Provinz mit Potenzial Junge Kunst, große Freiheit: Warum Trier ein besonderer Kunststandort ist
Trier · Seit über 40 Jahren gibt es den Kunstverein Trier Junge Kunst. Wie jung ist die Kunstszene in Trier und wie erleben die Kreativen Freud und Leid ihres Berufs in der Provinz? Und warum Trier für Künstler eine Chance sein kann.
14.08.2026 , 07:51 Uhr
Interviewpartner: Künstler Sebastian Böhm, erster Vorsitzender des Vereins, und Werner Müller, Gründungsmitglied der ersten Stunde.
Foto: Monika Traut-Bonato
Die Galerie wirkt beinahe leer: weiße Wände, viel Raum, kaum ein Werk. Reduziert auf das Wesentliche. Wer hierher kommt, kommt nicht zufällig. Bis zum 2. August zeigte der Künstler Cornelius Ersching in der Ausstellung Suite Werke als Momentaufnahmen eines fortlaufenden Prozesses, die offen bleiben für Veränderung. Das gilt auch für den Kunstverein Junge Kunst, der sich seit seiner Gründung dem Anspruch verschrieben hat, offen für Veränderung und Transformation zu bleiben.
Junge Kunst ist eine Haltung – und keine Frage des Alters
Zum Gespräch treffen wir uns in der Galerie in der Karl-Marx-Straße, unweit der Römerbrücke. Vor vielen Jahren fiel die Entscheidung für diesen Standort ganz bewusst. Nicht als gefällige Adresse, sondern als Gegenentwurf zum etablierten Kulturbetrieb, als Ort für Kunst, die frei sein will: unabhängig, eigenständig und fern vom Establishment. Und das ganz gezielt in einer Straße, die in Trier nicht den besten Ruf genießt. Sexshops, Kneipen, gelegentliche Schlägereien – keine klassische Kulturmeile. Selbst an diesem Nachmittag sind noch einige Parkplätze frei. Ein ungewohnter Anblick in Trier, wo sonst um jede noch so kleine Parklücke gekämpft wird.
Mit am Tisch sitzen die Künstler Sebastian Böhm, erster Vorsitzender des Vereins, und Werner Müller, Gründungsmitglied der ersten Stunde. Es ist ein heißer Sommertag. Der kleine Hinterhof der Galerie spendet etwas Schatten und Abkühlung. Schon seit 1985 bereichert der Kunstverein die Trierer Kulturszene, als er aus der Produzentengalerie Kaleidoskop hervorging. Später firmierte er als Förderverein Junge Kunst, seit 1995 trägt er seinen heutigen Namen.
Interessanter als das Alter des Vereins ist jedoch die Frage, wie jung die Kunst in Trier heute noch ist. Müller lächelt. Die Diskussion um das Wort „jung“ begleitet den Verein seit Jahrzehnten. „Es heißt ja nicht junge Künstler, sondern junge Kunst“, sagt er. Jung sei keine Frage des Alters. Jung sei eine Haltung. Offenzubleiben, veränderbar zu sein, Risiken einzugehen. Das könne ein Dreißigjähriger ebenso wie ein Siebzigjähriger. „Und damit ist viel und alles schon gesagt.“ Die Trierer Kunstszene sei, so Sebastian Böhm, „größer als man denkt, lebendiger als man denkt und unabhängiger als man denkt“.
400 Ausstellungen, viel Diskussion und ein Raum für neue Ideen
Allein der Kunstverein Trier Junge Kunst hat seit 1985 mehr als 400 Ausstellungen mit junger und experimenteller Kunst präsentiert und zeigt jährlich sieben bis neun Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Seit 2024 wird er institutionell von der Stadt Trier sowie projektbezogen vom Land Rheinland-Pfalz gefördert. Er zählt heute rund 80 Fördermitglieder, dazu 13 aktive Mitglieder. Wer dazugehört, wird Teil einer Gemeinschaft, die vor allem eines pflegt: den Diskurs.
„Wir setzen uns intensiv mit den Positionen auseinander“, sagt Böhm. Tatsächlich beginnt das schon bei der Auswahl der Ausstellungen. Einmal im Jahr treffen sich die Aktiven über mehrere Abende hinweg, sichten Vorschläge, streichen, diskutieren, verwerfen und wählen aus. Danach übernimmt jeweils ein Kurator oder eine Kuratorin aus den eigenen Reihen die Verantwortung für eine Ausstellung.
„Niemand muss etwas kuratieren, weil es alle gut fanden“, sagt Böhm. „Sonst kommt nur Mittelmaß heraus. Wir diskutieren mit vielen Köchen und einer sucht dann aus.“ Der hohe Anspruch hat allerdings auch eine Kehrseite. Nachwuchs zu finden, wird schwieriger. Viele Interessierte seien unsicher, ob sie den Anforderungen gerecht werden. Der Verein stelle klare Ansprüche – an die künstlerische Arbeit, aber auch an die Bereitschaft, sich einzubringen und Diskussionen auszuhalten. „Wir wollen ja nicht elitär wirken“, sagt Böhm. Doch Kunst bedeute eben auch Auseinandersetzung.
Das zeigt sich besonders bei Ausstellungseröffnungen. Die großen Besucherzahlen stehen dabei nicht im Mittelpunkt. „Wir brauchen da nicht 60 oder 100 Leute“, sagt Müller. Viel wichtiger seien die Gespräche danach. Diskussionen über Kunst, die bis tief in die Nacht dauern. Streit über Positionen. Gemeinsames Nachdenken. Vielleicht ist genau das der Kern dieses Ortes. „Es geht weniger um das einzelne Werk als um die Beziehung der Werke zueinander“, erklärt Böhm. „Auch vom Künstler zum Werk, zum Betrachter und wieder zurück.“
Sogar der Raum selbst wird Teil dieses Dialogs, spielt von Anfang an eine große Rolle. So wurde 2018 die Galerie grundlegend umgebaut. Aus einem ehemaligen Ladenlokal entstand ein heller, fast museal wirkender Ausstellungsraum. „Die Form ist unserem Anspruch gefolgt“, sagt Böhm. „Das war ein Meilenstein für uns als Künstler. Architektonische Räume sind nicht nur Kulisse kreativer Prozesse, sondern Grundlage künstlerischer Präsenz im gesellschaftlichen Raum.“
Kunst jenseits des Marktes: Warum Förderung und Sichtbarkeit wichtig sind
Der Verein habe angefangen als Produzentengalerie, was sich im Laufe der Zeit verändert hat. Kommerzielle Galerien sind darauf angewiesen, etwas zu verkaufen. „Das sind wir überhaupt nicht. Im Gegenteil. Wir vermitteln nur.“ Denn Kunst funktioniere nur bedingt nach marktwirtschaftlichen Prinzipien. „Es gibt unheimlich wichtige künstlerische Arbeiten, die unverkäuflich sind, weil sie auf einer Idee oder einem Konzept fußen. Wir müssen ja auch eine romantische Vorstellung behalten dürfen“, sagt Böhm. „Sonst ist alles verloren, wenn Kunst nur dann funktioniert, wenn sie von reichen Menschen gekauft oder gehandelt wird.“
Kann man überhaupt von Kunst leben? Die Antwort fällt ernüchternd aus. „Die meisten Künstler haben einen begleitenden Beruf“, sagt Böhm. Wer ausschließlich vom Verkauf seiner Werke leben könne, gehöre zu einer kleinen Minderheit. Oft sind es Lehraufträge, Schulprojekte oder Dozententätigkeiten, die den Lebensunterhalt sichern. Selbst bei Künstlern, die international in bekannten Galerien ausstellen. „Bei denen steigen dann aber auch die Kosten parallel mit“, ergänzt er.
Dabei habe sich die Situation in den vergangenen Jahrzehnten eher verschärft. Werner Müller erinnert sich an eine Zeit, in der es deutlich mehr Wettbewerbe, Preise und Ausstellungsmöglichkeiten gab. Die Kunst und die Kunstwelt haben sich verändert. Sichtbarkeit entsteht heute oft im Internet. Social Media gehört längst zum Alltag von Künstlerinnen und Künstlern. „Diese Selbstvermarktungsstrategien haben wir früher so nicht gekannt“, sagt Böhm. Deshalb müsse Kunst gefördert werden, „um dem reinen Marktmechanismus aus dem Weg zu gehen!“ Seit über 40 Jahren gehe es in der Arbeit des Kunstverein Trier Junge Kunst darum, künstlerische Positionen sichtbar zu machen, damit sie entdeckt werden. Denn „Kunstvereine sind keine Museen.“
10Der aktuelle Vorstand: v.li. n. re: Tobias Hött (2. Vorsitzender), Ruth Maßem, Sebastian Böhm (1. Vorsitzender), Alexander Braun, Britta Deutsch.
Foto: Kunstverein Trier Junge Kunst/Lukas Huneke Photography
Weniger Konkurrenz, mehr Freiheit: Was Trier Künstlern bietet
Ist Trier für Künstler etwa ein guter Ort oder eher eine Herausforderung? Nicht trotz Trier, sondern gerade wegen Trier bleiben viele. Wer hier Kunst macht, arbeite weitgehend unbeobachtet vom großen Kunstmarkt. Das kann Nachteil und Freiheit zugleich sein. „Wenn man hier Kunst macht, dann kann man davon ausgehen, dass man das für sich macht“, sagt Böhm. In Köln, Berlin oder Hamburg locken größere Netzwerke, mehr Galerien, mehr Sammler. Aber dort ist auch die Konkurrenz größer. „Die Gefahr, in der Anonymität zu versinken, ist in Trier deutlich geringer als in Städten wie Köln“, sagt Müller. Auch Ausstellungen in den großen Städten sind längst kein Garant für Qualität oder Erfolg. Sebastian Böhm hat das selbst erlebt: „Ich habe mal in Berlin eine Ausstellung gehabt, das war eine unheimlich provinzielle Ausstellung. Das war langweilig, durchschaubar.“
Hinzu kommt die räumliche Situation. So sind in Trier Ateliers möglich, von denen Kollegen in den Metropolen oft nur träumen können. „Viele meiner Kolleginnen und Kollegen in Köln bekommen Tränen in die Augen, wenn sie unsere Ateliermöglichkeiten sehen“, erzählt Böhm. „Für das gleiche Geld gibt es dort eine Garage.“ Beide sehen Trier deshalb nicht als Sackgasse, sondern als Ausgangspunkt. Die Kunst entsteht hier. Die Ausstellungen können überall stattfinden. „Wir können nach Köln, Basel oder Hamburg. Das ist immer möglich.“ Auch von Trier aus gelinge es Künstlerinnen und Künstlern, überregional wahrgenommen zu werden – nicht zuletzt dank sozialer Medien.
Wie steht es um die Zukunft des Vereins Junge Kunst, was passiert, wenn die Aktiven älter werden? Die Antwort fällt überraschend gelassen aus. „Wenn wir das irgendwann nicht mehr so machen können, wie wir es für richtig halten, dann machen wir den Weg frei“, sagt Böhm. Entscheidend sei nicht das Fortbestehen eines Vereins um jeden Preis. Entscheidend sei, dass die Freiheit der Kunst erhalten bleibt. „Wir haben einen Kunstverein geschaffen, der bundesweit in der Szene Beachtung findet. Das hätten wir beispielsweise auch in Leipzig machen können. Aber wir haben es hier in Trier gemacht. Und das ist ja ein Zeichen dafür, dass es geht. Für mich ist wichtig, dass Kunst einen Berührungspunkt erzeugt. Dann hat sie etwas bewirkt. Und dann bleibt sie jung.“