Polizei statt Pilgerstätte: Österreich will Hitlers Geburtshaus die Symbolkraft nehmen

Polizei statt Pilgerstätte: Österreich will Hitlers Geburtshaus die Symbolkraft nehmen

Nach jahrelanger Kontroverse ist an der berühmtesten Adresse Braunaus eine Polizeiwache eingezogen. Österreich will den Ort damit «neutralisieren», um Neonazis fernzuhalten.

23.07.2026, 05.30 Uhr

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Rund vierzig Polizeibeamte werden künftig im Geburtshaus von Adolf Hitler arbeiten.

Rund vierzig Polizeibeamte werden künftig im Geburtshaus von Adolf Hitler arbeiten.

Martin Divisek / EPA

Es ist eine normale Polizeidienststelle, die am Mittwoch an der Salzburger Vorstadt 15 in der oberösterreichischen Gemeinde Braunau feierlich eröffnet worden ist. «Passen Sie gut auf unser Land auf», so fordert der aus Wien angereiste Innenminister Gerhard Karner die rund vierzig Beamten auf, die im Innenhof aufgereiht in der Sommerhitze stehen und künftig hier arbeiten werden. Das sage er immer bei diesen Anlässen, so Karner. Normalerweise sind dabei jedoch nicht zwei seiner Vorgänger, drei Dutzend Journalisten, regionale Politprominenz sowie zahlreiche Schaulustige zugegen.

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«Dieser Ort ist anders», erklärt der Innenminister. Ihm hafte eine Symbolik an, die für die dunkelste Zeit in der Geschichte des Landes stehe – auch wenn sie  nicht hier begonnen habe. Den Namen Adolf Hitler erwähnt er in seiner Festrede nie. Er spricht stattdessen nur von «einer Person», die «in dieser Umgebung» geboren sei.

Konkret geschah dies am 20. April 1889 just im frisch renovierten Haus hinter Karner, in das nun die Polizei einzieht. Es ist der Grund, warum Braunau weltweit bekannt ist. Daran erinnert allerdings nichts an dem Gebäude mitten in der mittelalterlichen Altstadt. Nur auf dem Trottoir davor liess die Gemeinde vor bald vierzig Jahren einen Stein aus dem ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen aufstellen. «Nie wieder Faschismus. Millionen Tote mahnen», steht unter anderem darauf. Der Name des Diktators oder der Grund, warum gerade hier der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird, geht aus der Inschrift nicht hervor.

Die Republik wollte eine «Nazikultstätte» verhindern

Braunau kam nur durch Zufall zu seinem schweren Erbe. Hitlers Vater war ein Zollbeamter der damaligen Donaumonarchie, der Beruf hätte ihn auch an eine andere Grenze Österreich-Ungarns verschlagen können. Drei Jahre nach der Geburt Adolfs zog die Familie weiter nach Passau.

Hitler schien auch keine spezielle Bindung zu seinem Geburtsort zu verspüren, obwohl Oberösterreich nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das «Dritte Reich» 1938 als dessen «Heimatgau» eine besondere Stellung erhielt. Vielmehr schätzte er die gut hundert Kilometer östlich gelegene Stadt Linz, in der er seine Jugend verbracht hatte und die er zu einer von insgesamt nur sechs «Führerstädten» machte.

Das ändert jedoch nichts daran, dass das Geburtshaus für Neonazis und Hitler-Nostalgiker eine Pilgerstätte ist. Insbesondere am Geburtstag des Diktators im April besuchen sie Braunau. Einige legen Blumen nieder, andere posieren mit der ausgestreckten rechten Hand für ein Selfie vor dem Gebäude. Erst kürzlich hat es jemand auf Google Maps mit der Nummer 88 versehen – einem rechtsextremistischen Code für «Heil Hitler».

Österreich tat sich jahrzehntelang schwer im Umgang mit diesem Ort – zumal die Republik viel zu lange dem Mythos nachhing, das erste Opfer der Nationalsozialisten gewesen zu sein. Die Österreicher hätten es geschafft, aus Beethoven einen Österreicher zu machen und aus Hitler einen Deutschen, lautet ein berühmtes Bonmot.

Als Hitler hier geboren wurde, war im Erdgeschoss eine Gaststätte, die später «Zum braunen Hirschen» hiess. 1938 kaufte Hitlers Privatsekretär Martin Bormann das Haus für die NSDAP, die es zu einem Kulturzentrum umbauen liess. Nach der Befreiung Braunaus verhinderten amerikanische Soldaten seine Sprengung durch einen deutschen Stosstrupp. Schliesslich erhielt die Erbin der einstigen Eigentümer das Gebäude zurück. Es war zeitweise eine Bank, eine Bücherei und eine Lehranstalt.

Ab den siebziger Jahren mietete die Republik Hitlers Geburtshaus. Man wollte so verhindern, dass es eine «Nazikultstätte» wird, wie es in der hauptsächlich vom Braunauer Historiker Florian Kotanko verfassten Stadtchronik heisst. Über dreissig Jahre lang führte die Lebenshilfe dort unter anderem eine Werkstätte für beeinträchtigte Menschen – das galt gemeinhin als ideale Lösung, hätten die Nazis diese doch vermutlich als «lebensunwert» betrachtet. Doch 2011 zog die Organisation aus, weil die Eigentümerin notwendige Umbauarbeiten verweigerte.

Aufnahme des «Hitler-Hauses» vor dem jüngsten Umbau. Das Erscheinungsbild wurde bewusst stark verändert.

Aufnahme des «Hitler-Hauses» vor dem jüngsten Umbau. Das Erscheinungsbild wurde bewusst stark verändert.

Patrick Piel / Gamma-Rapho

Damit begann eine fünfzehn Jahre dauernde Reise, wie es der Bürgermeister Johannes Waidbacher beim Festakt formulierte. Der Staat verhandelte erfolglos mit der Eigentümerin über einen Verkauf oder die Renovation – und beschloss schliesslich ihre Enteignung mit einem Sondergesetz. Wegen des «Alleinstellungsmerkmals» des Hauses sei dies zulässig, um Missbrauch zu verhindern, befand der Verfassungsgerichtshof.

Experten empfahlen, dem Haus die Symbolkraft zu nehmen

Die Debatten, was mit dem Haus geschehen soll, beendete dies nicht. Eine Expertenkommission empfahl 2016 eine tiefgreifende architektonische Umgestaltung, um dem Gebäude «den Wiedererkennungswert und damit die Symbolkraft» zu entziehen. Jede weitere «Assoziierung mit der Person Hitler» solle vermieden werden.

Das sprach gegen die verschiedenen musealen oder edukativen Projekte. Aber auch den Vorschlag des damaligen Innenministers, das Gebäude kurzerhand abzureissen, lehnte das Gremium ab. Man dürfe die Geschichte des Ortes nicht leugnen. Stattdessen sprach es sich für eine «sozial-caritative oder behördlich-administrative» Nutzung der Liegenschaft aus. 2019 fiel schliesslich der Entscheid für die Polizeiwache.

Der 20 Millionen Euro teure Umbau sollte das Haus «neutralisieren», wie der frühere Bundeskanzler Karl Nehammer sagte, als er als Innenminister noch federführend war. Gedenkverbände wie das Mauthausen-Komitee reagierten empört. Die Neugestaltung orientiere sich an der Devise «Verdrängung statt Auseinandersetzung», hiess es.

Optisch wurde das Gebäude tatsächlich stark verändert. Es erhielt eine zusätzliche Etage, das Dach hat nun zwei Giebel, die Bogenfenster wurden durch eckige ersetzt und statt blassgelb ist die Fassade nun weiss getüncht. Noch vor wenigen Jahren erinnerten die Initialen «MB» im gusseisernen Zierrat über dem Eingangsportal an Bormann. Nun ist da eine massive Holztür mit einem runden Fenster, durch das man ins Innere sieht.

Der Ort lässt sich nicht «neutralisieren»

Aber wurde der Ort «neutralisiert»? Das gehe gar nicht, sagt der Historiker Kotanko im Gespräch. Das Haus sehe nun zwar anders aus, aber es gehe den Ewiggestrigen ja um den Mythos. «Das ist eine intellektuelle Frage und nicht eine bauliche», findet der 77-Jährige, der bis auf die Studienzeit sein ganzes Leben in Braunau verbracht hat.

Im Inneren des Gebäudes dominieren helles Holz, weisse Wände und viel Licht. Es ist ein Vorteil, dass man nicht weiss, in welchem Stock die Familie Hitler wohnte. Die Amerikaner hätten zwar nach dem Krieg deren frühere Haushälterin danach gefragt, erzählt Kotanko. Sie nannten den zweiten Stock – aber in den USA gilt das Erdgeschoss als erste Etage, weshalb weiter Unklarheit herrscht.

Dass ausgerechnet die Polizei einzieht, die unter den Nazis den Terror vollzog, sorgt noch heute für Kritik. Karner aber sagte in seiner Rede, sie stehe für Demokratie und die Verteidigung gegen alle, die sie bedrohten. So sei die Polizei heute das Gegenteil dessen, was diesem Ort anhafte. An diesem Vormittag stimmt das: Die Polizeimusik spielt, und Beamte mischen sich bei Sandwiches und Getränken unter die Bevölkerung. Aber es sei nicht auszuschliessen, dass Menschen hier eine Festnahme provozierten, nur um in Hitlers Geburtshaus in einer Arrestzelle zu sitzen, gibt Kotanko zu bedenken.

In Braunau hofft man, dass nun endlich Ruhe einkehrt. Gott sei Dank seien die Debatten beendet, sagt die 90-jährige Erna Friedl, die sich auch durchs Haus führen lässt. Hoffentlich sei nun Schluss mit den NS-Sympathisanten in ihrer Gemeinde. Das ist allerdings fraglich. «Braunau wird immer mit Hitler konnotiert bleiben», sagt Kotanko. Immerhin hat es nun Kameras am Gebäude, die auch den regelmässig beschmierten Gedenkstein im Blick haben. Für «NS-Wiederbetätigung» drohen in Österreich hohe Strafen, und die Polizei ist nun direkt vor Ort.

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