OnlyFans-Creator in der Ukraine sehen sich mit einer doppelten Bestrafung konfrontiert: Sie müssen Steuern auf ihre Einnahmen zahlen und werden gleichzeitig strafrechtlich verfolgt.
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Die Ukraine besteuert OnlyFans-Einkünfte – und verfolgt dieselben Creator strafrechtlich. Ein Widerspruch mit System.
In der Ukraine kollidieren gerade zwei staatliche Logiken auf spektakuläre Weise: Die Steuerbehörden des Landes erfassen systematisch die Einkünfte ukrainischer Content-Creator auf der Plattform OnlyFans, fordern Einkommensteuer und Militärabgabe ein – und verbuchen die Einnahmen ordentlich im Haushalt.
Gleichzeitig stellt Artikel 301 des ukrainischen Strafgesetzbuchs genau die Tätigkeit unter Strafe, aus der diese Einkünfte stammen: Herstellung, Verkauf und Verbreitung pornografischer Inhalte, mit einem Strafrahmen von bis zu sieben Jahren Haft.
Wie das Wall Street Journal ausführlich berichtete, hat dieser Widerspruch inzwischen eine politische Debatte ausgelöst, die weit über Moral- und Justizfragen hinausreicht. Denn im nunmehr fünften Jahr des russischen Angriffskriegs sucht die Ukraine nach jeder verfügbaren Einnahmequelle – und sei sie noch so unkonventionell.
Befürworter einer Reform rechnen potenzielle Steuereinnahmen in Drohnen um. Doch der wichtigste Reformversuch ist vorerst gescheitert.
Steuerbescheid und Strafanzeige aus derselben Datenbasis
Die ukrainische Steuerbehörde arbeitet seit 2024 mit Daten der britischen OnlyFans-Eigentümerin Fenix International Ltd.
Wie European Pravda unter Berufung auf eine Anfrage des Abgeordneten Jaroslaw Schelesnjak dokumentierte, erzielten allein im Jahr 2023 insgesamt 7.914 Ukrainer Einnahmen von 131,75 Millionen US-Dollar über die Plattform. Das sind 20 Millionen US-Dollar mehr als in den drei Vorjahren zusammen, in denen 5.435 Personen auf OnlyFans verdienten.
Die Steuerverwaltung verschickt seither sogenannte "Glücksbriefe" – Aufforderungen, die Einkünfte zu deklarieren und die fällige Einkommensteuer von 18 Prozent plus 5 Prozent Militärabgabe auf das zu versteuernde Einkommen zu entrichten.
Wären sämtliche Steuern auf die 2023er-Einkünfte gezahlt worden, hätten laut Schelesnjak über 953 Millionen Hrywnja in den Staatshaushalt fließen können. Für die Jahre 2020 bis 2022 beziffert die Steuerbehörde die aufgelaufenen Steuerschulden auf 380 Millionen UAH.
Das Dilemma der Creator: Wer deklariert, belastet sich selbst
Wer der Steueraufforderung nachkommt, bestätigt damit faktisch seine Beteiligung an einer nach Artikel 301 strafbaren Handlung.
"Diese Frauen zahlen entweder keine Steuern und müssen dafür mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen, oder sie zahlen Steuern und werden wegen Verstoßes gegen die Pornografiegesetze angeklagt", sagte Schelesnjak dem Wall Street Journal. Er nannte die Lage eine "tragikomische Situation".
Wie konkret diese Falle zuschnappt, zeigt der Fall von Svitlana Dvornikova, den das WSJ beschreibt. Die OnlyFans-Creatorin mit rund einer Million Abonnenten reist regelmäßig ins Ausland, um dort Inhalte zu produzieren – in der Ukraine würde sie sich strafbar machen.
Trotzdem deklarierte sie ihre Einkünfte beim Fiskus und zahlte nach eigenen Angaben rund 40 Millionen UAH an Steuern. Im Frühjahr 2025 durchsuchte die Polizei schließlich auf Grundlage des Artikels 301 ihre Wohnung, beschlagnahmte Technik und Bargeld im Wert von umgerechnet 200.000 US-Dollar und erhob den Vorwurf der gewerblichen Pornografieproduktion.
Dvornikova berichtete, die Beamten hätten ihr angeboten, die Hälfte des Bargelds als Bestechung zu akzeptieren. Sie lehnte ab.
Polizeikorruption als Systemfehler
Der Fall Dvornikova ist kein Einzelfall. Wie das Wall Street Journal und der Kyiv Independent berichteten, nutzen Strafverfolgungsbehörden die Datensätze über OnlyFans-Einkünfte offenbar gezielt, um besonders erfolgreiche Models für Durchsuchungen und mutmaßliche Erpressungsversuche zu identifizieren.
Die Generalstaatsanwaltschaft teilte im Mai mit, dass Polizeibehörden in drei verschiedenen Regionen jeweils über 20.000 US-Dollar monatlich an Bestechungsgeldern von Pornostudios erhalten hätten.
Die Nationale Polizei erklärte gegenüber European Pravda offiziell, keine Daten zu OnlyFans-Verdienern erhalten zu haben. Inoffiziell erfuhr die Zeitung jedoch, dass einzelne Beamte den Zugang zur entsprechenden Datenbank für 400 US-Dollar verkaufen.
Das Büro für Wirtschaftssicherheit (BEB), das eigentlich für Steuerdelikte zuständig ist, führte Durchsuchungen bei Models durch und berief sich dabei auf Artikel 301 – obwohl Pornografiedelikte gar nicht in seine Zuständigkeit fallen.
Die gescheiterte Reform im Parlament
Den zentralen Versuch, diesen Widerspruch aufzulösen, unternahm der Gesetzentwurf Nr. 12191. Er wurde am 11. November 2024 registriert und sah vor, Artikel 301 so neu zu fassen, dass Strafbarkeit im Kern nur noch bei Pornografie mit Minderjährigen greift. Einvernehmliche Erwachseneninhalte wären entkriminalisiert worden.
Der Ausschuss für Rechtsdurchsetzung empfahl den Entwurf am 23. Dezember 2024 als Grundlage zur Annahme.
Doch am 28. Mai 2026 scheiterte Gesetzesvorhaben Nr. 12191 im Plenum der Werchowna Rada: In drei aufeinanderfolgenden Abstimmungen erreichte er lediglich 207, 212 und 215 Ja-Stimmen – die erforderliche Mehrheit von 226 wurde jeweils verfehlt. Die Gesetzeskarte vermerkt seither "Projekt nicht angenommen" und "abgelehnt und von der weiteren Behandlung genommen".
Zuvor hatte der Forschungsdienst der Werchowna Rada in einer am 26. Januar 2026 veröffentlichten Analyse erhebliche Bedenken geäußert.
Die gesellschaftliche Unschädlichkeit der Erwachsenenpornografie sei nicht belegt, empirische Daten zur bisherigen Anwendung von Artikel 301 fehlten, und bei einer Entkriminalisierung drohe eine Regulierungslücke. Besonders kritisch sah der Dienst eine mögliche Abschwächung des Schutzes Erwachsener vor Zwang zur Teilnahme an Pornoproduktionen.
Die Drohnen-Rechnung der Befürworter
Reformbefürworter wie Schelesnjak argumentieren nicht mit Bürgerrechten allein, sondern rechnen in militärischen Kategorien. Er beziffert das jährliche Steuerpotenzial bei einer Entkriminalisierung auf bis zu 25 Millionen US-Dollar – genug für rund 30.000 Drohnen.
Das Büro für effektive Regulierung (BRDO) schätzte im Dezember 2024, eine reguläre Besteuerung könne jährlich 509 Millionen UAH zusätzlich einbringen, was etwa 24.000 FPV-Drohnen entspreche.
Gemessen am geschätzten jährlichen Verteidigungshaushalt von rund 68 Milliarden US-Dollar sind diese Summen marginal. Doch die Befürworter sehen einen Doppeleffekt: Neben direkten Einnahmen würden Polizeiressourcen frei, die derzeit in Pornografie-Ermittlungen gebunden sind.
Dvornikova selbst rechnete in ihrer Petition, die auf der Präsidentenwebsite einsehbar ist, ihre 40 Millionen UAH Steuern in "100 Pick-ups oder 2.000 Drohnen für die Armee" um. Die Petition sammelte innerhalb einer Woche die nötigen 25.000 Unterschriften.
Präsident Selenskyj antwortete am 8. Juli 2025 formal korrekt, aber inhaltlich ausweichend: Die Gesetzgebung obliege allein der Werchowna Rada. Er verwies auf den damals noch laufenden Entwurf Nr. 12191 und leitete die Vorschläge an das Parlament weiter, ohne eigene politische Positionierung.
Neuer Anlauf mit verschobenem Fokus
Nach dem Scheitern von Nr. 12191 brachten Abgeordnete einen neuen Entwurf ein. Nr. 15294 passierte am 14. Juli 2026 die erste Lesung mit 231 Ja-Stimmen.
Der offizielle Titel betont die Verschärfung der Verantwortung bei Kinderpornografie – Strafen bis zu 15 Jahre Haft. Gleichzeitig sieht der Entwurf laut Medienberichten eine faktische Entkriminalisierung einvernehmlicher Erwachseneninhalte vor, allerdings ohne eine eigene Lizenz- oder Aufsichtsstruktur für die Branche zu schaffen.
Es handelt sich also um eine Entkriminalisierung, nicht um eine Legalisierung mit Regulierungsrahmen. Ob der Entwurf die zweite Lesung übersteht, ist offen.
Bis dahin bleibt die Ukraine in einem Zustand gefangen, den Steueranwältin Lesia Mykhalenko gegenüber dem Wall Street Journal als unnötige Belastung des Rechtssystems beschrieb – "in einer Zeit, in der wir uns auf die Verteidigung des Landes konzentrieren sollten".
Derweil streamt Dvornikova weiter aus gemieteten Villen am Mittelmeer. Ihr Strafverfahren wurde ausgesetzt, das beschlagnahmte Bargeld zurückgegeben. Ihr OnlyFans-Account ist in der Ukraine nicht abrufbar.