Diese Vereinheitlichung war der erste Schritt zu einer durchgängigen Windows‑Infrastruktur. NT 4.0 war die Grundlage für Windows 2000 und das dort eingeführte Active Directory und die Gruppenrichtlinien.
(vowe)