Der Moment dauerte nur wenige Sekunden, könnte Linus Güther aber trotzdem in Erinnerung bleiben. Kurz vor seiner Einwechslung gegen Borussia Dortmund nahm Union-Trainer Mauro Lustrinelli den 16-Jährigen noch einmal herzlich in den Arm. Wenig später stand der zweite Bundesliga-Einsatz in der noch jungen Karriere des Angreifers in den Büchern des 1. FC Union Berlin.
Nach dem Abpfiff wartete in den Katakomben des Stadions An der Alten Försterei ein besonderer Moment: Güther tauschte sein Trikot mit Nationalspieler Nico Schlotterbeck. Ausgerechnet mit einem Fußballer, der selbst einmal für Union gespielt und während einer Leihe vom SC Freiburg nach Köpenick einen wichtigen Schritt in seiner Entwicklung gemacht hatte.
Für Güther waren es beim 0:0 gegen den BVB nur wenige Minuten in der Nachspielzeit. Doch bei Union stellt sich zunehmend die Frage, wann aus dem hochveranlagten Nachwuchsspieler ein ernsthafter Kandidat für mehr Spielzeit bei den Profis wird. Die Voraussetzungen dafür bringt der 16-Jährige mit. Das hat er zuletzt auf mehreren Ebenen gezeigt.
Wie viel Selbstvertrauen und Qualität in ihm stecken, war beispielsweise im U19-Derby gegen Hertha BSC zu sehen. Beim 5:1-Sieg erzielte Güther zwei Tore und bereitete zwei weitere vor. Dass er mit seinen 16 Jahren auch gegen ältere Gegenspieler derart prägend auftreten kann, macht ihn für Union besonders interessant. Es geht längst nicht mehr nur darum, ein Talent behutsam an den Profifußball heranzuführen. Güther liefert Argumente dafür, ihm weitere Schritte zuzutrauen.
Linus Güther glänzt für das deutsche U17-Nationalteam
Auch im Trikot der deutschen U17-Nationalmannschaft machte der Linksaußen vor wenigen Wochen auf sich aufmerksam. Beim Vier-Nationen-Turnier in Duisburg gehörte er zu den herausragenden Spielern und führte Deutschland zum Titelgewinn. Gegen Venezuela bereitete er per Ecke das erste Tor vor und traf anschließend nach einer starken Einzelleistung selbst. Gegen Israel kam er lediglich 20 Minuten zum Einsatz, gegen England erzielte er beim 3:2-Sieg das wichtige 2:2.
Mit zwei Toren und einer Vorlage wurde Güther Topscorer des Turniers. Seine Leistungen sind also nicht auf einzelne starke Auftritte im Verein beschränkt. Güther sammelt auf verschiedenen Ebenen Argumente, um sich auch bei den Profis stärker in den Vordergrund zu spielen.
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Mauro Lustrinelli hat bereits deutlich gemacht, welchen Stellenwert die Entwicklung junger Spieler für ihn besitzt. „Ich will Spieler auf den Weg führen und sie auf ihrer Reise begleiten“, beschrieb der Schweizer seinen Ansatz. Güther könnte zu den ersten Talenten gehören, an denen sich zeigt, wie Lustrinelli diese Vorstellung im Bundesliga-Alltag umsetzt.
Vor dem Spiel gegen Schalke hatte der Union-Trainer die Leistung des 16-Jährigen gegen Hertha BSC ausdrücklich gelobt. „Das hat ihm gutgetan. Er hat wirklich ein gutes Spiel gemacht, mit starken Pässen und schönen Toren“, sagte Lustrinelli über Güthers Auftritt in der U19.
Zugleich machte er deutlich, dass die Entwicklung nicht ohne Rückschläge verläuft: „Die vergangene Woche war für ihn etwas schwieriger. Umso wichtiger war diese Leistung. In den nächsten Tagen werden wir sehen, ob er zum Aufgebot gehören wird.“
Ein Beispiel vom Stadtrivalen des 1. FC Union Berlin: Kennet Eichhorn wurde bei Hertha BSC in der vergangenen Saison mit 16 Jahren zum Leistungsträger in der 2. Bundesliga.
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Das klingt nicht nach einer Sonderbehandlung allein aufgrund des Alters. Vielmehr scheint Lustrinelli genau hinzuschauen, wie sich Güther entwickelt, und ihm Chancen geben zu wollen, wenn die Leistungen stimmen. Der Kurzeinsatz gegen Dortmund ist ein erstes Signal. Ob daraus regelmäßigere Einsätze werden, muss sich allerdings erst zeigen.
Geschäftsführer Horst Heldt hatte bereits im Sommertrainingslager über den Umgang mit dem 16-jährigen Supertalent Güther gesprochen. „Wenn ein junger Spieler in einen Profikader kommt, gibt es erst mal Welpenschutz. Aber der ist irgendwann auch vorbei“, sagte Heldt. Irgendwann werde der Spieler wie jeder andere bewertet. Das sei auch richtig so.
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Gleichzeitig mahnte der Geschäftsführer, Güther die notwendige Zeit zu geben. „Er soll weiter so mutig und frech sein, das sollte man ihm auch überhaupt nicht nehmen. Das hat auch gar keiner vor.“ Es geht Union also darum, den 16-Jährigen weder zu überfordern noch ihn allein wegen seines Alters auszubremsen.
Ein Blick zum Stadtrivalen Hertha BSC zeigt, welches Potenzial in einem solchen Weg liegen kann. Kennet Eichhorn überzeugte in der vergangenen Saison bereits als 16-Jähriger in der 2. Bundesliga so nachhaltig, dass er im Sommer zu Bayer Leverkusen wechselte. Ein solcher Vergleich ist für Güther noch keine Prognose. Er zeigt aber, wie schnell sich außergewöhnliche Talente im Profifußball entwickeln können, wenn sie die passenden Gelegenheiten bekommen.
Lustrinelli soll Güthers Qualitäten bei Union einbinden
Für Union geht es dabei nicht nur um die Perspektive eines einzelnen Spielers. Präsident Dirk Zingler hatte nach der vergangenen Saison auch die Spielweise der Mannschaft unter dem damaligen Trainer Steffen Baumgart thematisiert. Der hatte Güther zwar wenige Tage nach seinem 16. Geburtstag im Spiel gegen Heidenheim zum Bundesliga-Debüt verholfen, aber „wir können zum Beispiel nicht Linus auf den Platz bringen und dann den Ball über ihn rüberspielen“, sagte Zingler mit Blick auf den Fußball, der dabei gespielt wurde.
Genau hier kommt Lustrinelli ins Spiel. Der Trainer soll Union sportlich weiterentwickeln und zugleich Spieler wie Güther fördern und fordern. Der zweite Bundesliga-Einsatz gegen Dortmund war dafür nur ein kleiner Schritt. Aber vielleicht war es einer, auf den weitere folgen. Güther hat zuletzt im Nachwuchs und in der Nationalmannschaft gezeigt, was er kann. Jetzt muss sich zeigen, ob er auch bei den Profis die nächste Stufe erreichen darf.
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