AUDIO: Pestizide und Brustkrebs: Studie findet hunderte relevante Chemikalien (2 Min)
Gesundheit
US-Studie: Hormonaktive Chemikalien in Pestiziden könnten Brustkrebsrisiko erhöhen
von Katrin Tominski
Stand: 24.09.2026 13:39 Uhr
Eine aktuelle Studie des Silent Spring Institute in den USA bringt Hunderte von hormonaktiven Chemikalien aus Pestizidprodukten mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko in Verbindung. Besonders alarmierend: Viele dieser Stoffe gelten als sogenannte "inaktive Stoffe“ – und entziehen sich damit weitgehend der Sicherheitsprüfung. Die Forschenden fordern ein Umdenken in der Zulassungspraxis. Die Ergebnisse beziehen sich auf Chemikalien, die in den USA zugelassen sind.
Die US-Studie des Silent Spring Institute hat Hunderte Chemikalien identifiziert, die häufig in Pestizidprodukten verwendet werden und das Brustkrebsrisiko erhöhen könnten. Die Liste umfasst aktive Pestizidwirkstoffe und auch eine beträchtliche Anzahl sogenannter inaktiver Inhaltsstoffe, die in der Regel nicht denselben Sicherheitsprüfungen unterzogen werden. Die US-Studie wurde in "Environmental Health Perspectives“ veröffentlicht.
"Unsere Ergebnisse weisen eine regulatorische Lücke bei inaktiven Inhaltsstoffen auf“, erklärt Hauptautorin Jennifer Kay. "Wenn wir über die Sicherheit von Pestiziden nachdenken, konzentrieren wir uns meist auf den Wirkstoff. Doch die Menschen sind der gesamten Mischung ausgesetzt, und unsere Ergebnisse zeigen, dass viele dieser anderen Chemikalien ebenfalls ein Risiko darstellen können.“
Die Zahl der Brustkrebserkrankungen in Deutschland unterscheidet sich sehr. Nordrhein-Westfalen führt als einwohnerstarkes Bundesland mit 277.100 Krebskranken.
Die Studie ist Teil einer umfassenden Analyse
Die Ergebnisse sind Teil einer umfassenderen systematischen Analyse – der ersten ihrer Art in den USA –, mit der ermittelt werden soll, wo potenziell brustkrebserregende Chemikalien ("BC-Chems“) in alltäglichen Konsumgütern, in der Umwelt und in der Wirtschaft vorkommen und welche die wichtigsten Expositionsquellen sind. Die Forschenden analysierten dafür Daten aus verschiedenen Datenbanken der US-Regierung zu Produktionsmengen, Verwendungszwecken und Freisetzungen von Chemikalien in die Umwelt sowie zu den Konzentrationen der Chemikalien im menschlichen Körper. Dazu gehörten das National Emissions Inventory, das Toxics Release Inventory und die National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES).
Nur ein Drittel der brustkrebserregenden Pestizidprodukte registriert
Die Analyse hob Pestizidprodukte als zentrale Quelle für die hormonaktiven Chemikalien hervor. Von den 485 Chemikalien, die in Pestizidformulierungen gefunden wurden, ist etwa ein Drittel (145 Chemikalien) derzeit bei der US-Umweltschutzbehörde (EPA) als Wirkstoff registriert. "Dies deutet nicht nur darauf hin, dass Wirkstoffe in Pestiziden nicht vollständig bezüglich Brustkrebs durchgetestet werden, sondern auch, dass Hunderte anderer potenziell riskanter Inhaltsstoffe in Pestiziden als vermeintlich inaktive Inhaltsstoffe unter dem Radar bleiben“, sagt Kay.
In Sachsen unterscheidet sich die Zahl der Krebserkrankungen ebenfalls sehr.
Pestizide überall: Lebensmittel, Trinkwasser, Garten- und Bauprodukte
Menschen können in allen Lebensbereichen Pestiziden ausgesetzt sein. Die Forschenden analysierten wichtige Expositionsquellen für BC-Chemikalien in Konsumgütern (500 Chemikalien), Lebensmitteln (462) und sogar im Trinkwasser (162). Ebenso betroffen sind Arzneimittel (142) und Baumaterialien (106). Daneben kommen auch die herkömmlichen Pestizide wie Insektenschutzmittel, Haushaltsschädlingsbekämpfungsmittel, Mittel gegen Läuse und Fußpilz sowie Desinfektionsmittel zum Tragen.
Über eine Milliarde Kilogramm Pestizide in der Luft
Daten aus dem National Emissions Inventory zeigten, dass im Jahr 2020 mehr als eine Milliarde Kilogramm BC-Chemikalien in die Luft freigesetzt wurden. Laut NHANES wurden 84 BC-Chemikalien im menschlichen Körper nachgewiesen. Die Forscher geben jedoch an, dass diese Zahl zu niedrig angesetzt ist, da die US-Bundesregierung die meisten BC-Chemikalien in der Allgemeinbevölkerung nicht überwacht.
Auch in Sachsen-Anhalt gibt es Gebiete mit geringen und größeren Erkrankungszahlen.
Pestizide aus der Landwirtschaft wurden bei 90 Prozent der US-Bevölkerung nachgewiesen
Organophosphat-Pestizide (wie Malathion, das häufig in der Landwirtschaft eingesetzt wird) wurden bei mehr als 90 Prozent der US-Bevölkerung nachgewiesen. DDT, das in den USA bereits vor Jahrzehnten verboten wurde, wurde bei mehr als 40 Prozent der Bevölkerung nachgewiesen, was die Langlebigkeit bestimmter Chemikalien in der Umwelt und im Körper verdeutlicht.
"Wenn es um Krebs geht, müssen wir die Gesamtheit unserer Expositionen betrachten“, sagt Kay. "Menschen sind im Laufe ihres Lebens Hunderten von Chemikalien aus verschiedenen Quellen ausgesetzt, und diese Belastungen summieren sich. Doch die Aufsichtsbehörden betrachten diese Belastungen nicht gemeinsam.“
In Thüringen kämpft besonders der Osten mit vielen Brutskrebserkrankungen.
Mehr als 900 Chemikalien erhöhen das Brustkrebsrisiko
In einer US-Studie aus dem Jahr 2024 hatte das Silent Spring Institute zunächst die mehr als 900 Chemikalien identifiziert, die das Brustkrebsrisiko erhöhen. Dafür analysierten sie die Fähigkeit, bei Tieren Brusttumore zu verursachen oder den Hormonhaushalt in einer Weise zu stören, die Brustkrebs begünstigt. Mehr als die Hälfte der Chemikalien auf der Liste bewirkt, dass Zellen mehr Östrogen oder Progesteron produzieren – Hormone, von denen bekannt ist, dass sie eine Rolle bei der Entstehung von Brustkrebs spielen.
Mitautorin: USA genehmigen Pestizide ohne angemessen Kontrolle
Die frühere Studie zeigte auch: Die US-Umweltschutzbehörde wies Beweise zurück, die 19 Pestizide mit Brusttumoren in Verbindung brachten. Umso wichtiger sei es laut den Forschenden, dass die Chemikalien künftig schärfer reguliert werden. Sie fordern, die Chemikalien in den USA strenger zu regulieren und sicherzustellen, dass Pestizide – einschließlich der Wirk- und Hilfsstoffe – auf ihr Brustkrebsrisiko hin untersucht werden. "Die EPA genehmigt neue Pestizide ohne angemessene Kontrolle und berücksichtigt kaum ihre potenziellen Auswirkungen auf Brustkrebs“, sagt Mitautorin Ruthann Rudel. "Die Entstehung von Brustkrebs kann Jahre dauern. Daher ist die Erfassung und Verringerung der Pestizidbelastung aus verschiedenen Quellen ein wesentlicher Bestandteil der Krebsprävention und notwendig zum Schutz der öffentlichen Gesundheit.“
Die meisten Frauen erkranken zwischen 70 und 74 Jahren.
In Europa sind Chemikalien anders geregelt
In Europa sind die hormonaktiven Chemikalien strenger geregelt. So führte die EU im Jahr 2023 nach einer langen Anlaufphase mit der novellierten CLP-Verordnung der EU eine verbindliche Kennzeichnungspflicht ein. Sie schuf eigenständige Gefahrenklassen für endokrine Disruptoren. Die Übergangsfristen für Unternehmen zur verpflichtenden Einstufung und Kennzeichnung betroffener Stoffe enden schrittweise (seit 2025 bis 2028). Begonnen hat das über 20 Jahre, bevor sich im Jahr 1999 die EU erstmals auf eine "Gemeinschaftsstrategie für endokrine Disruptoren“ einigte.
Ärztin Anne Fleck: Plastik an und mit Lebensmitteln vermeiden
Vor einem bekannten hormonaktiven Stoff, dem Bisphenol A, warnt die Ärztin Anne Fleck. Dieser sei häufig in beschichteten Konservendosen, Caffe-to-go-Bechern, Thermopapier und Pizzakartons zu finden. Ein anderer Stoff, die Phthalate, fände sich oft in weichen Plastikverpackungen, Vinylböden oder Duschvorhängen. Ihr Tipp: auf den Recyclingcode 3 (PVC) oder 7/PC achten und lieber Glas oder Edelstahl statt Plastik für Essen und Trinken benutzen. "Lebensmittel möglichst frisch oder im Glas kaufen und niemals heiße Speisen in Kunststoff erhitzen, da Hitze die Freisetzung hormonaktiver Zusatzstoffe deutlich erhöhen kann“, rät die Ärztin.
Doch auch andere Pestizide sind in der EU erlaubt
Doch andere nicht-hormonaktive Pestizide sind in der EU erlaubt. Ein prominentes Beispiel ist Glyphosat. Die Internationale Agentur für Krebsforschung stufte Glyphosat 2015 als "wahrscheinlich krebserregend für Menschen“ ein. Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit waren aber anderer Meinung. Deswegen ist Glyphosat in der EU bis 15. Dezember 2033 weiterhin genehmigt. Ob ein konkretes Mittel in Deutschland verwendet werden darf, lässt sich in der Online-Datenbank des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) prüfen. Dort stehen Handelsname, Wirkstoff, zugelassene Kulturen, erlaubte Anwendungen und Auflagen.
Auch in Deutschland steigen die Zahlen seit Jahren.
Brustkrebs ist die häufigste Krebsart bei Frauen
Brustkrebs ist die häufigste Krebsart bei Frauen. Allein in Deutschland sind laut dem Gesundheitsatlas der AOK knapp eine Million Menschen (991.700) an Brustkrebs erkrankt, Tendenz steigend. Auch in den USA sind die Zahlen in zehn Jahren um etwa ein Fünftel von 3,6 auf 4,3 Millionen Krankheiten gestiegen. "Am schnellsten steigen die Raten bei Frauen unter 40 Jahren, von denen viele bereits vor dem empfohlenen Zeitpunkt für Routine-Vorsorgeuntersuchungen mit Brustkrebs diagnostiziert werden“, erklären die Forschenden. " Immer mehr Belege deuten darauf hin, dass Umweltbelastungen ein wichtiger Mitverursacher sind.“
Die Finanzierung dieses Projekts erfolgte durch das National Institute for Environmental Health Sciences der National Institutes of Health (Förderkennzeichen #K01-ES036182), das California Breast Cancer Research Program (Förderkennzeichen #23QB-1881) sowie durch Spenden an das "Safer Chemicals Program“ des Silent Spring Institute.
Literaturhinweis: Kay, J.E., R. Shakti, J.T. McEneaney, C. Polsky, M. Schwarzman, R.A. Rudel. 2026. Leitlinien zur Risikominderung bei brustkrebsrelevanten Chemikalien (BC-Chems): Produktionsmengen, Quellen, Aufnahmemengen, Emissionen und Vorschriften. Environmental Health Perspectives. DOI: 10.1021/EHP.6c00022
PM/Katrin Tominski