Ein ruhiger Atelierhof in Berlin-Wedding. Hinter der Glastür steht ein Klavier. Leyla Yenirce kommt die Treppe hinunter, lächelt durch das Glas hindurch, öffnet die Tür und schließt sie direkt wieder hinter sich. „Hier ist gerade etwas im Gange“, sagt sie, „wir gehen in ein Café.“ Eilig dreht sie den Schlüssel im Schloss, und dabei wirkt es fast so, als sei das, was dort drin im Gange ist, lebendig – als könnte es fliehen. Ausstellungen der 1992 in Qubîn, Kurdistan, geborenen Künstlerin und Musikerin heißen So Much Energy oder Ich krieg Geschwindigkeit. Vielleicht hat das Verschließen des Ateliers deshalb weniger mit Vorsicht zu tun als mit der Energie ihrer Kunst. Zur Berlin Art Week zeigt Yenirce im Konzerthaus drei eigens für den Ort entstandene Gemälde unter dem Titel Die Leinwand als Konzerthaus. Im Original sind die Arbeiten am 13. September als Teil ihrer Performance Stühle, gemeinsam mit dem Künstler und Musiker Solomon Garçon, im Werner-Otto-Saal zu sehen. Zwei der Gemälde werden als Banner an der Fassade des Konzerthauses hängen, das dritte bildet das Cover des neuen Programmhefts.
Das Konzerthaus in der Hand
Ihren Weg zur Kunst fand Yenirce über die Musik, in Hamburg, im Umfeld des Golden Pudel Clubs. Seit 2016 hat sie unter dem Namen Rosaceae fünf Alben veröffentlicht. Dunkler, wie aus Beton gehauener Sound ist Teil ihrer Ausstellungen, und auch ihre Malerei scheint Rhythmus und Lautstärke zu folgen. Oft male sie ohne Musik, sagt sie, weil die Bilder selbst schon „laut“ seien und sie sie „hören“ müsse.
Die Kollaboration, kuratiert von Sandra Teitge, eröffnet eine Reihe, in der bildende Künstler*innen eingeladen werden, Arbeiten für das Konzerthaus zu entwickeln. Das klassizistische Gebäude von Karl Friedrich Schinkel entstand als Schauspielhaus, brannte im Zweiten Weltkrieg aus, wurde wieder aufgebaut und 1984 als Konzerthaus in der DDR wiedereröffnet, sozusagen als kulturpolitisches Gegenstück zur Philharmonie im Westen. Der im vergangenen Sommer angetretene Intendant Tobias Rempe will das Haus nun für ein jüngeres Publikum öffnen.
Während Yenirce und ich die Müllerstraße, vorbei an Türmen kiloschwerer Wassermelonen, Richtung Café gehen, erkundigt sie sich wie aus der Pistole geschossen nach meinem Ring, meiner Tasche, meinem Wohnort. Es ist, als würde sie die Verhältnisse spielerisch umkehren. Statt mich in ihrem Atelier zu empfangen, gehen wir raus. Statt zu antworten, fragt sie.
Im Café läuft irgendein Popsong über Liebe. Yenirce singt den Refrain laut mit und bestellt einen Cappuccino, dann setzen wir uns draußen in den Schatten. Sie erzählt von ihren drei Gemälden für das Konzerthaus. Dafür lässt sie sich Archivfotos und Grundrisse schicken, bringt sie per Siebdruck auf die Leinwand und überzieht diese über vier Wochen Schicht für Schicht mit Öl- und Sprayfarbe. „Als ich das Sieb mit dem Foto fertig hatte“, erinnert sie sich, „dachte ich: Das ist doch lustig, das Konzerthaus so weit zu schrumpfen, dass ich es in meiner Hand halten kann.“ Wie auf dem Weg ins Café kehrt sie auch hier die Verhältnisse um.
Leuchtendes Türkis, Orange, Gelb und Rot scheinen die Geschichte des Hauses in Bewegung zu versetzen. Die Farben wirbeln die schwarz-weißen Fotografien durcheinander und tragen sie mit sich. Die Symmetrie des Konzertsaals, die Stuhlreihen und die Bühne mit ihrem Vorhang bleiben sichtbar, obwohl einige Fotos gänzlich in Rot getaucht sind, weiß übermalt oder von einem orangen Pinselzug angeschnitten. Auf einer Leinwand erscheint Leyla Zana am Mikrofon, die kurdische Politikerin, nach der Yenirce benannt wurde. Zana wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, nachdem sie im türkischen Parlament Kurdisch gesprochen hatte. Das politische Motiv findet ein Echo in der Geschichte des Hauses am Gendarmenmarkt: Im Revolutionsjahr 1848 tagte dort die Preußische Nationalversammlung.
Mit drei Jahren, 1995, kommt Yenirce mit ihrer kurdisch-jesidischen Familie nach Oldenburg. Später arbeitet sie nach der Schule, statt auf Konzerte oder Partys zu gehen. Sie sitzt an der Supermarktkasse, gibt Nachhilfe, babysittet und putzt, um ihre Eltern zu unterstützen. Rückblickend beschreibt sie diese Zeit trocken als „hart“. Erst Jahre später, beim Malen, erkennt sie darin etwas wieder. Pinsel in die Farbe tauchen, auswaschen, wieder eintauchen. „Ich dachte: Hä? Was mache ich hier? Ich bin wieder am Putzen.“ Das Putzen habe aus ihr die Malerin gemacht, die sie heute sei.
Dass sie einmal Künstlerin werden würde, lag ihr damals fern. Ein Studium der Kulturanthropologie war nach dem Abitur „ein guter Grund, von zu Hause auszuziehen“, erinnert sie sich. In Hamburg verändert sich mit Bourdieu, Butler und Benjamin ihr Blick auf die Welt. Ein Austauschjahr in den USA gibt schließlich den Anstoß, selbst Kunst zu machen. Dort entsteht ihre erste Videoarbeit: Biologiestudierende im Labor, begleitet von einem experimentellen Herzschlag aus gefundenem Audiomaterial.
Im August 2014, kurz nach ihrer Rückkehr nach Hamburg, erreicht sie die Nachricht vom Genozid des „Islamischen Staats“ an den Jesid*innen im Nordirak. Die Zeit teile sich seitdem für sie in ein Davor und ein Danach. Aus der Hilfslosigkeit heraus kauft sie sich über Kleinanzeigen einen Synthesizer. Sie bringt sich mit Youtube-Tutorials das Musikmachen bei, sammelt Sounds und sampelt. Geld verdient sie in zwei Cafés. „Es war klar: Ich ziehe das jetzt durch.“ Im Sound zu verschwinden, beschreibt sie als „absolute Befreiung“.
Bald spielt sie erste Konzerte, veröffentlicht Alben und schreibt sich schließlich an der Hochschule für bildende Künste Hamburg ein. 2022, in ihrem Abschlussjahr, zeigt das Kunsthaus Hamburg ihre erste institutionelle Einzelausstellung: So Much Energy. Der Raum ist dunkel, aggressiv wirkende Propeller versetzen die Luft in Bewegung, dahinter laufen Videobilder wehender Haare. Aus den Lautsprechern dringen treibende Klänge, dazwischen Stimmen von Frauen, die Widerstand geleistet haben – Anita Rée, Anna Campbell, Lamiya Aji Bashar. Gewalt und Aufbegehren sind wiederkehrende Motive ihrer Arbeit.
Nach Jahren mit Video, Performance und Sound beginnt sie während der Pandemie mit der Malerei, zunächst aus dem Wunsch heraus, täglich ins Atelier zu gehen. Yenirce trinkt einen Schluck Cappuccino. „Wieso heute überhaupt noch Malerei machen?“, fragt sie und beantwortet die Frage mit einer Geste: Sie hebt beide Hände, als würde sie gegen eine unsichtbare Wand drücken. „Man kann die ganze Welt in die Leinwand pressen.“ Dieses Schichten der Farbe habe auch etwas Gewaltvolles, sagt sie, aber die Leinwand könne das aushalten. Ob sie wie Helen Frankenthaler auf dem Boden male, frage ich. Sie nickt. Gerade trage sie dabei kurze Jeans, ein rotes Mickey-Mouse-Shirt und beige Sandalen. Ihre Heldin sei Joan Mitchell, die sich selbst eine „savage painter“ genannt habe – eine wilde Malerin.
Yenirce liest jeden Morgen im Bett. Lesen sei heute der wichtigste Teil ihrer künstlerischen Praxis. Zurzeit liegt Hannah Kralls Existenzbeweise auf ihrem Nachttisch. Danach fährt sie mit der U-Bahn ins Atelier und verbringt den ganzen Tag dort. Sie trinkt bis zu sechs Tassen Filterkaffee. Mittags isst sie Gemüse mit Reis oder Salat. „Ich bin ein 9 to 5er.“ Manchmal male sie, manchmal mache sie nur ein Nickerchen oder starre die Wand an. „Je mehr Zeit ich im Atelier verbringe, desto mehr interessiert mich dieses Sein im Atelier.“
Ich sage Yenirce, dass ich schon traurig sei, ihr Atelier nun nicht gesehen zu haben. Ich hätte gern die Dinge darin beschrieben: die Kalender, die sie sammelt und an die Wand hängt – einer von der Kurdischen Arbeiterpartei mit Kriegsbildern, einer des jesidischen Gemeindezentrums in Oldenburg, ein Trucker-Kalender, der sie an ihren Vater erinnert. Sie nickt und streckt mir wie zum Ausgleich ihre Hände entgegen. Ihre nächste Ausstellung in der Galerie Capitain Petzel handelt von Stimmen und Händen, sagt sie – und von dem, was im Sommer in Berlin passiert ist. Ihre Haut und ihre kurz geschnittenen Fingernägel sind hellblau besprenkelt. Dann zieht sie ihre schwarze Leinenhose etwas nach oben. Ihr Knie ist ganz grün.
Die Leinwand als Konzerthaus Konzerthaus, Berlin, 13. September, 11.00 – 13.30 Uhr
Stühle Konzerthaus, Berlin, 13. September, 13.30 Uhr
Berlin Art Week
Die Berliner Kunstwoche vom 9. bis 13. September 2026