Der offizielle Stand Kolumbiens auf der Frankfurter Buchmesse löst Empörung aus. Die neue rechtsgerichtete Regierung setzt ihre eigenen Slogans ins Zentrum.
Foto: Screenshot Instagram
Wenige Worte, ein simples Design – doch der Ärger ist groß: „Kolumbien“ und „Das Wundervaterland“. Alles in Großbuchstaben. An einer anderen Wand in einer Mischung aus Groß und Klein: „Kolumbianische Bücher und Verleger“. Beides auf dunkelblauem Grund, darunter eine kolumbianische Fahne im Wind.
Die Schrift, die Farben, den Spruch, all das kennen Kolumbianer:innen aus dem Wahlkampf des heutigen ultrarechten Präsidenten Abelardo de la Espriella. Es ist auch nicht auf Deutsch übersetzt in Frankfurt.
„Wir fühlen Scham“ über dieses Bild von Kolumbien, das der offizielle Stand des Landes auf der Buchmesse zeichnet, schreibt der Verlag Laguna Libros auf Instagram zu dem Foto, sosehr man sich über die Teilnahme in Frankfurt freue. Eine Flut an Kommentator:innen sieht das ähnlich. Bisher hätten exzellente, extra engagierte Grafikstudios in ihrer Bildsprache zum Beispiel an den kolumbianischen Dschungel-Klassiker „La Vorágine“ erinnert oder heimische Schriftstellerinnen. Der diesjährige Stand sei indes „eine Hommage an die Mittelmäßigkeit“, geschaffen mit künstlicher Intelligenz – mit dem Regierungsslogan im Zentrum.
Womöglich ist der Stand illegal
Statt der in Sachen Literatur erfahrenen Nationalbibliothek hat dieses Jahr die Kommunikationsabteilung der Präsidentschaft die Gestaltung des Stands übernommen. Das Ergebnis ist optisch nicht besonders attraktiv – und womöglich illegal, wie das Team von Laguna Libros anmerkt. Schließlich verbiete das Antimarken-Gesetz von 2023, dem Staat das Image einer wechselnden Regierung zu verpassen. Immerhin: Im Stand ist wie bisher eine Kostprobe der vielfältigen kolumbianischen Literaturlandschaft zu finden. Doch sein Design verhindere die Internationalisierung der kolumbianischen Literatur.
Felipe González hat den Verlag vor bald 20 Jahren gegründet und führt heute das Geschäft. Man begreife sich als Versuchslabor, sagt er, aktuell für Graphic Novels, Erzählliteratur und Dokumentarisches. Im verwinkelten, lichten Sitz im Bogotaner Stadtteil El Polo steht eine Kaffeetasse von der Buchmesse vor ihm. Schon mehrere Male war sein Verlag dort. Dieses Mal mit einem Stipendium der Nationalbibliothek.
Der bärtige Mann mit dem runden Gesicht und dem bunten T-Shirt schwankt immer noch zwischen Überraschung und Empörung. Der Slogan „Das ‚Wundervaterland‘“ beruft sich auf eine „sektiererische religiöse Überzeugung“, sagt González. Dabei habe das megabiodiverse Kolumbien mit seinen unterschiedlichen Ökosystemen und 65 indigenen Sprachen eine ungeheure kulturelle Vielfalt hervorgebracht. „Diese Diversität wird ausgelöscht.“ Alles bekomme jetzt den PR-Stempel der Präsidentschaft, alles dieselbe Ästhetik.
Was González ebenfalls aufregt: „Diese Regierung zeigt keine klare Haltung gegenüber der Kultur, auf die man reagieren könnte.“ Anzeichen gibt es nach zwei Monaten Regierungswechsel einige, dass es die Kultur, die der kolumbianische Staat laut Verfassung fördern muss, schwer haben wird. Das Kulturministerium hat zum ersten Mal in 27 Jahren die Preise und Auszeichnungen des Nationalen Förderprogramms gestrichen. Angeblich aus Budgetproblemen.
Den „kulturellen Marxismus“ wegfegen
Das nach den gleichnamigen Humanisten und Philologen Caro y Cuevo benannte staatliche Forschungsinstitut hat seit Kurzem einen Leiter, der den „kulturellen Marxismus“ wegfegen will und offen vom „Kulturkampf“ und dem Ende der „woken Agenda“ spricht.
Umstritten ist auch die neu ernannte Leiterin der Nationalbibliothek, die erst seit wenigen Tagen im Amt ist. Julia Cristina Daza hatte für Abelardo de la Espriella aus Miami Wahlkampf betrieben. Erfahrung im Buch- und Bibliothekssektor oder Leseförderung hat sie keine; ebenso wenig mit Erinnerungskultur und historischem Erbe. Dafür beteuerte sie beim Antritt, was für eine Ehre es sei, am Projekt des „Wundervaterlands“ mitzuarbeiten. Sie werde die seit 1777 bestehende Institution „in Gottes Hände“ legen.
Juan David Correa war unter der linken Vorgängerregierung von Gustavo Petro der am längsten amtierende Kulturminister. Der eingefleischte Linke hatte zuvor als Kulturjournalist, Schriftsteller, Herausgeber und Organisator der Bogotaner Buchmesse gearbeitet. Den Kolumbien-Stand in Frankfurt hat er auch schon organisiert.
„Maximal geschmacklose faschistische Propaganda“ sei der kolumbianische Auftritt, nach dem Vorbild von Donald Trump, sagt Correa der taz am Telefon. „Das hat nichts mit der Welt der Bücher zu tun.“ Es überrasche ihn allerdings nicht, bei einer „Regierung von Nichtlesern“.
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