Nazi-Vergangenheit: Als der Bürgersinn der Polytechniker versagte

Stand: 13.10.2026, 08:00 Uhr

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Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich war von 2014 bis zum 30. Juni 2022 Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences. Seit dem 1. Oktober 2022 ist er Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main.

Prof. Frank E.P. Dievernich, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, will dazu beitragen, dass die Erinnerung an die damals ausgeschlossenen und verfolgten jüdischen Mitglieder lebendig bleibt. © Bernd Hartung/Foto: Bernd Hartung

Eine neue Studie zeigt, wie der Frankfurter Bürgerverein sich dem NS-Regime anpasste und jüdische Mitglieder ausschloss. 1946 standen mindestens 15 ehemalige NSDAP-Mitglieder auf der ersten Nachkriegs-Mitgliederliste.

Frankfurt – Der Anspruch war hoch: Bürgersinn, Bildung und humanistische Werte sollten die Polytechnische Gesellschaft prägen. Doch während der nationalsozialistischen Herrschaft geriet der traditionsreiche Frankfurter Bürgerverein von seinem eigenen Weg ab. Jüdische und politisch verfolgte Mitglieder wurden ausgegrenzt, andere unterstützten das NS‑Regime. Eine neue Studie des Fritz-Bauer-Instituts zeigt, wie tief der Bruch mit den eigenen Idealen reichte – und wie lange die kritische Auseinandersetzung danach ausblieb.

Der Historiker János Varga hat die Geschichte des 1816 gegründeten Vereins untersucht. Seine Forschungsarbeit erscheint unter dem Titel „Bürgersinn und Nationalsozialismus. Die Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt am Main und ihre Mitglieder“ im Wallstein Verlag. Im Zentrum steht die Frage, wie der Verein mit seinen jüdischen Mitgliedern und politisch Verfolgten umging und wie er sich nach 1945 seiner Vergangenheit stellte.

Varga setzt bei einem Leitbild an, das gerade für jüdische Frankfurter von großer Bedeutung war. Die Polytechniker beriefen sich auf den „Bürgersinn“ und eine Gesellschaft, in der nicht die Herkunft, sondern persönliche Fähigkeiten und Leistungen über die Zugehörigkeit entscheiden sollten. „Die Vision einer Gesellschaft, in der nicht mehr die Abstammung, sondern Kompetenz und Leistung die Kriterien für Zugehörigkeit bilden sollten“, beschreibt Varga diesen Anspruch in der Einleitung. Ende der 1920er Jahre gehörten zahlreiche Mitglieder jüdischer Herkunft dem Verein an. Mit dem Gedanken der Bürgerlichkeit verband sich für sie die Hoffnung auf Emanzipation und rechtliche Gleichstellung.

Doch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 setzte eine schrittweise Anpassung ein. Varga bewertet das Verhalten in den ersten Jahren als „ein typisches Beispiel für die selbstständige und vorauseilende Anpassung zahlreicher gesellschaftlicher Vereinigungen an den Nationalsozialismus“. 1936 folgte mit einer sogenannten „Bereinigung“ der Mitgliederlisten der offene Bruch mit der liberalen und humanistischen Tradition. Zahlreiche Persönlichkeiten wurden gestrichen, besonders jüdische und politisch verfolgte Mitglieder.

Die Folgen waren gravierend: Varga rekonstruiert die Lebenswege von mindestens 25 Polytechnikern, die als Verfolgte des Nationalsozialismus gelten müssen. Unter ihnen waren 14 jüdischstämmige Polytechnikerinnen und Polytechniker, die während der NS-Zeit starben. Zugleich beleuchtet die Studie jene Vereinsmitglieder, die sich dem Regime anschlossen. Zwischen 1933 und 1937 traten mindestens zwölf Polytechniker der NSDAP bei. Zahlreiche weitere Parteimitglieder wurden neu aufgenommen. Ende 1944 gehörte knapp die Hälfte der Polytechniker der NSDAP an.

Auch der Neubeginn nach dem Krieg bedeutete keine umfassende Aufarbeitung. Auf der ersten Mitgliederliste vom Frühjahr 1946 standen 67 Personen, darunter mindestens 15 ehemalige NSDAP‑Mitglieder. Ihr Anteil lag damit bei mehr als 22 Prozent. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle des Vereins blieb laut Varga lange aus; die dunklen Jahre wurden in einschlägigen Veröffentlichungen ausgespart. Sein Fazit fällt deutlich aus: Die Geschichte der Polytechnischen Gesellschaft im Nationalsozialismus ist mit der Preisgabe ihrer eigenen Werte verbunden.

Die Polytechnische Gesellschaft und die Stiftung Polytechnische Gesellschaft haben die Untersuchung finanziert, die das Fritz-Bauer-Institut wissenschaftlich unabhängig durchführte. Für Vereinspräsident Prof. Volker Mosbrugger ist die Veröffentlichung ein notwendiger Schritt: „So schmerzhaft die Ergebnisse dieser Studie für uns sind, so müssen wir sie doch als Teil unserer Geschichte akzeptieren.“ Der Verein wolle die Erkenntnisse offen benennen, den damals Ausgeschlossenen und Verfolgten einen Platz im kollektiven Gedächtnis geben und daraus Konsequenzen für das heutige Handeln ziehen.

Auch Almut von Tresckow, stellvertretende Präsidentin der Polytechnischen Gesellschaft und im Vorstand für die historische Aufarbeitung zuständig, sieht darin eine Verpflichtung. Die humanistischen Werte des Vereins dürften nicht ausgehöhlt werden, sondern müssten gerade unter schwierigen politischen Bedingungen gelebt werden. Das Gedenken an die jüdischen und politisch verfolgten Mitglieder sei deshalb zugleich eine Mahnung für die Gegenwart.

Für die 2005 gegründete Stiftung Polytechnische Gesellschaft reicht die Verantwortung über die Aufarbeitung der eigenen Geschichte hinaus. Sie will ihr Engagement für politische Bildung, Erinnerungskultur, das jüdische Kulturerbe Frankfurts und den Kampf gegen Antisemitismus weiter stärken. Vorstandsvorsitzender Prof. Frank E. P. Dievernich verweist dabei auf den Zusammenhang zwischen humanistischer Tradition und demokratischer Verantwortung. Die Stiftung stehe für Menschenrechte, die Würde des Menschen und eine freiheitliche Demokratie – und gegen jede Form von Rassismus, insbesondere Antisemitismus.

„Bildung ist dabei für uns der zentrale Stellhebel“, sagt Dievernich. Die Stiftung verstehe sich als Themenanwalt für ein freies und blühendes jüdisches Leben in Frankfurt. „Frankfurt ist ohne seine jüdische Vergangenheit und aktuelle Kultur nicht denkbar.“ Auch die Worte „Nie wieder ist jetzt!“ seien für die Stiftung keine bloße Formel, sondern seit 21 Jahren Teil ihrer DNA. Aus der Studie erwachse deshalb eine besondere Verpflichtung, die Erinnerung an die ausgeschlossenen und verfolgten jüdischen Mitglieder lebendig zu halten. Verein und Stiftung planen darüber hinaus, die Erinnerung an die verfolgten und ausgeschlossenen Mitglieder künftig sichtbarer zu machen.

Wie sich die Erkenntnisse in die öffentliche Erinnerung der Stadt einschreiben sollen, wird sich auch in den kommenden Monaten zeigen. Am 18. November stellt János Varga seine Forschung bei einer Veranstaltung des Fritz-Bauer-Instituts in Zusammenarbeit mit der Polytechnischen Gesellschaft auf dem Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt vor. Beginn ist um 18.15 Uhr im IG‑Farben-Haus, Raum 311 (Parterre).