Niederlande: Mehrere Dutzend Bewaffnete marschieren durch ein Dorf und schießen

Die Niederländer haben sich in Sachen Drogenkriminalität an einiges gewöhnen müssen: spektakuläre Auftragsmorde skrupelloser Bandenbosse. Schießereien auf offener Straße, oft mit Todesfolge. Unmengen von Brandanschlägen oder Anschlagsversuchen, 1525 registrierte die Polizei im vergangenen Jahr, das sind mehr als vier am Tag, ganz schön viele.

Aber was sich am Dienstag in Overasselt zutrug, einem Dorf in der Nähe von Nimwegen, erstaunte vermutlich auch abgehärtete Nachrichtenkonsumenten. Mehrere Dutzend junge Männer in Trainingsanzügen, größtenteils vermummt und schwer bewaffnet, marschierten auf ein Haus am Ortsrand zu. Sie ballerten drauflos, es wurde zurückgeschossen. Kurz darauf rannten die Männer hektisch weg, Überwachungskameras haben das aufgezeichnet. Zurück blieb die Leiche eines 51‑Jährigen. Die ersten Polizisten, die eintrafen, gerieten in einen Kugelhagel. Zwei Beamte wurden verletzt. Eine schockierte Polizeisprecherin sagte später, Kollegen hätten unter Beschuss ihr Leben riskiert, um die beiden zu retten.

Die Polizei zog in der Folge massive Kräfte zusammen, Spezialeinsatzkommandos rückten an, Drohnen und Helikopter kreisten über Overasselt. Spürhunde setzten Verdächtigen nach, die sich in umliegenden Gehölzen und Maisfeldern versteckt hatten, man scheuchte sie mit Brandbomben auf. Auch am Bahnhof von Nimwegen und auf Autobahnen kam es zu Zugriffen. Insgesamt machte die Polizei 34 Menschen dingfest, unter ihnen Niederländer, Algerier, Franzosen und Belgier, eine „internationale Gesellschaft“, wie es hieß.

Der Bewohner des angegriffenen Hauses soll in Verbindung mit dem Drogenbaron Jos Leijdekkers stehen

Stundenlang waren im Dorf Schüsse und Fluglärm zu hören, die Bewohner wurden gebeten, möglichst zu Hause zu bleiben. „Wie im Krieg“, sagen manche zu den Medien. Der Bürgermeister spricht von einem „un-niederländischen“ Vorfall. „Schade, das war doch so ein ruhiges Dörfchen“, wird eine 87-Jährige zitiert. Die Polizei hält sich vor den Medien bedeckt, nennt als Hintergrund nur einen „langwierigen Konflikt“. Aber die meisten in Overasselt wissen oder ahnen zumindest, was passiert ist und warum gerade hier: In dem alleinstehenden Haus mit großem Grundstück am Ewijkseweg wohnen Jan G. senior und sein knapp 30 Jahre alter Sohn gleichen Namens, beide tief in die Drogenkriminalität verwickelt.

Jan G. senior soll ein Veteran der Herstellung synthetischer Drogen sein, der Sohn hat das Business offenbar fortgeführt. Als 2019 ein Schuppen im Garten brannte, stieß die Feuerwehr auf zwei große Container mit einem professionellen Drogenlabor. 2024 kam es zu einem Brandanschlag auf das Haus. 2025 wurde ein 21-Jähriger festgenommen, der mit einer Kalaschnikow 21 Schüsse auf die Eingangstür abgefeuert hatte. 2500 Euro habe er dafür bekommen, erzählte er Ermittlern. Der Bürgermeister ließ das Anwesen mehrere Wochen lang schließen. Als die Bewohner zurückkehrten, engagierten sie Bewacher mit automatischen Waffen. Im Frühjahr wurde Jan junior zu vier Jahren Haft verurteilt, wegen seiner führenden Position (unter dem Decknamen „Napoleon“) in einem großen MDMA‑Labor. Weil er Berufung eingelegt hatte, war er noch auf freiem Fuß.

Der Mann, der nun in dem Angriff erschossen wurde, war offenbar einer der Bewacher, während Jan G. junior nach Medienberichten „in der Unterhose flüchten konnte, ein zweijähriges Kind im Arm“. Jan G. senior und seine Frau wiederum wurden von der Polizei gerettet. Wie die Tageszeitung Het Parool meldet, hängt die Wildwestaktion mit dem flüchtigen Drogenbaron Jos Leijdekkers, besser bekannt als Bolle Jos, zusammen. Er ist in den Niederlanden in Abwesenheit zu mehreren Dutzend Jahren Haft verurteilt worden. Sein Kokainimperium soll er von Sierra Leone aus organisieren, mutmaßlich unter Schutz des dortigen Präsidenten.

Auslöser des Überfalls war offenbar eine Ladung von 812 Kilogramm Kokain in einem Kleinlaster, die am Samstag an der französisch-spanischen Grenze konfisziert wurde. Sie kam aus Afrika und sollte über Portugal in die Niederlande gelangen. Laut Het Parool wurde im Milieu vermutet, dass ein weiterer Ladungsteil zu Jan G., der mit Leijdekkers in Verbindung stehen soll, nach Overasselt gelangt sei. Ihn wollten die Angreifer nun anscheinend zur Rechenschaft ziehen.