Stand: 07.08.2026, 07:14 Uhr
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Der frühere Meistertrainer der Füchse Berlin arbeitet seit Kurzem für die MT Melsungen. Im Sommer 2027 wird er Cheftrainer – bis dahin plant er den Kader und engagiert sich in der Jugendarbeit.
Kassel/Melsungen – Seit einigen Tagen ist Jaron Siewert offiziell für die MT Melsungen tätig. Eben jener Mann, der vor einem Jahr als Trainer die Füchse Berlin zur Deutschen Handball-Meisterschaft geführt hatte, wenige Wochen später aber vollkommen unerwartet seinen Platz räumen musste. Bei der MT wird er im Sommer 2027 den aktuellen Cheftrainer Roberto Garcia Parrondo beerben, der dann bekanntlich nach Paris wechselt. In der anstehenden Saison wird er eher im Hintergrund agieren. Möglicherweise mischt er sich heute unter die Fans bei der offiziellen Mannschaftsvorstellung der MT im Melsunger Schlossgarten (ab 17 Uhr).

Wir haben mit dem 32-jährigen Siewert über seinen Einstieg in Melsungen, den Abschied aus Berlin und sein Verhältnis zu Handball-Experte Stefan Kretzschmar gesprochen.
Herr Siewert, wie lebt es sich als Berliner in einer Kleinstadt wie Melsungen?
Dadurch, dass wir erst vor Kurzem umgezogen sind, haben wir uns noch nicht wirklich eingelebt. Die Stadt, die Nachbarschaft – das macht erst einmal einen sympathischen Eindruck. Wir waren vorher schon mal mit unseren Kindern zu Besuch hier. Und aus Sicht eines Berliners kann ich sagen: Melsungen hat einen ganz besonderen Charme. Eine Altstadt, die Fachwerkhäuser – das kannte ich vorher gar nicht.
Da klingt nicht so, als hätten Sie einen Kulturschock zu verarbeiten.
Nein, ganz und gar nicht. Meine Frau stammt aus Kettwig. Das gehört zwar zu Essen, ist aber ziemlich eigenständig. Der Ort ist durchaus mit Melsungen vergleichbar. Wir haben uns auch ganz bewusst für Melsungen entschieden. Unser ältester Sohn wird nun eingeschult. Und wir denken, dass unsere Kinder in Melsungen etwas ruhiger aufwachsen können als in einer Großstadt.
Wird Ihnen etwas vom Leben in einer Metropole fehlen?
Nein. Das Einzige ist meine Familie. Eltern, Bruder, Tante leben alle in Berlin. Obwohl du dort so viele Möglichkeiten hast, gehst du dennoch immer in dieselben zwei, drei Restaurants. Ich habe einen Großteil meines Lebens in Berlin verbracht. Jetzt freue ich mich, dass ein neuer Abschnitt beginnt.
Hatten Sie lange daran zu knabbern, dass Sie kurzfristig von Ihren Aufgaben als Trainer der Füchse entbunden wurden?
Ja, klar. Das kam für mich überraschend, aber auch für viele andere Menschen in der Handball-Welt. Bob Hanning hat die Entscheidung so getroffen. Es hat einige Wochen gebraucht, um das Ganze zu reflektieren und zu akzeptieren. Mir ist nichts anderes übrig geblieben. Der Abschied liegt nun elf Monate zurück. Ich bin mit mir komplett im Reinen.
Blicken Sie heute mit einem Groll nach Berlin oder fiebern Sie mit Ihrer Geschichte dennoch immer ein wenig mit?
Meine Liebe zu diesem Verein hat sich nicht verändert. Bei den Füchsen hatte ich meine ersten Berührungspunkte mit dem Handball. Ich habe bei diesem Klub das Handballspielen gelernt. Das Verhältnis zu einzelnen Personen im Verein ist aber nicht mehr wirklich existent, ich fiebere auch nicht mehr mit.
Wie oft tauschen Sie sich mit Stefan Kretzschmar aus, der zeitgleich bei den Berlinern gehen musste?
Alle zwei, drei Wochen telefonieren wir miteinander. Durch den Umzug wird es mit Treffen nun schwieriger. Wir tauschen uns aber schon häufiger aus.
Sie hatten im vergangenen Herbst einen zweiten Schlaganfall. Inwiefern blicken Sie jetzt anders auf das Leben?
Die gleiche Frage wurde mir schon nach dem ersten gestellt. Natürlich bin ich dankbarer. Ich genieße das Leben gefühlt schon etwas mehr. Und: Man erkennt, wer die wahren Freunde sind, wer zu einem hält.
Wie waren die Reaktionen in der Handball-Welt, als Ihr Wechsel nach Melsungen feststand?
Alles, was ich widergespiegelt bekommen habe, war durchweg positiv. Viele haben mich zu dieser Entscheidung beglückwünscht. Ich verfolge die Kommentare in den sozialen Netzwerken nicht so. Dafür ist eher meine Frau zuständig. Die MT ist ja auch ein Klub, der Potenzial hat.
Wie haben nun Ihre ersten Arbeitstage bei der MT ausgesehen?
Da es noch die räumliche Distanz gab, waren vor allem Gespräche mit Sportvorstand Jesper Larsson an der Tagesordnung. Mit Finn Lemke hatte ich auch schon Kontakt. Da steht aber noch ein Meeting aus, bei dem wir mal einen genauen Plan entwickeln. Ein richtiger Arbeitsalltag wird sich bei mir bestimmt erst in den kommenden Tagen einstellen.
Worin sehen Sie ihre Hauptaufgaben in der kommenden Saison?
Es geht darum, in Absprache mit Jesper den Kader für die Serie 2027/28 zusammenzustellen sowie mögliche Kooperationen im In- und Ausland zu besprechen. Ich möchte aber auch im Scouting behilflich sein. Vier Augen sehen immer mehr als zwei. Und dann werde ich mich auch in der Jugendarbeit engagieren. In welchem Umfang genau – das wird sich nach den Gesprächen mit Finn Lemke zeigen. Ich stehe dafür, Talente einzubinden. Das habe ich in Berlin auch gemacht. Wir haben mit den Vorständen Jesper Larsson und Andreas Mohr, mit Finn Lemke und mir unterschiedliche Charaktere, die sich gut ergänzen.
Das hört sich so an, als hätten Sie schon einige Ideen im Kopf.
Ein paar Sachen habe ich im Kopf. Mehrere Verträge laufen aus. Da muss man darüber reden, mit welchen Spielern verlängert wird und auf welchen Positionen wir andere Spieler holen wollen.
Sie müssen das Team für die Spielzeit 2027/28 zusammenstellen. Wie oft werden Sie sich Spiele in der Kasseler Rothenbach-Halle anschauen?
Die meisten. Ein Spiel live zu sehen, ist immer noch mal etwas anderes als vorm Bildschirm. Da siehst du die Interaktion der Spieler auf dem Feld. Du erkennst, wie sie mit dem Trainer agieren. Du bekommst einen Eindruck davon, wie das Aufwärmen abläuft.
Wissen Sie schon, wie der Jaron-Siewert-Handball bei der MT aussehen wird?
Ich stehe für temporeichen, modernen Handball. Der deutsche Co-Trainer Erik Wudtke (früher MT, d. Red.) hat neulich gesagt, moderner Handball sei Rammelhandball. Dem widerspreche ich ein bisschen. Unser Spiel soll in der Offensive variantenreich sein. Eine große Stärke der MT ist die Abwehr. Darauf wollen wir weiter setzen. In der Geschichte hat sich Melsungen immer in diesem Bereich ausgezeichnet. Ich erinnere an die Müller-Zwillinge, die immer kräftig zugepackt haben. Deswegen ist die Defensive ein Teil der MT-DNA. Und eine gute Deckung ist die Basis für ein gutes Tempospiel.
Was ist Ihnen bei einem Spieler besonders wichtig?
Wir würden keine Spieler ansprechen, wenn wir nicht von ihrem Talent, von ihrer spielerischen Qualität überzeugt wären. Aber das Wichtigste zeigt sich im persönlichen Gespräch: Wie ist er menschlich? Wie viel Ehrgeiz bringt er mit? Wie gut passt er in die Mannschaft?
Zur Saison 2027/28, wenn Sie anfangen, kommen etliche neue Stars in die Bundesliga. Die Costas, Dika Mem – wie gut wird diese Handball-Bundesliga sein?
Nur weil sie individuell gut sind, heißt das noch nicht, dass sie auch im Team gut funktionieren. Ich mache mir schon Gedanken darüber, ob da alle Rädchen ineinandergreifen. Für uns kann es eine Chance sein, indem wir als Mannschaft besser agieren und den Sieg mehr wollen. In Berlin hatten wir in den vergangenen Jahren mit Mathias Gidsel zwar den besten Spieler, unser Kader war aber eher klein. Und trotzdem haben wir mit der Konkurrenz mitgehalten.
Am Freitag stellt der Verein sämtliche Mannschaften bis hin zu den Profis vor. Planen Sie auch einen Besuch im Schlossgarten?
Ich gehe davon aus, dass ich vor Ort sein werde. Es steht allerdings noch nicht ganz fest, ob mein ältester Sohn vorgestellt wird. Er ist auf jeden Fall bei den Kleinsten der MT angemeldet. Ich denke aber, dass ich die Veranstaltung verlassen werde, bevor die Profis auf die Bühne kommen. Ganz einfach deshalb: Ihnen, dem aktuellen Trainer und dem Staff muss die Bühne gehören. Es ist nicht mein Stil, da irgendwie dazwischenzufunken. Wenn jemand ein Autogramm oder ein Selfie mit mir haben möchte, stehe ich dafür gern zur Verfügung. (Björn Mahr und Maximilian Bülau)
Zur Person: Jaron Siewert (32) ist gebürtiger Berliner. In der Jugend lief er für die Füchse auf. Er wurde Jugend-Nationalspieler. Mit Anfang 20 entschied er sich bereits fürs Trainergeschäft. Von 2017 bis 2020 war er für Tusem Essen tätig – dann ging er zurück zu seinem Heimatverein. Die Füchse führte er zur Deutschen Meisterschaft und zum Titel in der European League. Zudem erreichte er mit den Hauptstädtern das Champions-League-Finale. Im Spätsommer 2025 musste Siewert bei den Berlinern gehen. Jetzt ist er für die MT Melsungen tätig – zunächst in beratender Funktion in den Bereichen Scouting, Kaderplanung (ab Saison 2027/28), Nachwuchskonzept und Kooperationen. Im Sommer 2027 folgt er auf Cheftrainer Roberto Garcia Parrondo. Siewert ist Hertha-BSC-Sympathisant. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.