AUDIO: Klima im und mit Kleinen - Nachhaltig im Familienalltag (3 Min)
Klima und Familie
Nachhaltigkeit mit Kindern: Was im Alltag wirklich Wirkung zeigt
Stand: 25.07.2026 05:00 Uhr
5.000 Windeln verbraucht ein Kind in den ersten Lebensjahren – rund eine Tonne Müll. Trotzdem setzen die meisten Familien auf Einwegwindeln. Denn mit kleinen Kindern klaffen Nachhaltigkeitsanspruch und Alltag oft auseinander. Wo liegen also die größten Hebel für Familien?
von Katja Evers
Wer darüber nachdenkt, wie Familien mit kleinen Kindern nachhaltiger leben können, landet schnell bei Stoffwindeln. Doch nach Ansicht von Henning Wilts vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie greift das zu kurz. Gerade Familien mit kleinen Kindern verfügen häufig über wenig Zeit, um sich intensiv mit nachhaltigem Konsum auseinanderzusetzen.
Entscheidend ist deshalb nicht nur die Frage, welche Lösung theoretisch am klimafreundlichsten ist. Ebenso wichtig ist, ob sie sich im Alltag überhaupt umsetzen lässt. Nachhaltigkeit funktioniert besonders dort, wo sie keine zusätzliche Belastung darstellt, sondern möglichst einfach in bestehende Routinen integriert werden kann.
Dieser Text erschien zuerst im ARD Klima-Update #253
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Das Stoffwindel-Dilemma: Nicht jeder Hebel ist gleich groß
Nach Angaben des Bundesumweltministeriums verbraucht ein Kind während der Wickelzeit rund 5.000 Windeln und verursacht damit etwa eine Tonne Abfall. Stoffwindeln können diese Müllmenge deutlich reduzieren. Trotzdem nutzen die meisten Familien weiterhin Einwegprodukte – nicht zuletzt wegen des zusätzlichen Wasch- und Organisationsaufwands.
In den Bereichen Ernährung, Mobilität und Wohnen verbrauchen wir privat bereits mehr als 70 Prozent der Rohstoffe.
Stoffwindeln sind aber ohnehin nicht der größte Hebel für Ressourcenverbrauch und Klimabilanz. Die liegen Henning Wilts zufolge an anderer Stelle: bei Mobilität, Ernährung und Wohnen. Diese drei Bereiche verursachten mehr als 70 Prozent des ökologischen Fußabdrucks privater Haushalte.
Mobilität: Wenn Infrastruktur wichtiger ist als gute Vorsätze
Kinder bringen zusätzliche Wege mit sich: zur Kita, zur Schule, zum Sport oder zu Freundinnen und Freunden. Entsprechend groß ist der Einfluss der Mobilität auf die Klimabilanz von Familien.
Für manche Familien kann das Fahrrad Bewegung in den Alltag integrieren, für die sonst wenig Zeit bleibt. Wer kurze Wege hat oder auf ein gut ausgebautes Radwegenetz und öffentlichen Nahverkehr zurückgreifen kann, hat mehr Möglichkeiten, auf das Auto zu verzichten. Doch genau daran mangelt es vielerorts.
Auch Henning Wilts sieht in seiner Forschung immer wieder, dass es häufig nicht an Motivation fehlt, sondern an den Rahmenbedingungen. Hier sei die Politik gefragt, die Hürde so niedrig wie möglich zu gestalten. Fehlen Busverbindungen oder sichere Radwege, bleibt das Auto für viele Familien die einzige realistische Option.
Es mangelt nicht an Motivation, sondern es mangelt an ermöglichender Infrastruktur. Prof. Dr. Henning Wilts, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
Nachhaltiges Verhalten gelingt deshalb oft dort am besten, wo die Infrastruktur klimafreundliche Entscheidungen erleichtert. Im Gegensatz zur Verkehrsinfrastruktur können Familien viele Entscheidungen rund ums Essen unmittelbar selbst treffen.
Ernährung: Weniger Fleisch als wirksamer Klimabeitrag
Auch beim Essen gibt es vergleichsweise große Hebel. Besonders Fleisch – und hier vor allem Rindfleisch – gilt als ressourcenintensiv. Schon eine Reduzierung des Konsums kann deshalb die Umweltbilanz deutlich verbessern.
Kinder müssen deshalb jedoch nicht zwangsläufig vegetarisch oder vegan ernährt werden. Der Kinder- und Jugendmediziner Berthold Koletzko weist darauf hin, dass Fleisch und Fisch die Versorgung mit wichtigen Nährstoffen wie Eisen, Zink und Omega-3-Fettsäuren erleichtern können. Zwei bis drei kleine Portionen pro Woche seien aus ernährungsmedizinischer Sicht sinnvoll.
Es ist sicherer und von der Nährstoffversorgung günstiger, wenn man Kindern ein wenig Fleisch oder Fisch gibt, gerade im Säuglings- und Kleinkindalter. Prof. Dr. Berthold Koletzko, Ludwig Maximilians Universität München
Eine vegetarische Ernährung ist nach Einschätzung Koletzkos durchaus möglich, wenn sie gut geplant wird. Deutlich anspruchsvoller sei dagegen eine vegane Ernährung im Säuglings- und Kleinkindalter. In diesem Fall müssen insbesondere Vitamin B12 und weitere kritische Nährstoffe ergänzt werden, um Mangelerscheinungen und Entwicklungsstörungen zu vermeiden.
Abseits dessen, was gegessen und gekocht wird, kann auch das wie entscheiden. So kann es helfen, Kinder früh in die Einkaufs- und Essenszubereitung einzubeziehen. Das fördert nicht nur das Interesse an Lebensmitteln, sondern hilft auch dabei, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wo Nahrung herkommt und welche Ressourcen für ihre Herstellung benötigt werden. Aufgaben, die ohnehin anfallen, werden außerdem gleich zur gemeinsamen Beschäftigung.
Wohnen: Oft zählt das, was schon da ist
Beim Wohnen beeinflusst vor allem der Platzbedarf pro Person die Klimabilanz. Neubauten verursachen durch Materialien wie Zement erhebliche Emissionen, erklärt Henning Wilts. Deshalb sei die Wohnfläche pro Kopf ein zentraler Hebel.
Für Familien sind kleinere Wohnungen jedoch häufig keine realistische Lösung. Praktischer sind deshalb andere Ansätze: Möbel gebraucht kaufen, Dinge reparieren oder Produkte möglichst lange nutzen. Gerade in Familien lassen sich solche Maßnahmen häufig leichter umsetzen als grundlegende Veränderungen der Wohnsituation.
Waschtemperatur: Weniger Hitze, als viele denken
Eine besonders alltagstaugliche Möglichkeit, Energie einzusparen, bietet die Waschmaschine. Viele Menschen waschen aus Hygienegründen bei 60 Grad.
Der Mikrobiologe und Infektionsepidemiologe Andreas Podbielski hält das nicht unbedingt für notwendig. Er weist darauf hin, dass die meisten Keime auf Kleidung ohnehin von den Menschen stammen, die sie tragen. Innerhalb eines Haushalts werden diese Mikroorganismen ständig ausgetauscht – nicht nur über Wäsche, sondern vor allem über Hände und gemeinsam genutzte Oberflächen. Die Rolle der Waschmaschine werde deshalb häufig überschätzt.
Wasserkreislauf: Keinen Tropfen zu viel verbrauchen
Technologie aus Dresden spart Wasser in der Industrie
Wissenschaftler aus Dresden arbeiten daran, den Wasserkreislauf zu schließen. Sie forschen an Sensoren und Filtern, um Wasser zu reinigen und immer wieder zu verwenden.
Gleichzeitig gibt es Ausnahmen: Bei bestimmten Magen-Darm-Erkrankungen wie Noro- oder Rotaviren können höhere Waschtemperaturen mit speziell desinfizierenden Waschmitteln sinnvoll sein. Für den normalen Familienalltag gilt jedoch, dass 30 oder 40 Grad oft ausreichend sind.
Wenn man was gegen Keime von anderen Menschen hat, dann ist die Waschmaschine sicherlich nicht das zentrale Thema. Prof. Dr. Dr. Andreas Podbielski, Universität Rostock
Die gute Nachricht für übermüdete Eltern ist also: Nachhaltiger zu handeln, bedeutet in diesem Fall nicht mehr Arbeit, sondern einfach einen anderen Knopf an der Waschmaschine zu drücken.
Nachhaltig statt perfekt
Familien treffen jeden Tag unzählige Entscheidungen. Nicht alle haben denselben Einfluss auf Klima und Ressourcenverbrauch. Während einzelne Konsumentscheidungen wie die Wahl von Windeln oder Strohhalmen viel Aufmerksamkeit erhalten, liegen die größten Hebel in den Bereichen Mobilität, Ernährung und Wohnen.
Laut Henning Wilts ist nachhaltiges Verhalten vor allem dann erfolgreich, wenn es keinen zusätzlichen Aufwand verursacht. Familien müssen deshalb nicht jede Entscheidung perfektionieren. Oft sind die wirksamsten Veränderungen jene, die sich ohne großen Zeitverlust in den Alltag integrieren lassen – sei es durch weniger Fleisch, eine niedrigere Waschtemperatur, längere Produktnutzung oder Wege, die ohne Auto zurückgelegt werden können.
Der entscheidende Faktor ist dabei häufig nicht das Umweltbewusstsein an sich, sondern die Frage, ob die nachhaltige Wahl leicht genug wird, dass sie auch zwischen Windelwechseln, Kinderarztterminen und Abendbrot noch funktioniert.
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