Stand: 29.09.2026, 14:00 Uhr
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Anderthalb Jahre lang wurde um einen traditionsreichen Industriestandort gekämpft. Nun ist auch der letzte Rettungsversuch gescheitert – mit Folgen für zwei Unternehmen.
Harzgerode – Der letzte Hoffnungsschimmer ist erloschen. Die insolventen Automobilzulieferer Bohai und Schlote stellen ihre Produktion im Harz endgültig ein. Zum 31. Januar 2027 ist in Harzgerode und Wernigerode Schluss. Rund 550 Arbeitsplätze bei Bohai und weitere etwa 180 bei Schlote fallen weg – insgesamt verlieren damit rund 730 Beschäftigte ihre Jobs.

Bei Bohai wurden die Mitarbeiter am Montag auf einer Betriebsversammlung über das Aus informiert. Insolvenzverwalter Olaf Spiekermann hatte seit dem Insolvenzantrag im April 2025 versucht, einen Investor und zusätzliche Aufträge für das Werk zu finden. Noch bis zuletzt bestand Hoffnung auf eine Rettung. Ein Interessent mit Erfahrung bei der Sanierung von Automobilzulieferern war zu Verhandlungen bereit, eine wirtschaftlich tragfähige Gesamtlösung kam jedoch nicht zustande.
Letzter Investor für Bohai springt ab
Seit anderthalb Jahren lief ein internationaler Investorenprozess. Zwischenzeitlich hatten mehrere Interessenten den Standort geprüft, noch im August gab es einen konkreten möglichen Käufer. Gleichzeitig suchten Insolvenzverwalter, Sachsen-Anhalts Landesregierung, Landkreis und Volkswagen nach zusätzlichen Aufträgen, um das Werk besser auszulasten.
Am Ende fehlte genau diese Perspektive. „Leider hat dies mangels zukünftiger Aufträge nicht ausgereicht“, erklärte Spiekermann. Die Produktion sei bis zuletzt defizitär gewesen und habe nur durch erhebliche finanzielle Unterstützung der wichtigsten Auftraggeber in Höhe zahlreicher Millionen Euro fortgeführt werden können.
Bohai betreibt in Harzgerode eine Gießerei und produziert Aluminium-Gussteile unter anderem für Getriebe, Fahrwerk und Karosserie. Besonders abhängig war das Unternehmen von Volkswagen. Die Aufträge des größten Kunden waren über Jahre zurückgegangen, wodurch die Auslastung des Standorts immer weiter sank.
Bohai-Aus zieht auch Schlote mit
Das Ende bei Bohai hat unmittelbare Folgen für die ebenfalls insolvente Schlote-Gruppe. Die Schlote Harzgerode GmbH verarbeitet auf demselben Gelände Bauteile von Bohai weiter. Auch die Getriebe- und Antriebstechnik Wernigerode GmbH ist betroffen. Über den 31. Januar hinaus bestehen nach Angaben des Insolvenzverwalters keine ausreichenden Aufträge mehr.
Deshalb wird auch an beiden Schlote-Standorten die Produktion eingestellt. Dort sind insgesamt rund 180 Menschen beschäftigt. Die Unternehmen waren während des Insolvenzverfahrens ebenfalls von ihren Kunden gestützt worden. Die Verlustübernahmen summierten sich nach Angaben des Insolvenzverwalters auf einen zweistelligen Millionenbetrag.
Damit verschwinden auf einen Schlag rund 730 Industriearbeitsplätze in Harzgerode und Wernigerode.
VW-Aufträge reichten nicht für Rettung aus
Besonders für Bohai war die Abhängigkeit von Volkswagen zum Problem geworden. Der Autobauer hatte den Standort während des Insolvenzverfahrens mit weiteren Aufträgen und finanziellen Ausgleichszahlungen stabilisiert. Dadurch konnte die Produktion länger fortgeführt und Zeit für die Investorensuche gewonnen werden.
Eine dauerhafte Lösung war das jedoch nicht. Wegen der rückläufigen Auftragsmengen blieb das Werk zu schwach ausgelastet, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Gesucht wurden deshalb zusätzliche Kunden sowohl aus der Autoindustrie als auch aus anderen Branchen. Auch Gespräche über mögliche neue Industrieaufträge führten letztlich nicht zu einer ausreichenden Perspektive.
Die Entwicklung steht zugleich beispielhaft für den Druck auf große Teile der deutschen Autozulieferindustrie. Sinkende Stückzahlen, hohe Kosten und die Transformation der Fahrzeugproduktion zwingen viele Unternehmen zu Anpassungen. Im konkreten Fall nennt der Insolvenzverwalter allerdings vor allem die fehlenden künftigen Aufträge und die dauerhaft zu geringe Auslastung als Gründe für das Aus.
730 Beschäftigte verlieren ihre Arbeitsplätze
Für die Region ist die Größenordnung besonders schwer zu verkraften. Harzgerodes Bürgermeister Marcus Weise sprach von einem „rabenschwarzen Tag“. Das Aus sei eine „ganz große Katastrophe für die Beschäftigten“ und letztlich auch für die Stadt und die gesamte Region. Die Unternehmen hätten über viele Jahre Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Steuereinnahmen gesichert.
Auch die IG Metall warnt vor erheblichen Folgen. „Das wird der Arbeitsmarkt in der Tat so schnell nicht aufnehmen“, sagte Gewerkschaftssekretär Jan Tomaschefski. Für die Harzregion sei die Schließung ein „ganz, ganz schlechtes Signal“.
Wie hart die Nachricht die Belegschaft trifft, zeigt auch die lange Unsicherheit. Über Monate hatten Beschäftigte, Politik und Insolvenzverwalter immer wieder auf eine Investorenlösung gehofft. Nun steht fest, dass die Produktion nur noch kontrolliert bis Ende Januar heruntergefahren wird.
Sozialplan soll Folgen für Beschäftigte abfedern
In den kommenden Monaten sollen die Kündigungen voraussichtlich schrittweise ausgesprochen werden. Bei Bohai will der Insolvenzverwalter mit Betriebsrat und IG Metall über einen Interessenausgleich und einen Sozialplan verhandeln. Auch bei Schlote wurden entsprechende Gespräche für die rund 180 Beschäftigten bereits eingeleitet.
Die Agentur für Arbeit will die Arbeitnehmer möglichst früh auffangen. Dafür sollen in einem Nebengebäude am Standort Büros eingerichtet werden. Dort sollen die Beschäftigten unter anderem zu offenen Stellen und Qualifizierungsmöglichkeiten beraten werden. Ziel sei, Arbeitslosigkeit im besten Fall ganz zu vermeiden. (Quellen: MDR, dpa, Mitteldeutsche Zeitung) (mare)