AUDIO: Gewaltsame Proteste in Frankreich: Bald auch in Deutschland? (4 Min)
Demos in Deutschland geplant
Protestforscher: Darum drohen keine französischen Verhältnisse
Stand: 20.10.2026 14:13 Uhr
Nach gewaltsamen Protesten in Frankreich ruft die Bewegung "Gen Z regelt" für den 31. Oktober zu Demos in Deutschland auf, auch in Leipzig. Soziologe Peter Ullrich erklärt, warum sich die Protestkultur und Polizeieinsätze unterscheiden und welche Rolle Falschmeldungen bei Eskalationen spielen.
von Jessica Brautzsch, MDR AKTUELL
- Laut Soziologe Peter Ullrich sind Proteste in Frankreich wegen des härteren Vorgehens der Polizei häufiger gewaltsam.
- In Deutschland steigt das Risiko gewaltsamer Proteste durch Falschmeldungen in sozialen Medien.
- Der Telegram-Kanal "Gen Z regelt" distanziert sich ausdrücklich von Gewalt.
Auf Social Media häufen sich Aufrufe zu Protesten in Deutschland: "Am 31. Oktober sind wir alle auf den Straßen. Die Franzosen machen es vor – wir machen es nach. Keiner möchte den ersten Schritt machen, also macht 'Gen Z' den ersten Schritt. Frankfurt, Berlin, Hamburg, München ..."
Und Leipzig. In der örtlichen Telegram-Gruppe "Gen Z regelt" wartet man noch, dass die Stadt die geplante Demo genehmigt. Das Werbematerial für die Protestaktion zeigt zornige Augenpaare oder Demonstrierende, die gegen Polizeischilde anrennen. Immer wieder wird auf die Proteste in Frankreich verwiesen.
Video: Gewalt bei Protesten in Frankreich (2 Min)
Härteres Vorgehen der französischen Polizei
Doch lässt sich das, was dort geschieht auf Deutschland übertragen? "Es gibt eine Protestkultur in Frankreich, die sehr stark zu Militanz neigt", sagt Peter Ullrich, Professor für Soziologie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.
Das habe vor allem damit zu tun, dass das politische System in Frankreich sehr stark geschlossen und über andere Kanäle nur schwer zugänglich sei, erklärt Ullrich. Dazu komme, dass die französische Demokratie letztlich auf einer gewaltsamen Erhebung, der Französischen Revolution, beruhe.
Er verweist zudem auf Unterschiede beim Vorgehen der französischen Polizei: Die französische Polizei sei deutlich stärker militarisiert und schlechter ausgebildet. Methoden wie Kommunikation und Deeskalation seien weniger etabliert.
Stattdessen setze die Polizei auf einen "legalistischen Einsatzstil": Bereits bei geringfügigen Anlässen setze die Polizei auf ein hartes Vorgehen. "Es sind Schusswaffen, Tränengasgranaten und sowas sehr massiv und sehr niedrigschwellig im Einsatz", erklärt Ullrich.
Fake News heizen Stimmung auf
Die deutsche Polizei deeskaliert dagegen mehr. Unter bestimmten Umständen steige aber auch hierzulande die Wahrscheinlichkeit für Gewalt bei Protesten, erklärt Ullrich: "Wenn Situationen unübersichtlich sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Eskalationen kommt, deutlich höher, weil Verunsicherungen schnell zu Angstmomenten und zu überschießenden Reaktionen führen."
Auch die Medienberichterstattung und soziale Medien spielten dabei eine große Rolle, sagt der Soziologe. Ullrichs eigene Studien hätten gezeigt, dass sowohl unter Protestierenden als auch bei der Polizei schnell bedrohliche Meldungen kursierten, die sich häufig als Falschmeldungen herausstellten, die Stimmung aber erheblich aufheizten.
Video: Frankreich: Randalierer setzen historisches Rathaus in Brand (2 Min)
"Gen Z regelt" gegen Gewalt
Und auch die Größe eines Protestes und die Vielfalt der teilnehmenden Strömungen spielen eine Rolle. Der bundesweite Telegram-Kanal "Gen Z regelt" seinerseits grenzt sich ausdrücklich von Gewalt ab: "Wir sehen alle die Bilder aus Frankreich, Belgien, Spanien und anderen Ländern: Demos, die in Zerstörung, brennenden Barrikaden und Gewalt eskalieren. Für Deutschland gilt klipp und klar: Das ist NICHT unser Weg."
Denn Gewalt würde nur vom eigentlichen Ziel der Proteste ablenken: Aufmerksamkeit schaffen für Themen wie Wehrpflicht, Lehrkräftemangel, Bildung, Gesundheit und Steuerverschwendung.