Meinung: Die Lage am Morgen - Warum unterbricht der Kanzler seinen Urlaub nicht?

Der Kanzler schaltet sich ein – aber nur hinter den Kulissen

Wenn ein Politiker seinen Urlaub unterbricht, dann hat das eine hohe Symbolkraft. Daheim ist etwas Dramatisches passiert, meine Anwesenheit ist absolut unerlässlich, keine Zeit für Erholung – das ist die Botschaft.

Kanzler Merz, Innenminister Dobrindt: »Neue Gefahrenqualität«

Kanzler Merz, Innenminister Dobrindt: »Neue Gefahrenqualität«

Foto: Hannibal Hanschke / EPA

Als in dieser Woche auf dem Leipziger Flughafen eine mit einem Sprengsatz bestückte Drohne entdeckt wurde, reiste Innenminister Alexander Dobrindt umgehend aus Italien zum Tatort, sprach dort von einer »neuen Gefahrenqualität«, einem »hybriden Anschlagsszenario« und »fremden Mächten«, die womöglich dahintersteckten.

Das wiederum klang so bedrohlich, dass man auf die Idee kommen könnte, dass eine noch höhere Instanz ihren Urlaub abbrechen müsste: der Kanzler. Bisher ist davon nicht die Rede – gut möglich, dass dies weniger mit Merz’ fehlender Bereitschaft zu tun hat als mit politischem Kalkül: Zwar weiß jeder, dass wohl am ehesten Russland hinter der versuchten Attacke steckt. Dobrindt spricht den Verdacht aber nicht offen aus. Indem sich der Kanzler vorerst nur hinter den Kulissen einschaltet, vermeidet auch er die höchste Eskalationsstufe.

Gestern berief Merz aus dem Urlaub den erst im vergangenen Jahr gegründeten Nationalen Sicherheitsrat ein. Ein folgerichtiger Schritt, der im Stillen den Ernst der Lage demonstriert. Wichtiger als markige Worte sind konkrete Konsequenzen, um Drohnenanschläge künftig besser abwehren zu können.

Was nützt ein Drohnenabwehrzentrum, wenn am Ende ein zufällig vorbeikommender Busfahrer das Fluggerät abfangen muss? Neben der bestmöglichen Technik braucht es klare Zuständigkeiten. Die Rufe nach einer Zentralisierung der Abwehr bei der Bundespolizei sind berechtigt. Deutschland darf nicht wehrlos wirken.

  • Mehr Hintergründe hier: Diese Optionen hat Deutschland nach dem Drohnenvorfall in Leipzig 

Die Hitze kommt zurück

Noch so ein Thema, das den Kanzler im Urlaub einholt: die Hitze. Fast 12.000 Menschen sollen in diesem Jahr schon in direktem Zusammenhang mit den extremen Temperaturen gestorben sein, schätzt das Robert Koch-Institut (mehr dazu hier). Doch Merz, so der Vorwurf, schweigt dazu.

Auf dem Trockenen: Ein Ruderanleger am Rhein bei Bonn

Auf dem Trockenen: Ein Ruderanleger am Rhein bei Bonn

Foto: Benjamin Westhoff / dpa

Nur zu gern halten ihm die Kritiker eine Aussage aus der Sommerpressekonferenz Mitte Juli vor. Angesprochen auf die Hitzewelle kurz zuvor sagte Merz da, selbstverständlich werde er, »wenn sich diese Wetterentwicklungen fortsetzen, die Lage weiter beobachten und dazu gegebenenfalls auch öffentlich etwas sagen«.

Zur Wahrheit gehört, dass Merz an anderer Stelle desselben Auftritts betonte, man tue alles, um die Menschen – besonders alte und kranke – zu schützen. Besonders empathisch aber kam das nicht rüber. In Erinnerung bleibt dieser Satz, der klingt, als gehe es um eine unschöne Wettervorhersage – nicht um die reale Klimakrise. Als müsse man nur warten: Ist eben Sommer, in ein paar Wochen ist das vorbei.

Wo der Heidi-Hype an seine Grenzen stößt

Der Osten, das Stammland der Linkspartei? Das ist schon eine ganze Weile vorbei. Immerhin hat die Wiederauferstehung der Linken auf Bundesebene auch den ostdeutschen Genossinnen und Genossen neuen Schwung gegeben. Man freut sich über neue, engagierte Mitglieder.

Heidi Reichinnek: Weiblicher Rückhalt als Erfolgsfaktor

Heidi Reichinnek: Weiblicher Rückhalt als Erfolgsfaktor

Foto: Jan Woitas / dpa

So richtig aber will der Heidi-Hype zwischen Rügen und Chemnitz nicht zünden. In Sachsen-Anhalt etwa landete man bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr trotz landesweiten Mega-Comebacks nur auf dem Niveau der Landtagswahl von 2021. Jetzt, kurz vor der nächsten Abstimmung im September, liegt die Linke in den Umfragen nur leicht darüber bei 13 Prozent.

Woran liegt’s? Einen Grund hat mein Kollege Marc Röhlig, der für uns die Linke beobachtet, in deren Männerschwäche ausgemacht. Frontfrau Heidi Reichinnek spricht mit ihrem Stil und ihrer Social-Media-Präsenz vor allem junge Frauen in urbanen Milieus an. Der weibliche Rückhalt gelte als Erfolgsfaktor, »doch jetzt könnte er ihr Probleme bereiten«, schreibt Marc. Denn wo es kaum junge, urbane Milieus gibt, da stößt das Wachstum der Partei an Grenzen.

Wolle die Linke auch im ländlich geprägten Sachsen-Anhalt erfolgreich sein, brauche sie nicht nur die Stimmen von Wählerinnen, sondern auch die vieler Wähler, analysiert Marc. Die jungen Männer aber machen ihr Kreuz gern bei der AfD. Fragt sich, ob die Linke für den verbleibenden Wahlkampf einen Plan hat, um bei Männern besser zu landen.

  • Die ganze Geschichte gibt es hier: Reichinneks Männerproblem 

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Gewinner des Tages…

Matteo Hallissey: Gegen den Sonnenschirm-Wucher

Matteo Hallissey: Gegen den Sonnenschirm-Wucher

Foto: Emanuele Cremaschi / Getty Images

...ist Matteo Hallissey. Wer gelegentlich in Italien Urlaub macht, weiß: Sich mit der ganzen Familie in einem Strandbad ein paar Liegen und einen Sonnenschirm zu gönnen, ist teuer. Zwei Liegen mit Schirm kosten im Schnitt 40 Euro am Tag. Dazu kommt, dass viele Betreiber versuchen, es den Menschen so schwer wie möglich zu machen, an einen öffentlichen, kostenlosen Strandabschnitt zu gelangen.

Der junge italienische Politiker Matteo Hallissey prangert das offen und beharrlich an. Und er lässt sich dabei auch nicht von Anfeindungen und Drohungen abschrecken.

  • Debatte über italienische Strandbäder: »Ich bin 23 und hätte mir nie vorstellen können, wegen Strandbädern bedroht zu werden. Verrückt« 

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • CDU-Politiker hält Russland für unglaubwürdig: Wer ist verantwortlich für die Sprengstoffdrohne auf dem Flughafen Leipzig/Halle? Die russische Botschaft weist auf andere. Der CDU-Geheimdienstexperte Marc Henrichmann will das nicht glauben.

  • Spanien hebt großen Schleuserring aus – fast 80 Festnahmen: Sie sollen Drogen geschmuggelt und Hunderte Menschen illegal nach Europa gebracht haben. Nun hat Spaniens Polizei den Schleuserring zerschlagen und macht dessen lukratives Geschäftsmodell öffentlich.

  • Randalierender Bürgermeister soll Polizeieinsatz in Leipzig ausgelöst haben: Er beschädigte ein Hotelzimmer, warf Gegenstände aus dem Fenster und verletzte zwei Beamte. Laut Medienberichten soll es sich bei dem Mann um den Oberbürgermeister der sächsischen Stadt Freiberg handeln.

Heute bei SPIEGEL Extra: Die Kindheit endet, sobald man versteht, dass Eltern nicht für immer bleiben

Foto: Privat