Leise Leiden
"Quiet Cracking": Warum viele Beschäftigte genau jetzt still zerbrechen
Lange galten junge Menschen im Job als besonders selbstbewusst, nun sieht man oft das Gegenteil: die stille Erschöpfung. Was dahintersteckt – und was hilft
Melanie Raidl
Es ist noch gar nicht so lange her, da drehte sich der Wind in der Arbeitswelt, und junge Menschen hatten plötzlich einen großen Vorteil. An allen Ecken und Enden wurden sie gesucht. Vor allem kurz nach Corona herrschte ein Arbeitnehmermarkt. Die junge Generation Z stand für eine neue, selbstbewusste Kohorte, die für mehr Wohlbefinden im Beruf steht. Sie würde psychische Gesundheit und Grenzen im Job stärker wahren, so die Erwartung.
Aus dieser Position wurde ein Trend geboren, der in sozialen Medien und darüber hinaus viral ging: das "Quiet Quitting". Der Begriff meint nicht die Kündigung, sondern das Gegenteil. Man bleibt, macht aber nur noch das, wofür man bezahlt wird. Keine unbezahlten Überstunden, keine E-Mails nach Feierabend, keine Extrameile mehr. Wer sich seinen Arbeitgeber quasi aussuchen kann, macht das eben mit Bedingungen.
Doch der Wind hat sich erneut gedreht, dieses Mal in die andere Richtung. Die Zeiten des Arbeitnehmermarkts sind vorbei, es dominieren eine unsichere Konjunktur, die Angst vor Künstlicher Intelligenz und Stellenabbau – und ein Arbeitsmarkt, auf dem vor allem junge Menschen selbst mit den besten Ausbildungen oft monatelang vergeblich nach einer Stelle suchen.
Mit diesem Stimmungswechsel ist auch ein neuer Begriff geboren, der das bekannte "Quiet Quitting" vom Thron zu stoßen scheint: "Quiet Cracking". Was nur wie der nächste Trend auf TikTok oder Instagram wirkt, scheint aber zur schwierigen Zeit am Arbeitsmarkt zu passen.
Leistung mit Leiden
"Quiet Cracking" bedeutet: Man funktioniert nach außen hin oft tadellos, schafft Deadlines, bringt Leistung und oft auch noch gute Laune mit in die Arbeit. Innerlich macht sich aber längst emotionale Erschöpfung breit und das Gefühl, den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein. Das Engagement wird weniger, die Gleichgültigkeit mehr. Die Motivation sinkt, der Pessimismus steigt. Gekündigt – also "gequittet" – wird aber auch hier nicht. Denn zu groß ist die Angst, den Job zu verlieren und keinen neuen zu finden, zu klein scheint die Aussicht auf eine Alternative. Also bleibt man und fällt weiter auseinander. Fachleute vergleichen "Quiet Cracking" daher auch mit einem Burnout – der Unterschied ist nur, dass "Quiet Cracking" oft eher wie die Vorstufe gesehen wird.
Die Hauptursachen seien aber wie eh und je die gleichen, sagte dazu der US-Organisationspsychologe Adam Grant in einem Linkedin-Post: "Überlastung, mangelnde Wertschätzung und fehlender Respekt. Wenn Führungskräfte das Problem beheben wollen, müssen sie einen Rahmen schaffen, in dem man offen darüber sprechen kann."
Ebenfalls aus den USA kamen bereits im vergangenen Jahr von der Lernplattform TalentLMS, die den Begriff "Quiet Cracking" mitprägte, Zahlen dazu. Für die Studie wurden 1000 Beschäftigte in den USA befragt, und das Ergebnis zeigte: 54 Prozent kennen das Phänomen in der einen oder anderen Form. Jede fünfte Person fühlte sich sogar häufig oder ständig unglücklich im Job, weitere 34 Prozent immerhin gelegentlich.
Zu rasante Umbrüche
Dabei beschränkt sich das Phänomen längst nicht auf die jüngere Generation. Dass es sich auch bei lange erfolgreichen Personen einschleichen kann, zeigt Amanda Rajkumar, ehemaliges Vorstandsmitglied von adidas und frühere Personalchefin der Großbank BNP Paribas. "Quiet Cracking – ich kenne das", schrieb sie im Herbst 2025 auf Linkedin. "Es ist noch nicht lange her, da arbeitete ich in einem Umfeld, in dem ich ständig zerbrochen bin."
Der neue "Trend" sei im Gegensatz zu "Quiet Quitting" und den Zeiten der großen Resignation ("The Great Resignation") schwieriger zu erkennen und potenziell destruktiver. Die Auslöser seien ihr bekannt: fehlende Wertschätzung für den eigenen Einsatz, rasante Umbrüche durch KI ohne ausreichende Unterstützung und ein wachsendes Missverhältnis zwischen Leistung und Wohlbefinden. Eine Reparatur aber sei möglich, gibt sie zu bedenken, man müsse aber sein Umfeld ändern und auch sich selbst.
Wie sich der Zustand auch ohne Führungsrolle anfühlen kann, schildern zahlreiche Menschen anonym in sozialen Netzwerken. "Arbeitet hier sonst noch jemand still vor sich hin am Zusammenbrechen?", fragt ein Nutzer im Reddit-Thread einer amerikanischen Einrichtungskette und erzählt von einem Jahr voller Nachtschichten: Die Arbeitslast sei enorm, "es fühlt sich an, als wäre es das Geld nicht wert". Eine andere Person beschreibt ihren Zustand in einem Karriere-Reddit-Thread so: "Sehr wenig Motivation und Energie. Alles fühlt sich leer an." Kündigen komme trotzdem nicht infrage, ohne neue Stelle sei das schlicht zu riskant.
Wie tief das Phänomen reicht und was dagegen hilft, hat die australische Professorin und Psychologin Michelle McQuaid von der University of Melbourne untersucht. Für ihren "Change Lab Workplace Report" befragten sie und ihr Team 2025 etwa 1000 australische Beschäftigte. Das Ergebnis ist der US-Befragung ähnlich: 55 Prozent gaben an, still zu zerbrechen. Sie halten ihre Leistung aufrecht, während es innerlich brodelt. Jede zweite Person versteckt diesen Zustand bewusst vor anderen. Besonders betroffen sind laut dieser Studie aber die Jüngsten.
Offene Kultur
Drei von vier Beschäftigten unter 25 Jahren leiden demnach still vor sich hin. Und die Situation ist gefährlich, sagt McQuaid – wer darunter leidet, habe ein 6,2-mal höheres Risiko, in ein tatsächliches Burnout zu rutschen. Der wichtigste Treiber sei dabei die Sorge um steigende Lebenshaltungskosten, sie stehe hinter mehr als 40 Prozent der Fälle.
Aber auch laut McQuaid gibt es Methoden, sich zu schützen. Sie identifiziert in der Studie, dass vor allem ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Anforderungen und Ressourcen herrschen muss. Fast ebenso wichtig sei ein respektvoller Umgangston im Team. Auch wer seine Stärken sinnvoll einsetzen kann und sich selbst mit etwas Nachsicht begegnet, ist besser gewappnet. Der gemeinsame Nenner all dieser Schutzfaktoren sei aber eine Kultur, in der man offen über Belastung sprechen dürfe, ohne Nachteile zu fürchten. (mera, 31.7.2026)
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