Lofoten: Norwegens spektakulärste Inseln

Es kann nur besser werden, denken wir uns an unserem ersten Tag, ohne zu ahnen, wie grandios es schnell werden sollte. Der Tag am Smørdalskammen auf Vestvågøy, einer der vier großen Lofoten-Inseln, beginnt kühl und feucht, denn in der Nacht zuvor hat es kräftig geregnet. Der Pfad zum Kamm hinauf ist matschig, manchmal sogar sumpfig, und hin und wieder müssen wir von einem Stein oder einer halbwegs soliden Grasinsel zur nächsten kleine Sprünge einlegen. Doch wen kümmert schon der Untergrund, wenn sich, je höher man den Berg hinaufsteigt, das famose Lofoten-Universum umso überwältigender ausbreitet. Es ist eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch, ein nordisches Naturwunderwerk – und es entschädigt für alle Mühen.

Tief unter uns liegt das Städtchen Leknes, in dem gerade nicht viel los ist und das von hier oben aus die kolossale Landschaft zwischen Bergen, Wiesen und Fjord mit einer Spur harmloser Zivilisation ausschmückt. Dahinter erhebt sich die legendäre Lofot-Wand, ein Gebirgszug, der sich von der Südspitze über die gesamte Inselgruppe 120 Kilometer lang bis zum Raftsund erstreckt – mit Gipfeln von mehr als tausend Metern Höhe, einst aus der Erdkruste nach oben gedrückt von kilometerdicken Gletschern. Vom Meer aus erscheint die Lofot-Wand, die fast senkrecht aus dem Wasser auftaucht, als massive Barriere gegen die wütenden Winde und Wellen aus arktischen Breiten. Von unserem jetzigen Standort aus jedoch zeigt sich die Wand mit ihren schmalen Sunden, die die Stürme wie eine Düse verstärken, als monumentaler, gezackter Rahmen für die kleinteilig strukturierte Landschaft im Inneren der Insel Vestvågøy.

Das böse Wort vom Overtourism

Beim Blick auf Leknes können wir auch erkennen, ob dort ein Kreuzfahrtschiff im Hafen liegt. Für uns Wanderer auf einsamen Pfaden ist das nur bedingt von Bedeutung, doch sind die Schiffe das Symbol für eines der großen Probleme auf den Lofoten. Wenn an einem Tag mehrere Tausend Passagiere die Inseln fluten, sollte man sich von den zentralen Anlaufpunkten fernhalten und auf abgelegene Ziele ausweichen. Doch das ist nicht so einfach, weil alle Städte, Dörfer und Sehenswürdigkeiten an der Lebensader E-10 hängen, der einzigen Straße, die von Nord nach Süd die Hauptinseln Austvågøy, Vestvågøy, Flakstadøy und Moskenesøy durchquert und verbindet.

Das sorgt in der Sommersaison für Staus der Wohnmobile und beim Anlegen eines Kreuzfahrtschiffs für zusätzliche Stockungen durch die Ausflugsbusse der Reederei. Einspurige Brücken und Tunnel mit Ampelanlagen verstärken das Verkehrschaos noch. Die Norweger versuchen, die Straße zu verbreitern und die gesamte Infrastruktur zu verbessern, doch oft ist zwischen Berg und Fjord einfach kein Platz mehr. Da ist es kein Wunder, dass auf den Lofoten seit einiger Zeit das böse Wort vom Overtourism umgeht, was an bestimmten Orten, zur sommerlichen Hochsaison und im Winter zur Zeit der Polarlichter sicher seine Berechtigung hat.

Die Lofoten bieten eine überwältigende Natur, die man manchmal sogar ganz für sich alleine hat.
Die Lofoten bieten eine überwältigende Natur, die man manchmal sogar ganz für sich alleine hat.Volker Mehnert

Ein gewisser Amtmann Blom aus dem Süden Norwegens, der 1827 in offiziellem Auftrag den Archipel bereiste, hätte einen solchen Zustrom niemals für möglich gehalten. „Die Lofot-Inseln“, schrieb er in seinem Bericht, „sind so sehr von jeglicher Naturschönheit entblößt wie irgend möglich. Die steilen, hohen Felsen führen direkt ins Meer hinunter und lassen kaum einem Haus Platz.“ Sein abschätziges Urteil, geprägt von den angeblichen Unmöglichkeiten einer wirtschaftlichen Entwicklung, hatte noch eine Weile Bestand. Erst 50 Jahre später sah die aufkommende norwegische Nationalromantik die Natur der Lofoten mit anderen Augen. Um 1880 erkannten Maler die Schönheit der Inseln und bannten sie immer wieder auf die Leinwand. Mehr als siebzig Bilder des Einheimischen Gunnar Berg sind heute in der nach ihm benannten Galerie in Svolvær ausgestellt. Das Gemälde „Fra Reine i Lofoten“ von Otto Sinding wiederum ist eine norwegische Ikone und hängt jetzt im Nationalmuseum in Oslo.

Die Botschaft aus dem Norden gelangte auch nach Deutschland. Sechzig seiner Bilder präsentierte Otto Sinding auf der Akademieausstellung 1888 in Berlin, neben dem Nordlandpanorama des Österreichers Joseph Krieger, der darin seine Impressionen von einer Lofoten-Reise verarbeitete. Kaiser Wilhelm II. war von den porträtierten Landschaften so begeistert, dass er im folgenden Jahr mit seiner Yacht eine Nordlandtour unternahm und am Raftsund auf den Digermulkollen wanderte. „Seine Majestät der Deutsche Kaiser Wilhelm II. und das allerhöchste Reisegefolge am 21. Juli 1889“ heißt dort die Inschrift auf einem Erinnerungsstein. Der Kaiser kehrte noch öfter zu den Lofoten zurück und war immer aufs Neue beeindruckt. Als erster prominenter Wanderer sorgte er für eine frühe, noch elitäre Besucherwelle auf dem Archipel. Die Norweger wissen das bis heute zu schätzen, auch wenn der Andrang mitunter überhand nimmt.

Der Kabeljau sichert das Überleben

Heute verstopfen Besucher die winzigen Dörfer, die an der Küste malerisch vor der majestätischen Felskulisse platziert wurden. Traditionell gehören sie den Fischern. Hier landen sie den Kabeljau an, der zu Jahresanfang in riesigen Schwärmen die Gewässer rund um die Lofoten und Vesterålen zum Laichen aufsucht. Der Kabeljau hat jahrhundertelang das Überleben der Menschen in dieser entlegenen Region gesichert, war später Norwegens Exportschlager und ermöglichte den Aufstieg der Handels- und Hansestadt Bergen. Noch vor hundert Jahren nahmen mehr als 30.000 Fischer an der großen Jagd teil, inzwischen sind es knapp 10.000.

Die größeren Schiffe liegen an den Kais von Stamsund, Reine oder Henningsvær. Und in fast jedem Ort haben die Fischer ihre kleinen Kutter vor den Rorbuer vertäut, den rot gestrichenen Häusern, die auf Stelzen am Ufer stehen. Bis ins späte Frühjahr hängen zahllose Fische auf Holzgestellen zum Trocknen in den Häfen und mitten in den Dörfern. Aus Kabeljau wird nach zwei bis drei Monaten dank der Kälte und der salzigen Meeresbrise Stockfisch, der problemlos mindestens zehn Jahre haltbar ist und dabei kaum Nährstoffe oder Vitamine verliert. Für die Wikinger war er deshalb das unverzichtbare Lebensmittel auf ihren langen Seereisen. Längst sichert der Stockfisch weniger das Überleben auf den Lofoten, sondern wird vorwiegend nach Italien, Portugal und selbst nach China exportiert. In Europa ist „Lofoten-Stockfisch“ eine geschützte Herkunftsbezeichnung.

Karge Schönheit: Bei Wanderungen über die Lofoten findet man schnell zu sich.
Karge Schönheit: Bei Wanderungen über die Lofoten findet man schnell zu sich.Volker Mehnert

Im Sommer verwandeln sich viele Fischerhäfen in Museumsdörfer voller Cafés und Souvenirläden, in denen Touristen Fotos von den leeren Trockengestellen machen. Nicht wenige einst schlichte Rorbuer sind in komfortable Ferienhäuser umgewandelt worden, und an anderen Stellen entstehen neue Unterkünfte im traditionellen Stil. Der größte Teil von Å, dem Dörfchen mit dem kurios kurzen Namen am Südende der Lofoten, ist schon offiziell zum Norwegischen Fischerdorfmuseum erklärt worden. Zahlreiche Wohn- und Wirtschaftshäuser wie die Trankocherei und die Bäckerei stehen unter Denkmalschutz. Das malerische Henningsvær hingegen wird wegen seiner Lage auf mehreren Inseln als „Venedig des Nordens“ bezeichnet – eine zweifelhafte Übertreibung des Lofoten-Marketings.

Die Auswüchse des Massentourismus machen auch vor Wanderern nicht halt. Ein extremes Beispiel für den Andrang von Touristen ist der Wanderweg zum Gipfel des Reinebringen auf der Insel Moskenesøy. Der steile Pfad war von Tausenden von Wanderern so ausgetreten und zerfurcht, dass es ständig zu Unfällen kam. Nach mehreren Abstürzen musste der Weg gesperrt werden. Eine Lösung fanden die Behörden im Anwerben nepalesischer Sherpas, die aus mächtigen Steinen eine Treppe mit knapp 2000 Stufen verlegten: 480 Höhenmeter vom Fjord bis hinauf zu einem Aussichtspunkt. Das Empire State Building hat bis zur Spitze eine ähnliche Zahl von Stufen, die jedoch gleichmäßig sind, während sich auf dem Reinebringen Höhe, Breite und Form der Steine von Stufe zu Stufe stark unterscheiden. Dennoch werden wir uns später an diese Bequemlichkeit erinnern, wenn wir auf den typischen Wanderwegen des Archipels jenseits der Baumgrenze über Steine klettern und über Geröll marschieren.

Das berühmteste Postkartenmotiv der Lofoten

Beim Aufstieg fühlen wir uns an Nepal oder einen Inkapfad in den peruanischen Anden erinnert. Mal machen wir fünf große Schritte, dann drei kleine, wieder zwei große, ganz selten drei, vier Meter ohne Steigung und Stufe. Manchmal wird uns beim Blick in die Tiefe etwas mulmig, aber nirgends quert der Pfad einen wirklich schmalen, gefährlichen Grat. Die Strapaze für Knöchel und Knie, bergab später noch verschärft, lohnt aber jeden Schritt und jede Stufe. Denn der Ausblick von oben ist nicht nur das berühmteste Postkartenmotiv der Lofoten und ein Hotspot der Instagram Community, er bringt mit dem Fischerdorf Reine, dem Fjord und der massiven Felskulisse die Bilderbuchlandschaft der Lofoten auf den Begriff. Mehr landschaftliche Elemente passen nicht in ein einziges Panorama, zumal in der Ferne noch die dicht verschneiten Gipfel des norwegischen Festlands aus dem Meer auftauchen, den Sherpas sei Dank.

Nur zwanzig Minuten Fahrt mit der Fähre über den Hadselfjord von Fiskebøl nach Melbu trennen die Lofoten von der angrenzenden Inselgruppe, den Vesterålen. Doch der weiter nördlich im Polarmeer gelegene Archipel präsentiert uns ein völlig anderes Gesicht: statt schroffer Felsgipfel eine abgerundete Hügel- und Berglandschaft mit mehr ebenen Flächen für Siedlungen und Landwirtschaft. Der von den Lofoten ernüchterte Amtmann Blom hätte sich hier vermutlich wohler gefühlt. Der Tourismus entwickelt sich noch zurückhaltend, obwohl man von den südlichen Ufern der Vesterålen den besten Blick auf die Lofot-Wand hat, die sich unmittelbar und dramatisch steil aus dem Meer erhebt.

Spektakuläre Aussichten garantiert: Warum der Reinebringen zu den berühmtesten Wanderwegen Norwegens gehört, begreift jeder sofort.
Spektakuläre Aussichten garantiert: Warum der Reinebringen zu den berühmtesten Wanderwegen Norwegens gehört, begreift jeder sofort.Volker Mehnert

Das Panorama öffnet sich für uns Schritt für Schritt während einer Wanderung zum abgerundeten Gipfel des Steiroheia. Der Berg auf der Insel Langøya ist zwar nur 472 Meter hoch, bietet aber den perfekten Ausblick über den Zwillingsarchipel. Neben den verschneiten Felsgruppierungen der Lofoten im Süden erscheinen im Osten die maßvollen und grünen Höhen von Hinnøya, der größten Insel der Vesterålen mit ihrem ausgefransten Küsten- und Fjordgemenge. Zur Mittagszeit taucht am Horizont einer der Dampfer von Hurtigruten auf, die nach wie vor im zuverlässigen Liniendienst zweimal pro Tag durch den Sortlandsund fahren und am Kai von Sortland anlegen, um Menschen und Waren ein- und auszuladen. Nach einer halben Stunde geht die Fahrt weiter.

In Stokmarknes läuft das Schiff seinen historischen Heimathafen an, denn hier, auf der Insel Hadseløya, befindet sich der Geburtsort von Hurtigruten. Der norwegische Kapitän Richard With begann 1893 mit seiner Vesteraalens Dampskibsselskab ein riskantes Unternehmen: die regelmäßige Postschiffverbindung zwischen Trondheim und Hammerfest. Niemand hatte vorher gewagt, Schiffe bei Nacht und in der dunklen Winterzeit durch die engen, stürmischen Passagen und Fjorde Nordnorwegens zu schicken. In jahrelanger Arbeit hatte der Kapitän brauchbare Karten der verschlungenen Wasserwege erstellt, und dort, wo es nötig war, ließ er Leuchttürme bauen. Auf der Jungfernfahrt erreichte Kapitän With mit der MS Vesteraalen pünktlich sein Ziel in Hammerfest, und von diesem Moment an begann die Erfolgsgeschichte der Expresslinie, die von Stokmarknes aus den Norden mit dem Süden Norwegens verband und damit Verkehr, Wirtschaft und Geschichte des Landes mit der herausfordernden Geographie von Grund auf veränderte.

Stokmarknes, heute nur eine der mehr als 30 Stationen entlang der Küstenroute, ist sich dieser historischen Rolle bewusst und hat sich und der Expresslinie mit dem Hurtigrutemuseet ein fabelhaftes Denkmal gesetzt. Schmuckstück des Museums ist das Originalschiff MS Finnmarken, gebaut im Jahr 1956. Trotz finanzieller Engpässe und vieler Zweifel wurde der kolossale Passagierdampfer an Land verfrachtet und später spektakulär von einem futuristischen Glasgebäude umrahmt. Vom Maschinenraum bis zur Brücke, von den Kabinen bis zu den Salons ist alles im Originalzustand erhalten oder wiederhergestellt und kann von den Besuchern inspiziert werden. Nebenbei erfahren sie anhand von Dokumenten, Fotos und Filmsequenzen viel über den Aufschwung der Küstenschifffahrt in Norwegen und deren Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.

Die Schiffe von Hurtigruten halten nicht in Stø, und doch ist dieses entlegene Dörfchen an der Nordspitze der Insel Langøya ein Besuchermagnet – zumindest für passionierte Wanderer. Ob es wirklich der schönste Wanderweg Norwegens ist, der dort beginnt, wagen wir nicht endgültig zu beurteilen. Aber es gibt überzeugende prominente Meinungen, die darauf hindeuten: Nachdem die norwegische Königin Sonja 1994 den Weg erkundet hatte, zeigte sie sich von der Landschaft überwältigt und teilte die Erlebnisse und Eindrücke ihrem sportbegeisterten Volk mit: „Ich habe ein Stückchen meines Herzens hiergelassen.“ Flugs wurde die 15 Kilometer lange Rundtour ihr zu Ehren von den Einheimischen in Dronningruta, Königinnenweg, umbenannt. Die Norweger ließen sich von ihrer königlichen Influencerin motivieren, wanderten auf ihren Spuren und bestätigten deren Urteil. Schließlich wählten sie den Pfad zum schönsten Wanderweg des Landes.

Die Route hält, was Majestät und ihr Volk versprechen. Abschnitte am Strand und oberhalb der Küste vereinen sich über felsige Steilhänge, Hochebenen und Bergrücken, auf Höhenwegen und schmalen Graten zu einem spektakulär abwechslungsreichen Rundweg. Die Begegnung von Ozean und Gebirge lässt sich kaum dramatischer gestalten. Ständig haben wir Ausblicke aufs Meer, auf spiegelnde Binnenseen und Teiche und manchmal hinüber zur Nachbarinsel Andøya. Waren die Kinder aus Nyksund zu beneiden, die bis 1939 eine Teilstrecke einmal pro Woche als Schulweg zum Internat in Stø marschieren durften oder mussten? Oder jene Menschen aus der Stein- und Eisenzeit, die von hier aus auf Fischfang gingen und am Ufer rudimentäre Spuren ihrer Wohnstätten und Anlegestellen hinterließen? Zu beneiden sind auf jeden Fall gemeinsam mit uns alle Wanderer der Gegenwart, die dem königlichen Enthusiasmus gefolgt und bis ans äußerste Ende der Vesterålen vorgedrungen sind.

Information: Vielseitige Wanderungen auf den Lofoten und Vesterålen, dazu kurze Schiffsausflüge und ein kleines Kulturprogramm sind Bestandteile der elftägigen Reise „Auf den Spuren der Wikinger“ (ab 3245 Euro), die der Veranstalter und Wanderspezialist Wikinger Reisen anbietet (www.wikinger-reisen.de). Ein hilfreiches Kompendium für Individualreisende ist der Reiseführer „Norwegen“ (29,80 Euro) von Armin Tima, Neuauflage 2025 im Michael Müller Verlag erschienen. Er beschreibt in ausführlichen Kapiteln Kultur, Geschichte und touristische Attraktionen der Lofoten und Vesterålen.