Stand: 09.09.2026, 23:53 Uhr
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Die neuen Pisa-Studien-Ergebnisse haben es in sich: Ein Bildungsforscher erklärt, was Deutschland bei der Bildung „vor etwa zehn Jahren verpasst“ hat.
Frankfurt – „In kaum einem anderen Staat hängt der Bildungserfolg so stark von den sozioökonomischen Unterschieden zwischen den Elternhäusern ab wie in Deutschland“, sagt Samuel Greiff der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Er leitet an der Technischen Universität München (TUM) das Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) und ist verantwortlich dafür, die Pisa-Studie in Deutschland durchzuführen. Laut ihr haben die sozialen Unterschiede in der naturwissenschaftlichen Kompetenz hierzulande mit 125 Punkten einen neuen Rekordwert erreicht. Im OECD-Durchschnitt und EU-Durchschnitt zeigen sich langfristig eher abnehmende, zumindest jedoch gleichbleibende Unterschiede.

Laut Pisa-Studie erreichen 41 Prozent der Jugendlichen im untersten sozialen Viertel in Mathematik und Naturwissenschaften nicht die Mindestkompetenzen. Bei den Jugendlichen im obersten Viertel sind es nur acht Prozent. Ein Aspekt bereitet Greiff noch mehr Sorgen: „Von 100 Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien erreichen nur zwei die höchsten Kompetenzstufen. Unter den sozial Privilegierten sind es mehr als 25“, sagt der Bildungsforscher. Der Zusammenhang zwischen dem sozialen Hintergrund und dem Bildungserfolg sei in Deutschland beispielsweise „dreimal so stark wie in Kanada“.
Pisa-Studie offenbart extreme Bildungsungleichheit: Südkorea macht vor, was helfen kann
„Dieser Zusammenhang ist kein Naturgesetz“, sagt Greiff der Frankfurter Rundschau. „Wir können etwas dagegen tun, denn diese Ungleichheiten entstehen von früher Kindheit an. In der Pisa-Studie sehen wir bei den 15-Jährigen, was sich an Benachteiligungen aufgehäuft hat.“ Schon bevor die Kinder in die Grundschule kommen, lege sich der Grundstein für spätere Leistungen. Dann würden Jugendliche, die ohnehin sozial benachteiligt sind, seltener aufs Gymnasium gehen. Dort sei der Lehrkräftemangel nicht ganz so stark ausgeprägt wie auf anderen Schulformen. „Sie sind häufiger von Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall und fachfremdem Unterrichten betroffen und haben deshalb letztlich weniger Lernmöglichkeiten.“ Nationale Bildungssysteme seien unterschiedlich gut darin, das zu beheben.
Auch in anderen Ländern wählten qualifizierte und erfahrene Lehrkräfte besonders oft privilegierte Schulen als Arbeitsort. „Südkorea schafft Anreize, diese Lehrer und Lehrerinnen an die besonders benachteiligten Schulen zu bringen. Durch mehr Gehalt, Fortbildungen, kleinere Klassen. Indem sozial benachteiligte Jugendliche genauso häufig von erfahrenen Lehrkräften wie sozial privilegierte profitieren, kann man Unterschieden entgegenwirken.“ Pisa-Spitzenstaaten wie Singapur wählten ihre Lehrkräfte sehr sorgfältig aus. „Sie professionalisieren sie und entwickeln sie immer weiter. Die Schulen haben viel Verantwortung und viel Autonomie. Da können wir in Deutschland noch besser werden“, sagt er. Es gehe nicht nur darum, nur mehr Lehrkräfte zu haben. „Es geht auch darum, dass wir Potenziale nutzen und Ressourcen gezielter einsetzen. Wir brauchen auch multiprofessionelle Teams mit Sozialpädagogen und Psychologen.“
Bildungsforscher spricht von „Warnlampen im deutschen Bildungssystem“
Greiff spricht von „mehreren Warnlampen im deutschen Bildungssystem, die leuchten“. Viele gute Programme seien angelaufen und nicht zu Ende geführt worden. „Eine bittere Wahrheit ist, dass wir vor etwa zehn Jahren verpasst haben, Reformen anzugehen und durchzuhalten. Uns fehlt der lange Atem in der Umsetzung.“ Deutschland dürfe nicht davor zurückschrecken, „die Zeit in Kita und Kindergarten als Bildungszeit zu sehen“, findet der ZIB-Experte.
Digitalisierung könne Ungleichheiten verstärken. Wenn privilegierte Kinder besseren Zugang zu digitalen Medien hätten und sie zielgerichteter fürs Lernen nutzen könnten. „Gleichzeitig sehen wir ein riesiges Potenzial, Ungleichheiten auszugleichen. Digitale Tools können Lehrkräfte bei der individuellen Förderung unterstützen“, sagt Greiff der FR. „Gute Bildungssysteme unterstützen die Leistungsschwachen und fördern gleichzeitig die Leistungsstarken. Da bleibt niemand auf der Strecke. Das Potenzial haben wir, aber wir müssen es endlich nutzen.“ (Quellen: Pisa-Studie, eigene Recherche)