„Sind unsympathisch“: Psychologin erklärt, wieso Deutsche oft schlecht bei anderen ankommen

Stand: 24.08.2026, 19:28 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Deutsche haben in anderen Nationen nicht den Ruf, besonders witzig oder offen zu sein. Eine Expertin erklärt, wie Small Talk stattdessen funktioniert.

Hamburg – Jeder Mensch ist individuell und die Nationalität bestimmt selbstverständlich nicht den Charakter – trotzdem gibt es spürbare kulturelle Unterschiede, die das Zusammenleben beeinflussen. Deutsche sind nicht gerade dafür bekannt, dass sie besonders offen und herzlich auf andere Menschen zugehen. In einem Beitrag im Online-Forum Reddit heißt es: „Deutsche sind unsympathisch.“ Die Person, offenbar selbst Deutscher, schreibt, das Grundgefühl hierzulande sei „immer erstmal Ablehnung. Wir feiern niemanden, wir überprüfen“.

junge Frau

Deutsche stellen über das Beschweren schnell eine Verbindung her. (Symbolbild) © IMAGO / Cavan Images

Zudem beobachtet der Nutzer einen Hang zum Jammern – „Dauerbeschwerde als Kommunikationsform. Small Talk in Deutschland ist eine Liste von Dingen, die nicht funktionieren. Bahn, Wetter, Politik, Kollegen, Preise.“ In anderen Regionen und Ländern wie Südeuropa, den USA oder Südostasien seien Leute freundlich, ohne dass es dazu einen Anlass benötige.

Psychologin: Meckern hat in Deutschland eine soziale Funktion

In den Kommentaren stimmen dem Nutzer viele zu. „Ich habe nie verstanden, wie Deutsche so darauf bestehen, zynisch zu sein und nie etwas wertzuschätzen. US-Amerikaner sind in vielen Bereichen schlechter dran, doch haben eine positivere Einstellung“, schreibt eine Person. Ein weiterer Nutzer berichtet von seinem Chef, der nur Kritik äußere – „für Lob ist mir meine Zeit zu schade“ sei eine typische Aussage. Einige finden die allgemeine Zurückhaltung in Deutschland allerdings „teilweise angenehm“.

Dass Meckern so verbreitet ist, hat einen Grund: Es habe hierzulande vor allem eine soziale Funktion, sagt die Psychologin und Buchautorin Annika Lohstroh der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Wenn zwei Menschen sich über etwas gemeinsam aufregen, stellen sie innerhalb weniger Sekunden eine Gemeinschaft her.“ Das ginge oft schneller, als positive Gemeinsamkeiten herauszufinden.

Small Talk funktioniere nicht überall auf der Welt gleich. In den USA etwa gehe es beim Small Talk stärker darum, sich selbst positiv zu zeigen und auf Möglichkeiten hinzuweisen. In Großbritannien sei er humorvoll und in mediterranen Gesellschaften gehe es oft um das unmittelbare Umfeld. Die Frage sei: „Was gilt in einer Kultur als ungefährliche Eintrittskarte in eine Beziehung?“ Menschen würden überall auf der Welt klagen, betont die Psychologin. Entscheidend sei, welchen sozialen Stellenwert das Meckern in einer Gesellschaft hat. In Deutschland haben Beschwerden eine gesellschaftliche Legitimität und man dürfe andere auch relativ früh kritisieren. Meckern sei also kein schlechter Türöffner, „aber Personen, die dauerhaft nur nörgeln, sind irgendwann schlicht unsympathisch.“

Deutsche fokussieren sich auf Probleme statt Lösungen

Lohstroh erklärt, dass Kritik in Deutschland nicht grundsätzlich als unfreundlich gelte, sondern eher als Zeichen von Ernsthaftigkeit und Kompetenz. „Wer einen Fehler aufdeckt, hat aufgepasst. Wer sagt, alles ist toll, alles prima, wirkt schnell oberflächlich oder naiv“, sagt die Expertin. Kritik sei demnach salonfähig – und wird als Ausdruck von Ehrlichkeit auch wertgeschätzt.

Auch im Arbeitskontext zeigten sich Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen. Eine deutsch-amerikanische Studie aus dem Jahr 2013 habe gezeigt, dass deutsche Teams sich stärker mit der Problemanalyse beschäftigten, US-amerikanische Teams stärker mit Lösungen. „Einfach positiv rangehen liegt uns nicht wirklich. Erstmal ein Problem finden – das ist eher unsere Haltung.“

Zu einem modernen Arbeitsklima gehöre umfassendes Feedback, sagt Lohstroh – also sagen können, welche Dinge jemand gut macht, welche verbesserungsfähig wären, und Lösungen vorschlagen. „Dazu gehört unbedingt auch das Loben. Erst durch Erfolgserlebnisse werden wir selbstbewusst.“ Entscheidend sei letztlich, ob eine Kritik produktiv oder repetitiv sei, so die Expertin. Wenn ein Problem gemeinsam verstanden werde und zur Handlung führe, sei das sinnvoll. „Führt es aber nur zur Wiederholung und zum nächsten Problem – dann wird Meckern zur Gruppennorm. Und dann stört jemand, der etwas Positives sagt: der Solidarpakt des Meckerns wird damit verletzt.“ (Quellen: Reddit, eigene Recherche)