Putins Propaganda im Klassenzimmer: Kreml lässt Kinder in Russland und der Ukraine indoktrinieren

Putins Propaganda beginnt im Klassenzimmer: „Wir hämmern es in den Kopf: Du bist eine militärische Einheit“

Stand: 12.09.2026, 18:57 Uhr

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Russland militarisiert seine Jugend: Kinder lernen in Schulen den Umgang mit Waffen und Drohnen – in besetzten Gebieten geht die Indoktrinierung noch weiter.

Moskau – Russland will die nächste Generation früh auf Patriotismus, Militär und Krieg einschwören. In Schulen, Kindergärten und Jugendorganisationen wird die „patriotische Erziehung“ systematisch ausgebaut. Präsident Wladimir Putin bezeichnet den Kampf um die Köpfe der Kinder als eine „neue Front“.

Russische Kinder bei einer Militärparade.

Russische Kinder bei einer Militärparade. © IMAGO/Lidia Mukhamadeeva

Indoktrination im Hintergrund des Ukraine-Krieges: Russland bereitet die Jugend vor

Wie weit die Militarisierung reicht, zeigt eine Szene aus einem Klassenzimmer in Wladimir östlich von Moskau, die von The Economist geschildert wird. Bei einer sogenannten „Lektion des Mutes“ fragt ein Neuntklässler einen uniformierten Soldaten, wie er sich bei seinem ersten Mord gefühlt habe. Die Lehrerin greift ein: „Das sind keine Morde. Das ist Krieg.“ Der Soldat bleibt ungerührt. Es gehe um die „Vernichtung feindlicher Kräfte“, sagt er. Beim Schießen wisse man schließlich nicht, ob ein Gegner tot oder verwundet sei.

Solche Veranstaltungen sind Teil eines landesweiten Programms. Seit 2022 schreibt eine staatliche Vorgabe eine einheitliche „Erziehung“ an Schulen vor. Jede Woche gibt es „Gespräche über wichtige Dinge“, deren Inhalte vom Bildungsministerium vorgegeben werden. Neben Wissenschaft, Kultur und Sport geht es dabei regelmäßig um militärische Themen – etwa Russlands angebliche Rolle als „Nation der Sieger“ oder die Eingliederung der Krim.

Der Krieg gegen die Ukraine soll dabei mit dem sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg verknüpft werden. Ältere Schüler sollen lernen, Russland müsse erneut seine territoriale Integrität und Souveränität gegen den „kollektiven Westen“ verteidigen. Soldaten besuchen Schulen, berichten vom Kampfeinsatz und zeigen Kindern den Umgang mit Drohnen. In diesem Jahr wurde zudem der sowjetische Unterricht zur militärischen Grundausbildung wieder eingeführt.

Ukraine-Krieg: Russland führt Kriegspropaganda in Klassenzimmern durch

Auch außerhalb der Schulen wird die Militarisierung vorangetrieben. Die staatliche Jugendorganisation „Bewegung der Ersten“ soll an die sowjetischen Pioniere erinnern. Die militärische Jugendorganisation Yunarmija bringt Kindern bereits ab acht Jahren Marschieren und militärische Disziplin bei und gibt ihre Mitgliederzahl mit rund zwei Millionen an. Besonders erfolgreich sei die Rekrutierung in Waisenhäusern, berichten Experten.

In einem Kinderzentrum im ostsibirischen Irkutsk geht der ehemalige Tschetschenien-Kämpfer Sergei Terechow noch weiter. Dort werden Kindern Disziplin und militärische Fähigkeiten vermittelt. „Wir hämmern es ihnen in den Kopf: Hier bist du nicht Petja, Wasja oder Mascha – du bist eine militärische Einheit“, sagt er.

Dabei stößt die staatliche Propaganda offenbar nicht überall auf Begeisterung. Unabhängige russische Medien berichten, dass viele Schüler die Veranstaltungen langweilig finden. Eltern lassen ihre Kinder teilweise davon befreien, Lehrer nutzen die Zeit mitunter für regulären Unterricht. Experten warnen zudem, dass Kinder dadurch vor allem lernen könnten, Lügen und vorgetäuschte Überzeugungen als gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten zu betrachten.

Ukraine-Krieg: Besonders ukrainische Kinder in besetzten Gebieten von Indoktrinierung betroffen

Gleichzeitig wird das Bildungssystem zunehmend von internationalen Einflüssen abgeschottet. Der internationale Schulabschluss IB wurde verboten, der Austausch mit europäischen Ländern ist weitgehend zum Erliegen gekommen und der Fremdsprachenunterricht wurde zurückgefahren. Stattdessen soll ab Januar das Fach „Geistige und moralische Kultur Russlands“ eingeführt werden. Dabei sollen sogenannte „traditionelle russische Werte“ vermittelt und auch Helden des Krieges gegen die Ukraine behandelt werden.

Besonders schwerwiegend sind die Vorwürfe aus den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten. Ein im Juli bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) vorgestellter Expertenbericht hatte von einem systematischen Programm gesprochen, mit dem junge Menschen dort an die russische Armee herangeführt werden.

Kinder werden demnach in Ausbildungslager geschickt und erhalten Unterricht im Umgang mit Waffen und Drohnen. In mehreren Fällen seien junge Erwachsene eingezogen und anschließend an die Front geschickt worden. Gleichzeitig würden Kinder, Eltern und Lehrer unter Druck gesetzt, wenn sie an ihrer ukrainischen Identität festhalten wollten.

Der französische Forscher Hervé Ascensio sagte laut France 24, das System aus Indoktrinierung und Militarisierung könne möglicherweise den Tatbestand eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit in Form von Verfolgung erfüllen. Die lettische Expertin Elina Steinerte berichtete zudem von Einberufungsbescheiden für Ukrainer in den besetzten Gebieten. Teilweise würden junge Menschen dort früher zum Militärdienst eingezogen als in Russland selbst. Nach Einschätzung der Experten sind rund 1,6 Millionen Kinder auf der 2014 annektierten Krim und in den teilweise besetzten Gebieten der Ostukraine dem Einfluss dieser Programme ausgesetzt. Kiew geht davon aus, dass mehr als 20.000 ukrainische Kinder nach Russland gebracht wurden. (The Economist, France 24, AFP) (bb)