Stand: 03.10.2026, 06:22 Uhr
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Könnten Smartwatches sichtbar machen, was viele Frauen schon lange spüren? Eine Psychologin erklärt, warum sich ihr Tag manchmal so erschöpfend anfühlt.
Frankfurt – Eine Mutter hat eine spannende Erkenntnis: Am Abend vergleicht sie seit einiger Zeit ihre Body-Battery mit der ihres Mannes. Und plötzlich „packt er echt mehr an im Haushalt!“, erzählt sie Teresa Conrad, die die Erfahrung ihrer Freundin auf Linkedin öffentlich macht. Sie ist Expertin für faire Arbeitsteilung in Partnerschaft und Familie. Eine Freundin von ihr sei „dem Smartwatch-Trend zum Opfer gefallen“, genauso wie sie. „Mein Mann bekommt inzwischen regelmäßige Updates zu meiner Heart-Rate-Variability, meinem VO₂max und natürlich meiner Body Battery.“

Genauso wie ihre Freundin. Bei der war nämlich die Body Battery nach einem Tag mit den Kindern bei fünf, während sie bei ihrem Mann nach einem Tag im Büro bei 42 war. „Bislang war schwer einzuschätzen, wer wohl den anstrengenderen Tag hatte“, schreibt Conrad. Aber jetzt gebe es Smartwatches. „Kann die Body-Battery zur ersten halbwegs sichtbaren Maßeinheit für Care-Arbeit und Mental Load werden? Das wär doch was.“
Emotionale Arbeit – ein altes Phänomen, das sich zuspitzt
Am frühen Nachmittag geht es für die Person, die mehr Care-Verantwortung trägt und Teilzeit arbeitet, aus dem Büro nach Hause, dann werden zwei Kinder aus Schule und Kita abgeholt. Es folgen der Einkauf, das Aufräumen, die Terminplanung, die Hausaufgaben – danach müssen „zwei Streithähne im Fünf-Minuten-Takt auseinandergebracht werden“, so beschreibt es Conrad auf Linkedin. Klar ist die Body-Battery da schnell leer. Hinzu kommt aber noch ein weiterer Aspekt:
„Frauen in heterosexuellen Beziehungen übernehmen bislang oft die emotionale Arbeit“, sagt Yvonne Beuckens der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Sie ist Diplom-Psychologin und arbeitet seit 18 Jahren in Bad Nauheim (Hessen) als Paartherapeutin. Emotionale Arbeit – also das Reflektieren von Gefühlen, das Führen von Gesprächen über Emotionen, das Kümmern um die Beziehungsqualität – sei kein neues Phänomen. Es habe sich aber erst in den vergangenen drei Jahrzehnten zugespitzt.
„Früher war die Ehe eine Versorgungsgemeinschaft und ein Paar hat sich darüber definiert, wenn es erfolgreich gemeinsam gewirtschaftet hat“, so Beuckens. Heute nähmen Beziehungen mehr Raum ein, auch weil Dorfgemeinschaften wie früher kaum noch existierten. Das Ergebnis: Emotionale Nähe und Verbindung werden wichtiger – und landen immer noch häufig auf den Schultern der Frauen oder eben der Mütter.
Mental Load: Dass Frauen doppelt belastet sind, hat einen historischen Grund
Beuckens sieht die Ursache nicht in bösem Willen, sondern in unterschiedlicher Sozialisation. „Auch neuere Studien zeigen: Jungen wird weniger beigebracht, mit welchem Vokabular sie ihre Gefühle ausdrücken und wie sie Emotionen ihres Gegenübers richtig interpretieren“, sagt sie. Die heute 30- bis 60-jährigen Männer seien schlicht anders aufgewachsen als gleichaltrige Frauen.
Ob dieser Unterschied auch biologisch begründet ist, darüber streitet sich die Wissenschaft. „Viele sind der Meinung, die Unterschiede seien hauptsächlich soziologischer Natur. Andererseits ist Östrogen das Kümmerhormon und Testosteron das Scheuklappenhormon“, sagt die Paartherapeutin der FR. „Deswegen fällt es Frauen vielleicht auch hormonell bedingt schwerer, sich nur um sich zu kümmern.“ Emotionale Arbeit und Hausarbeit bleiben weiterhin oft an ihnen hängen.
Da heute aber häufig beide Geschlechter „Geld nach Hause bringen“, würden Frauen auf Dauer ausbrennen, während die Männer überfordert zurückbleiben. Bei vielen Paaren entsteht aus diesem Ungleichgewicht eine schädliche Dynamik: Die Partnerin fordert mehr Verbindung, der Partner fühlt sich unter Druck gesetzt und zieht sich zurück. Die Psychologin Sue Johnson prägte dafür die Metapher der „Protest-Polka“ – das ständige Vor und Zurück ähnelt der Schrittfolge des Tanzes.
„Kinder müssen auch ihren Vater als Verantwortlichen für Gefühle wahrnehmen“
Was können Frauen tun, um nicht in dieser Spirale zu landen? „Ich muss mir überlegen: Fühle ich mich verantwortlich oder bin ich verantwortlich“, sagt Beuckens. Viele Frauen hätten als „Lieblingsreaktion auf Herausforderung“ das Kümmern und Empathiezeigen verinnerlicht. Doch das sei nicht die einzige Möglichkeit. „Ich darf auch mit Distanz oder mit Abwarten reagieren“, sagt die Psychologin.
Damit sich die Verteilung von Care-Arbeit und emotionaler Arbeit langfristig ändert, müssten Eltern von heute Vorbilder sein. „Kinder müssen auch ihren Vater als Verantwortlichen für Gefühle wahrnehmen“, sagt Beuckens. „Wir erleben da momentan einen Paradigmenwechsel.“ Das merke sie auch daran, dass das Thema Mental Load in ihren Beratungen zunehme. Grundsätzlich sei es auch in Ordnung, dass ein Partner mehr in emotionale Themen hereingeht und einer eher ausgleichend wirkt. Beide brächten so ihre unterschiedlichen Fähigkeiten in die Beziehung ein. Nur ob es immer die Frau sein muss, die emotionale Arbeit leistet – darüber könne man sich streiten. (Quellen: eigene Recherche, Linkedin)