Klaus-Michael Kühne tat viel, um im Alter fit zu bleiben. Er radelte jeden Morgen eine halbe Stunde auf dem Hometrainer und drehte einige Runden in seinem Schwimmbecken. Trotzdem blickte der Unternehmer nüchtern in die Zukunft, als ihn die F.A.Z. im November 2024 fragte, ob er manchmal über den Tod nachdenke: „Das Ende kann jederzeit kommen, wenn man ein hohes Alter erreicht hat, da darf man sich keinen Illusionen hingeben.“ In der Nacht zu Montag ist Kühne im Alter von 89 Jahren gestorben. Der verheiratete, kinderlose Milliardär hatte sich und damit auch sein Umfeld gut auf diesen Tag vorbereitet: Er hat seinen gewaltigen Nachlass von langer Hand geregelt.

Kühne hat verfügt, dass sein Anwalt und langjähriger Vertrauter Thomas Staehelin ihm nach seinem Tod als Vorsitzender der Familienstiftung folgen soll, die sein Vater einst in der Schweiz gegründet hatte. Staehelin, der auch als Nachlassverwalter fungiert, wird damit indirekt Herr über ein Beteiligungsportfolio, dessen Wert das Magazin „Forbes“ auf 44 Milliarden Dollar schätzt.
Kühne hat verfügt, dass seine private Kühne Holding AG in den Besitz der Kühne-Stiftung übergehen soll. Diese Holding ist an etlichen Unternehmen beteiligt. Sie besitzt 55,4 Prozent des Logistikkonzerns Kühne + Nagel, 30 Prozent der Reederei Hapag-Lloyd, 20 Prozent der Lufthansa, mehr als ein Fünftel des Chemielogistikers Brenntag, die Mehrheit der Aenova-Gruppe, eine Minderheitsbeteiligung an dem Reisetransportdienstleister Flix, Luxushotels in Hamburg und auf Mallorca sowie etliche Immobilien.
Beteiligung an Kühne + Nagel ist 14,5 Milliarden Franken wert
Nach früheren Angaben ist die Holding auch mit 13,5 Prozent an der HSV Fußball AG & Co. KGaA beteiligt, in der das Profifußballgeschäft des Vereins gebündelt ist. Kühne besaß überdies die Namensrechte für das Volksparkstadion in Hamburg. Der gebürtige Hamburger liebte den HSV – eine Leidenschaft, die er mit seiner Frau Christine teilte. Gemeinsam verfolgten sie jedes Spiel der Mannschaft am Bildschirm.
Allein die Mehrheitsbeteiligung an dem börsennotierten Schweizer Logistikriesen Kühne + Nagel (K+N) ist aktuell 14,5 Milliarden Franken wert. Die Anteile an Lufthansa und Hapag-Lloyd haben derzeit insgesamt einen Wert von fast neun Milliarden Euro. In Kühnes letztem Willen ist nach Informationen der F.A.Z. festgehalten, dass K+N nach Möglichkeit unabhängig und an der Börse notiert bleiben soll. Der Aktienkurs von K+N reagierte am Montag kaum auf die Nachricht von Kühnes Tod. Schließlich dürfte sich kaum etwas an der Strategie des Unternehmens ändern. Dafür steht vor allem Jörg Wolle ein. Der zweite mächtige Mann in Kühnes Nachlasswelt führt seit 2016 den Verwaltungsrat von Kühne + Nagel und sitzt sowohl im Verwaltungsrat der Kühne Holding als auch in jenem von Kühnes Stiftung. Das zeugt vom großen Vertrauen, das Kühne zeitlebens Wolle entgegengebrachte.

Kühnes Stiftung wird eine der reichsten Europas
Offen ist, wie lange Thomas Staehelin die Kühne-Stiftung führen wird. Der Basler Notar ist bereits 78 Jahre alt. Im Gespräch mit der F.A.Z. vor zwei Jahren hatte Kühne denn auch bestätigt, dass dessen vorgesehene Berufung an die Stiftungsspitze nur eine Übergangslösung sei. Für die Nachfolge Staehelins gebe es mehrere Kandidaten, sagte Kühne, ohne Namen zu nennen. Die Vermögenswerte, welche die Stiftung nach seinem Tod zu verwalten habe, seien „fast schon erschreckend hoch. Das wird eine der größten Stiftungen Europas. Nach menschlichem Ermessen ist die Stiftung in guten Händen.“ Im Stiftungsrat säßen größtenteils sehr erfahrene Leute wie zum Beispiel der frühere Bundesbankpräsident Jens Weidmann.
Bisher hat die Kühne-Stiftung je Jahr 35 bis 40 Millionen Euro für gemeinnützige Zwecke verteilt. Mit Kühnes privater Holding im Bauch könnte dieser Betrag je nach Höhe der Dividendenausschüttungen künftig jährlich auf mehr als eine Milliarde Euro steigen. Auf die Frage, wo diese enorme Summe schwerpunktmäßig hinfließen soll, sagte Kühne seinerzeit, dass zunächst einmal weiter die universitäre Logistiklehre, medizinische Forschung, Kultur und Klimaforschung gefördert werden sollten.
Eine bedeutende Rolle in Kühnes hinterlassenem Reich wird auch weiterhin Karl Gernandt spielen. Kühnes ehemalige rechte Hand und Mädchen für alles sitzt im Aufsichtsrat der Lufthansa und führt für den erkrankten Michael Behrendt den Aufsichtsrat von Hapag-Lloyd. Gernandt, so wird spekuliert, könnte sich fortan schwerpunktmäßig um die Vermögenswerte in Hamburg kümmern, während Wolle vor allem ein Auge auf die Geschäfte in der Schweiz hat. Operativ soll die Kühne Holding, die nur ein Dutzend Mitarbeiter hat, weiterhin von Dominik de Daniel geführt werden.