Andrea Petkovićs Roman im Theater: Interview zu Premiere in Darmstadt

Theresa Thomasberger, geboren in Bregenz und aufgewachsen bei Wien, ist Theaterregisseurin. Nach dem Studium in Wien und Berlin führte sie Regie unter anderem bei Produktionen am Nationaltheater Mannheim, dem Saarländischen Staatstheater, dem Schauspielhaus Wien und dem Deutschen Theater Berlin.

Carlotta Huys, geboren in Hamburg, ist Dramaturgin und Autorin. Seit 2025 arbeitet sie am Staatstheater in Darmstadt. Nach dem Studium in München und Berlin waren von ihr geplante und begleitete Produktionen unter anderem am Münchner Volkstheater, am Nationaltheater Mannheim, am Staatstheater Kassel, dem Deutschen Theater in Göttingen und bei den Münchner Kammerspielen zu sehen.

Theresa Thomasberger Credit: Amely Sommer
Theresa Thomasberger Credit: Amely Sommer

Wenn Sportler als Schauspieler bezeichnet werden, ist das in der Regel eine Beleidigung. Ist es also unter Schauspielern eine Beleidigung, als Sportlerin oder Sportler bezeichnet zu werden?

Theresa Thomasberger: Oh, das kommt auf den Ton an, in dem man es sagt. Es gibt schon den Spruch: „Da habt ihr ja richtig Bühnensport gemacht.“ Das suggeriert: Da war nicht viel Inhalt, aber viel Verausgabung. Weil man womöglich eine dünne Handlung mit viel Action anreichern wollte …

Carlotta Huys: … aber gleichzeitig ist ein beweglicher Schauspieler oder eine bewegliche Schauspielerin natürlich ein großes Plus. Es toll, wenn jemand dadurch auch eine körperliche Sprache mitbringt.

Wie viel Sport steckt im Theater?

Huys: Nicht wenig. Es gibt eine lange Geschichte von Theaterschaffenden, die sich mit dem Sport auseinandergesetzt haben. Bertolt Brecht zum Beispiel, der sich wahnsinnig viel mit Boxen beschäftigt hat. Eines der großen Erfolgsstücke der vergangenen Jahre war „zwei herren von real madrid“ von Leo Meier. Außerdem ist das Instrument einer Schauspielerin oder eines Schauspielers natürlich der Körper. Es ist schon von Vorteil, wenn sie halbwegs fit sind. Sie müssen wahnsinnig eng mit ihrem Körper im Kontakt sein.

Thomasberger: Ich würde außerdem sagen, dass beispielsweise Endproben fast schon Hochleistungssport sind. Das sind für gewöhnlich zwei Wochen, in denen wir durchgehend Zwölf-Stunden-Tage haben. Auf den letzten Metern bis zur Premiere muss man wirklich fit sein. Man muss richtig essen, gut schlafen, sich die Kräfte einteilen. Wer in dieser Phase Zeit mit Schauspielerinnen oder Schauspielern verbringt, erlebt eher das Gegenteil des Klischees vom ständig trinkenden und Party machenden Künstler. Da dreht sich mehr um den richtigen Haferbrei am Morgen und die Lieblingskräuterbonbons für den Hals.

Carlotta Huys Fotocredit: Sylwester Pawlieczek
Carlotta Huys Fotocredit: Sylwester Pawlieczek

Und wie viel Theater steckt im Sport?

Thomasberger: Sehr, sehr viel. Es ist immer eine Inszenierung, die Art wie ein Spiel, ein Sport-Großereignis übertragen wird zum Beispiel. Da erkennen wir etliches, das uns lieb und vertraut ist. Auch die Art, wie sich diese Menschen im Rampenlicht gebärden, was da gesagt wird im Interview nach dem Spiel. Das ist nicht natürlich. Wie auch bei uns auf der Bühne für gewöhnlich nicht so viel zufällig passiert.

Huys: Außerdem sind die klassischen Rollenfächer des Theaters oft auch im Sport abgedeckt. Wenn wir zum Beispiel an Tennis denken: Da ist Jannik Sinner, der eher verschlossene, klassische Held. Dann haben wir Carlos Alcaraz, der manchmal unbeständiger, dafür aber leidenschaftlicher und expressiver ist, daneben noch den definitiven Antihelden mit Alexander Zverev. Durch die schwerwiegenden Vorwürfe der Partnerschaftsgewalt und seine Wutausbrüche auf dem Platz, ist er definitiv jemand, dem weniger Sympathie entgegengebracht wird. Und auch auf dem Tennisplatz gibt es Statistinnen und Statisten. Von Ballkindern über Schiedsrichter bis zum Publikum. Und sogar Kostüme und Requisite gibt es. Wer uns zum Beispiel sehr fasziniert, ist Naomi Ōsaka. Sie hat das Spiel, mit Kostümen vor den Matches Geschichten zu erzählen über ihre Herkunft, über den Ort, an dem sie gerade spielt, nahezu perfektioniert.

Sie bringen „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“, den autobiographisch angelegten Debütroman der ehemaligen Tennisspielerin Andrea Petković, ab 17. Oktober im Darmstädter Staatstheater auf die Bühne. Wie kam es dazu?

Thomasberger: Ich hatte den Text schon unmittelbar nach seinem Erscheinen gelesen. Und ich habe schon damals viel darüber nachgedacht, was die Parallelen zu meinem eigenen Leben sind. Weil mir so wahnsinnig vieles von dem, was Andrea Petković beschreibt, sehr bekannt vorkam. Auch im Theaterumfeld haben wir es mit großem Ehrgeiz, mit Konkurrenz, mit Widerständen und gewissermaßen extremen Arbeitsbedingungen zu tun. Es ist ähnlich dem Leistungssport ein sehr kompetitives Umfeld, in dem wir aber gleichzeitig Freundschaften schließen. Jahre später hat mich dann Carlotta angerufen und mich gefragt: „Hast du dieses Buch gelesen?“

Huys: Ich hatte es von meinem Vater zu Weihnachten bekommen. Als Dramaturgin lese ich natürlich sehr viel für die Arbeit, dann aber auch meist durch diesen Filter. „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ habe ich aber ganz privat gelesen und fand es ganz großartig. Vor eineinhalb Jahren kam ich dann ans Staatstheater Darmstadt. Und da sagte dann Paul Trempnau, der nun auch im Stück mitspielt, zu mir: „Aber Andrea Petković kommt doch aus Darmstadt. Das muss unbedingt hier auf die Bühne.“

Tilla Danaylow (l.) und Aleksandra Kienitz spielen in „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ am Staatstheater Darmstadt. Das Foto entstand auf einem Court des TEC Darmstadt, Petkovićs Heimatverein.
Tilla Danaylow (l.) und Aleksandra Kienitz spielen in „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ am Staatstheater Darmstadt. Das Foto entstand auf einem Court des TEC Darmstadt, Petkovićs Heimatverein.Lilian Backes

Haben Sie sich vorher auch mit Andrea Petković ausgetauscht?

Huys: Ich habe sie auf einen Kaffee getroffen, um zu fragen, ob wir die Rechte für eine Uraufführung haben können. Und am Ende des Gesprächs hat sie gesagt: „Ich habe zwar überhaupt keine Ahnung, wie ihr das machen wollt, aber jungen Frauen wie euch würde ich alles anvertrauen.“ Sie versucht auch zur Premiere zu kommen, hat aber noch einen Termin in Luxemburg an dem Tag und weiß deshalb nicht, ob sie es schafft.

Normalerweise schreiben Sportlerinnen oder Sportler mit der Hilfe von Ghostwritern Autobiographien, die oft recht chronologisch ihre Karrieren nacherzählen. Andrea Petkovićs Buch ist dagegen ein literarischer Text, der weit über das Übliche hinausgeht. Macht es das einfacher oder schwieriger bei der Adaption?

Thomasberger: Ich weiß gar nicht, ob wir mit dem Material einer klassischen Sportbiographie überhaupt so viel hätten anfangen können. Natürlich eignen sich Erzählungen über ein Leben, das aufregend ist, fast immer für die Bühne. Aber bei Andrea Petkovićs Buch hat uns noch so vieles mehr fasziniert: ihr Zugriff auf Sprache, ihre inspirierenden Antworten etwa auf Fragen, die sie sich am Ende ihrer Karriere stellt. Oder ihre Beschäftigung mit Kultur, mit Musik und Literatur.

Huys: Uns hat außerdem der Modus des Erzählens begeistert. Der Roman beginnt mit einem Prolog, in dem sie uns warnt: „Lassen Sie sich keinen Bären aufbinden!“ Sie geht transparent damit um, dass das Erzählungen sind, Geschichten, kein Tatsachenbericht. Vielleicht braucht es ein paar kleine Umwege, um zum Kern der Wahrheit zu gelangen. Das ist schon nah dran an dem, was für gewöhnlich auf einer Theaterbühne passiert.

Tennis ist ein Sport, der mehr als andere an die Psyche geht. Weil man permanent mit sich selbst beschäftigt ist. Erkennen Sie sich als Regisseurin und Dramaturgin darin wieder? Oder sind Sie mehr Team- als Einzelsportlerinnen?

Thomasberger: Beides, würde ich sagen. Es ist in jedem Fall wichtig, Theater als Teamsport zu denken. Weil extrem viele Menschen daran arbeiten, dass eine Produktion letztlich auf die Bühne kommt. Gleichzeitig kommt es aber schon auch auf die individuelle Leistungsfähigkeit an, auch auf die mentale Verfassung. Es ist ein Beruf, der viel kostet, der ein großes Maß an Vorbereitung erfordert. Und ein hohes Maß an Flexibilität, weil man ständig weiterzieht und selten lange an einem Ort ist.

Ein bisschen wie ein Tennisleben auf der Profitour …

Huys: Theater lädt nicht besonders dazu ein, irgendwo Wurzeln zu schlagen. Man ist abseits des Theaters oft relativ alleine in der Stadt. Man ist deshalb angewiesen auf die Menschen dort als soziales Umfeld. Da ist definitiv eine Parallele zum Tennisleben, das Andrea Petković schildert.

Die permanenten Selbstzweifel, die man während eines Tennismatches hat, das Ringen mit sich selbst, Zusammenbrüche, emotionale, aber auch körperliche. Ist Tennis im Grunde perfekter Bühnenstoff?

Thomasberger: Auf jeden Fall! Die inneren Zusammenbrüche einer Figur, das ist unser Metier. Damit beschäftigen wir uns tagein, tagaus. Tennis ist wie geschaffen fürs Theater. Als mentaler Sport, als Einzelsport, als Sport, den man auch leichter auf die Bühne bringen kann, als etwa ein Fußballspiel mit 22 Spielern oder Spielerinnen.

Wird Sport nicht bisweilen ein wenig überhöht, wenn er beispielsweise als Spiegelbild für die Gesellschaft, für das Leben genommen wird? Letztlich ist es doch nur ein Zeitvertreib, „die schönste Nebensache der Welt“ heißt es ja auch.

Thomasberger: Ich glaube, dass es gerade einen Hype um Sport gibt, der sich eben auch in der Kultur fortsetzt. Durch Serien wie Ted Lasso und Heated Rivalry zum Beispiel. Und ich denke schon, dass das etwas damit zu tun hat, dass wir in politisch instabilen und gefährlichen Zeiten leben, in denen viele Menschen einer Art von Kontrollverlust begegnen. Der Sport, ob der Kult um den eigenen Körper im Gym oder der Wettbewerb im Fernsehen, kann einem ein Gefühl von Kontrolle geben, das man in anderen Bereichen des Lebens verloren hat.

Huys: Sport macht es eben leicht über Dinge zu sprechen, die in unserer Gesellschaft auch sonst überall passieren. Wie reden wir über Frauenkörper? Wie gehen wir um mit Partnerschaftsgewalt? Was heißt das, wenn plötzlich absurde Temperaturen herrschen bei den Grand-Slam-Turnieren? Oder wenn sich Novak Djokovic nicht gegen Covid impfen lassen will. Dann gab es im Sommer bei der Fußball-WM der Männer Diskussionen um Gerechtigkeit, um Fairness, um Korruption. All diese Themen, die uns politisch und gesellschaftlich beschäftigen, finden sich im Sport im Kleinen wieder.

Sind Sport und Kultur dann im Prinzip fast dasselbe? Oder wo liegen die Unterschiede?

Huys: Im Geld! (lacht) Wobei das natürlich auch längst nicht für alle Sportler, geschweige denn für alle Sportlerinnen gilt. Aber im Ernst: Letztlich glaube ich tatsächlich, dass beides recht ähnliche Bedürfnisse anspricht.

Thomasberger: Man spricht ja immer von der Katharsis im Theater. Die gibt es natürlich auch auf einem Fußball- oder Tennisplatz. Es sind auch zwei der wenigen verbliebenden Orten, die in einer digitalen Welt tatsächliche Live-Publikumsbegegnungen ermöglichen.

Huys: Theater und Tennis haben dabei sogar ein recht ähnliches Imageproblem. Beides ist als sehr elitäre Sache verschrien. Tennis bemüht sich, soweit ich weiß, sehr darum, das loszuwerden und geht beispielsweise immer weiter in die Popkultur hinein. Das schaffen wir im Theater leider noch nicht so gut. Zu hoffen wäre es aber, denn wir machen das, was wir tun, ja eigentlich für alle. Und wir glauben auch fest daran, dass es sehr viele Menschen berühren könnte. Am Ende wollen wir eigentlich nur erzählen, was uns selbst bewegt und die Leute im Publikum fragen: „Geht es euch eigentlich auch so?“ Und dann hoffen, dass wir am Ende alle etwas weniger einsam sind als davor.