Nach der Wahl: Migranten-Organisation schlägt Alarm

Nach der Wahl

Sorge der Migrantinnen und Migranten wächst

Stand: 15.09.2026 21:09 Uhr

Der AfD-Wahlsieg sorgt bei Migrantenorganisationen für wachsende Verunsicherung. Das Landesnetzwerk fordert Bund und Länder auf, Vorsorge zu treffen und konkrete Schutzmöglichkeiten für gefährdete Menschen zu schaffen. Auch die AWO und die Gewerkschaft ver.di sorgen sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

von Katharina Gebauer, MDR SACHSEN-ANHALT

Die Zahl der rassistischen Übergriffe sei in Sachsen-Anhalt explodiert. So heißt es vom Landesnetzwerk der Migrantenorganisationen (Lamsa). Für Migrantinnen und Migranten werden deshalb nun Schutzmaßnahmen gefordert. Sie sollen über die Grenzen der Bundesländer hinweg gelten.

Ausländische Fachkräfte könnten nun mehr und mehr Sachsen-Anhalt verlassen. Immer mehr Angestellte würden sich nun Arbeitszeugnisse ausstellen lassen. Das gab die Diakonie Mitteldeutschland am Dienstag bekannt.

Flüchtlingskinder schaukeln auf einem Spielplatz. Undra Dreßler, Vorsitzende von Lamsa

Undra Dreßler, Geschäftsführerin von Lamsa fordert Schutzmaßnahmen für Migrantinnen und Migranten.

"Seit Sonntagabend klingeln unsere Telefone ununterbrochen. Wir organisieren Seelsorge. Wir organisieren eine Hotline, wo wir für die Menschen rund um die Uhr da sein können – weil die Sorge und die Ängste und Verunsicherung so groß sind“, sagt Undra Dreßler, Geschäftsführerin von Lamsa.

AWO: AfD-Wahlsieg „absoluter Tiefpunkt“

Wenn Menschen bedroht seien, müsse ein Weg gefunden werden, sie in anderen Bundesländern unterzubringen. Es bräuchte konkrete Schutzmaßnahmen für diese Menschen als Notfallplan.

Großbanner an Marktkirche Halle zur Landtagswahl

Auch die AWO schlägt Alarm. Für Barbara Höckmann, Vorsitzende des Präsidiums des AWO Landesverbandes Sachsen-Anhalt ist das Wahlergebnis der absolute Tiefpunkt für die Gesellschaft: „Wenn man sich das Programm der AfD anguckt, ist es eindeutig: Es ist ein klarer Angriff auf unsere Demokratie und unseren Sozialstaat“, sagt sie.

Reiner Haseloff (CDU,M-r), Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, steht neben Sven Schulze (CDU), Plenarsaal des Landtages von Sachsen-Anhalt.

Bundesländer ignorieren Anfrage von Lamsa

Schild zeigt das durchgestrichene Wort "Rassismus"

Das Wahlergebnis der AfD mache vielen Migrantinnen und Migranten Angst, so das Landesnetzwerk Lamsa.

Lamsa hat deshalb die Staatskanzleien der übrigen 15 Bundesländer angeschrieben. Der Verband will wissen, welche Schutzmöglichkeiten es im Ernstfall gibt und ob gefährdete Menschen vorübergehend in anderen Bundesländern unterkommen könnten. Bislang hat nur Niedersachsen reagiert, jedoch ohne klare Zusage für Schutzmaßnahmen. Auch der Bund sei gefordert, so Dreßler.

Lamsa nutzt dabei den Begriff der „Königsteiner Fälle“. Der Begriff ist angelehnt auf die Verteilung von Schutzsuchenden auf die 16 Bundesländer nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel. Übertragen auf die aktuelle Situation könnte das bedeuten, dass andere Bundesländer Menschen aufnehmen, die Sachsen-Anhalt vorübergehend verlassen müssen.

Drei Porträt-Bilder als Collage

Länderübergreifendes Kirchenasyl „ultima ratio“

Schild mit der Aufschrift "Kirchenasyl heißt Solidarität" in einer evangelischen Kirche.

Johann Schneider hält die Absicht, das Kirchenasyl abzuschaffen, bislang für Wahlkampf-Polemik der AfD.

Auch ein länderübergreifendes Kirchenasyl hält das Migrantennetzwerk für möglich. Die gesichert rechtsextreme AfD will laut ihrem Wahlprogramm das Kirchenasyl abschaffen. „Sollte diese Partei an die Regierung kommen, würde sie den Widerstand der Gemeinden deutlich zu spüren bekommen“, sagt Johann Schneider, Regionalbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Er hält eine Abschaffung des Kirchenasyls bislang für nicht rechtlich durchsetzbar. Den Gemeindemitgliedern sei eine antichristliche Politik aus der DDR bekannt und sie seien darauf vorbereitet. Ein länderübergreifendes Kirchenasyl wäre zwar denkbar, aber für Schneider die letzte Option.

Schild mit der Aufschrift "Kirchenasyl heißt Solidarität" in einer evangelischen Kirche.

Migrantischer Unternehmer will bleiben

Hamdi Kayisi ist ein älterer Mann mit grauem Haar und einer hellgrauen Jacke, der in einem Gewerbegebiet steht.

„Wir sind Teil von Deutschland, wir sind nicht nur Arbeitskräfte, sondern Menschen“, sagt Hamdi Kayisi.

Auch Hamdi Kayisi beschäftigt die politische Entwicklung und die Frage, was sie für Menschen mit Migrationsgeschichte bedeutet. Er betreibt eine Druckerei und Werbeagentur in Magdeburg und beschäftigt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlicher Herkunft. Er hatte den Streik von Migrantinnen und Migranten Ende August mitorganisiert, bei dem Geschäfte in Magdeburg als deutliches Zeichen gegen rassistische Politik geschlossen waren.

„Wir sind Teil von Deutschland, wir sind nicht nur Arbeitskräfte, sondern Menschen“, sagt Kayisi. Er ist der Meinung, dass die AfD gegen Migranten Hass verbreitet und diese Menschen nur im Zusammenhang mit Kriminalität sieht. Für ihn ist Magdeburg seit 18 Jahren seine Heimat. „Wir müssen hier bleiben und zusammenhalten“, findet Kayisi.

MDR (Katharina Gebauer, Til Schäbitz)