Parteien reagieren auf Wahlen Zwischen Desaster und Jubel
Stand: 20.09.2026 • 20:41 Uhr
Kanzler Merz hat nach den Wahlen bekräftigt, die aus seiner Sicht nötigen Reformen durchsetzen zu wollen. Vizekanzler Klingbeil von der SPD räumte ein, das Thema Rente habe zu "großer Verunsicherung" geführt. Die AfD sieht sich erneut gestärkt.
Nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern und der Abgeordnetenhauswahl in Berlin hat sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zum Abschneiden seiner Partei geäußert. Insbesondere das CDU-Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern sei ein "Desaster" für seine Partei, das auch auf "fehlenden Rückenwind aus Berlin" zurückzuführen sei. Das Ergebnis könne man nicht schönreden.
Gleichzeitig bekräftigte der Kanzler und CDU-Parteichef, an seinem Kurs festhalten zu wollen. "Ich möchte unser Land voranbringen", sagte er im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin. "Die Reformen müssen kommen." Es gebe in Deutschland keinen Weg zurück. Das Land müsse für die Zukunft fit gemacht werden. "Was jetzt zu tun ist, erfordert Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld", sagte Merz.
Ich werde das aufbringen als Parteivorsitzender der CDU und vor allem als Bundeskanzler unseres Landes.
Friedrich Merz
Er sei fest davon überzeugt, dass der Erfolg der Reformen "nicht nur unser Zusammenleben verbessert, sondern auch unser Selbstbild und unser Bild in der Welt". Deutschland sei reformfähig. "Ich gehe sogar so weit und sage, diese Reformen sind das Mittel gegen das autoritäre Gift, das mit der Faszination des Autoritären immer tiefer in unsere Gesellschaft eindringt", sagte Merz.
Merz seit Sachsen-Anhalt-Wahl unter Druck
Die CDU musste deutliche Verluste hinnehmen: In Berlin, wo die Partei mit Stefan Evers den Regierenden Bürgermeister stellt, liegt sie laut ARD-Hochrechnung (Stand: 19:57 Uhr) bei 19,1 Prozent (2023: 28,2 Prozent). Spitzenkandidat Evers habe die CDU mit vollem Einsatz und großem Engagement zu einem "ordentlichen Ergebnis" geführt, sagte Merz.
In Mecklenburg-Vorpommern muss die Partei der ARD-Hochrechnung zufolge mit 5,0 Prozent (Stand: 19:57 Uhr) um den Einzug in den Landtag zittern. Bei der letzten Wahl 2021 war sie noch bei 13,3 Prozent gelandet - das bis dahin schlechteste Ergebnis der Christdemokraten in dem Bundesland. Merz sagte: "Die CDU hat gekämpft, aber es ist am Ende die CDU zerrieben worden in der Zuspitzung zwischen SPD und AfD." Beide Parteien führen laut Hochrechnung das Feld deutlich an, die AfD liegt vorn.
Seit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vor zwei Wochen und dem schlechten Abschneiden der CDU war der parteiinterne Druck auf Merz immer größer geworden. Einzelne CDU-Vertreter hatten Merz bereits zum Rücktritt aufgefordert. Vier Tage vor den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin hatten die acht CDU-Ministerpräsidenten dem Kanzler allerdings mit einer gemeinsamen Erklärung Rückendeckung gegeben. Merz selbst hatte sich stets kämpferisch gegeben.
Steht die SPD zum Reformkurs?
SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil will als Konsequenz aus den Wahlergebnissen das Regierungshandeln auf den Prüfstand stellen. "Wir müssen für uns als Bundesregierung analysieren, warum es diese große Unsicherheit im Land gibt", sagte Klingbeil in der ARD. Die Regierung habe es nicht geschafft, ihre Reformen so zu vermitteln, dass die Menschen darin Veränderungen zum Besseren sähen. Er räumte ein, dass das Rententhema zu "großer Verunsicherung" führe.
Auch SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf hat angesichts der Verluste seiner Partei eine Kursänderung der schwarz-roten Bundesregierung gefordert. Die Landtagswahlen seien "eine ganz klare Botschaft, dass man eben nicht mit dem Kopf durch die Wand kann und einfach so weitermachen kann wie bisher", sagte er im ZDF. Es gehe nicht darum, auf Veränderungen zu verzichten, aber es dürfe nicht nur um Kürzungen gehen, sondern um strukturelle Veränderungen.
Der CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, Alexander Hoffmann, sprach in der ARD von einer "Enttäuschung für die Unionsfamilie". Merz' Statement direkt nach den ersten Prognosen sei daher wichtig gewesen. "Diese Wahlergebnisse ändern nichts am Reformbedarf in diesem Land", bekräftigte Hoffmann die Äußerungen des Kanzlers.
CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann sieht in der Erklärung von Merz ein Signal für Verlässlichkeit. Zu sehen sei ein Erstarken der Ränder und der Extreme, sagte Hoppermann im ZDF. "Diese Verunsicherung in unserem Land und in der Bevölkerung hat den Bundeskanzler dazu veranlasst, ein Zeichen von Führung und Stabilität zu senden."
Schwesig jubelt über Aufholjagd
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) zeigte sich erfreut über die Aufholjagd ihrer Partei in den vergangenen Wochen. "Die AfD wird keine Regierung stellen können", betonte sie. "Die Mehrheit hat sich ganz klar für demokratische Parteien entschieden."
Die SPD hat laut Schwesig auch wegen ihrer Haltung zur Ukraine Wählerstimmen an die AfD verloren. In Mecklenburg-Vorpommern gebe es viele Menschen, die die finanzielle und militärische Unterstützung für die Ukraine ablehnten und sich zudem wünschten, dass wieder Energie durch die Nord-Stream-Pipeline geliefert werde.
Der Berliner SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach sprach angesichts des historisch schwächsten Ergebnis seiner Partei von einer "Zäsur". "Wir waren über Jahrzehnte die Berlin-Partei", so Krach. Das könne man heute nicht mehr sagen.
AfD jubelt im Nordosten
AfD-Bundesparteichef Tino Chrupalla sieht die AfD als deutlichen Wahlsieger in Mecklenburg-Vorpommern. "Wir haben hier ganz klar den Regierungsauftrag", sagte er in der ARD. Obwohl die AfD in Hochrechnungen vorn liegt, hat sie wohl keine Aussicht auf eine Regierungsmehrheit, da die anderen Parteien eine Koalition mit der AfD ausschließen. Der AfD-Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten, Leif-Erik Holm, räumte ein: "Ich weiß, dass es schwer ist, die Regierung zusammenzuschnüren - aber wir werden alle Parteien einladen."
"Das Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern freut uns ganz gewaltig", sagte AfD-Co-Chefin Alice Weidel. Die CDU kratze an der Fünf-Prozent-Hürde "und das wird natürlich auch dazu führen, dass der Kanzler Friedrich Merz aus unserer Perspektive nicht mehr zu halten sein wird". Auch Chrupalla forderte Kanzler Merz zum Rücktritt auf.
Linke gewinnt wohl Wahl in Berlin
Auch aus der Linkspartei kamen Rücktrittsforderungen in Richtung des Kanzlers. "Mit ihm wird das nichts mehr", sagte der ehemalige Linken-Fraktionschef im Bundestag, Dietmar Bartsch.
Seine Parteikolleginnen und Parteikollegen in Berlin brachen angesichts der ersten Prognosen um 18 Uhr in lautstarkem Jubel aus. "Ab heute verändern wir gemeinsam Berlin", rief Spitzenkandidatin Elif Eralp auf der Wahlparty. Die Linke liegt in Berlin laut ARD-Hochrechnung (Stand: 19:57 Uhr) bei 25,3 Prozent und damit deutlich über dem bisherigen Spitzenwert der Partei in der Hauptstadt (2001: 22,6 Prozent als PDS). "Die Berlinerinnen und Berliner haben mir, haben uns, den klaren Auftrag fürs Rote Rathaus gegeben", sagte Eralp in der ARD.
Linken-Vorsitzende Ines Schwerdtner sagte in der ARD, die Partei stehe nach dem Wahlerfolg zu ihrem Versprechen, große Immobilienkonzerne vergesellschaften zu wollen. "Es hat ein Volksentscheid gegeben in Berlin mit einer glatten Mehrheit. Wir wollen diesen Mehrheitswillen der Berlinerinnen und Berliner auch ernst nehmen." Die rot-schwarze Koalition habe beim Thema Mieten versagt. "Das Thema muss angegangen werden", forderte sie.
Banaszak froh über Wahljahr der Grünen
Grünen-Parteivorsitzender Felix Banaszak zeigte sich erleichtert über die Wahlergebnisse. Insgesamt sei es "ein gutes Wahljahr für Bündnis90/Die Grünen" gewesen, sagte er im Interview mit phoenix. Gerade in Mecklenburg-Vorpommern sei er glücklich, dass es gelungen sei, sich gegen den Wahlkampf von Manuela Schwesig behaupten zu können. In Berlin habe die "Stadt einen Richtungswechsel gewählt und wir wollen Teil eines solchen Richtungswechsels sein", sagte er mit Blick auf eine mögliche Regierungsbeteiligung unter Führung der Linkspartei.
Das BSW muss in beiden Ländern noch um den Einzug in die Parlamente zittern. "Wir sind ganz zuversichtlich, dass wir in den Landtag einziehen werden", sagte der Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern, Peter Schabbel, in der ARD. "Wir treten an für einen überparteilichen Ministerpräsidenten und für ein Parlament mit wechselnden Mehrheiten", sagte Schabbel. Eine Koalition seiner Partei mit der AfD schloss er aus.