Stand: 18.10.2026, 20:17 Uhr
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Gewalt in Mailand: Maskierte Jugendliche plündern Geschäfte, attackieren die Polizei und filmen sich für TikTok. Ein Protest ohne Führung, der eskaliert.
TikTok und die Straße. Die Wagen der Carabinieri zerlegen wie in GTA. Und dann der Sturm auf die Geschäfte. Nicht auf die Schaufenster der Luxus- und Designermarken, sondern auf Nike, Footlocker, Decathlon. „Proletarische Enteignungen 2.0“: die Flucht mit einem Paar Schuhe für 120 Euro unter dem Arm. Trophäen eines Tages, an dem „alles gratis“ ist. Es ist eine Revolution im Handumdrehen: zerschlagen, mitnehmen und abhauen.
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Dieser Artikel von Matteo Castagnoli e Cesare Giuzzi entstand in Kooperation mit Corriere della Sera
Jugendliche, die kaum einen Meter siebzig groß sind. Schmächtige Körper in engen schwarzen Trainingsanzügen, Steppwesten und Kapuzenpullovern. Sie tragen „Balaclavas“, Sturmhauben, die nur die Augen freilassen und in jedem Video der millionenschweren Trap-Rapper zu sehen sind, die im Netz abräumen. „Wer macht denn heute nichts kaputt? Alle machen das“, antwortet spontan ein Jugendlicher, von dem nur die Augen zu erkennen sind. Auch er trägt die unvermeidliche Sturmhaube, eine dicke Jacke und Handschuhe.
Randale in Italien: Mit dem Zug aus dem Umland, mobilisiert durch Bilder im Netz
Er rennt auf ein gepanzertes Fahrzeug der Carabinieri zu, das mit quietschenden Reifen über den Domplatz fährt, um die letzten Gewalttäter auf dem Domvorplatz auseinanderzutreiben, und versetzt ihm im Sprung einen Tritt. Szenen eines Straßenkampfs, eines sozialen Aufstands, wie man sie in Mailand seit Jahren nicht gesehen hat, angeführt von Gruppen sehr junger Menschen, die einander nicht einmal kennen. Sie sind in Grüppchen zu dritt, zu viert, höchstens zu zehnt unterwegs.
Viele reisten mit dem Zug aus anderen Provinzen wie Brescia, Bergamo, Varese und Pavia oder aus dem Mailänder Umland an. Andere kommen aus dem Süden, aus San Giuliano und San Donato, andere aus Cernusco sul Naviglio. Aber auch „Mailänder“ aus den Randvierteln sind dabei: Crescenzago und San Siro. Einige dieser Jugendlichen, die zu den gewalttätigsten Gruppen gehören, waren seit Beginn der Versammlung am Samstag, dem 17. Oktober, um 15 Uhr im Demonstrationszug dabei.
Andere kamen erst, als Videos und Fotos der Ausschreitungen in den sozialen Medien zu kursieren begannen. „Wir haben gesehen, was los war, und sind gekommen, um Randale zu machen“, erzählt einer von ihnen. „Los, wir gehen den ganzen Palazzo Marino kaputtschlagen“, fügt ein anderer Demonstrant hinzu und meint damit den Sitz der Stadtverwaltung. Vor den Absperrketten von Polizei und Carabinieri stehen Mädchen, die TikTok-Videos drehen, mit Filtern, die ihre Gesichter in niedliche Kätzchen verwandeln.
Eine Tränengasgranate fliegt heran, alle rennen weg. Doch dann kommen sie zurück. Manche schlagen etwas kaputt, andere werfen Steine auf die Beamten, wieder andere lassen sich von Freunden dabei filmen, wie sie ihr Lieblingslied singen. Im Hintergrund, ringsum, tobt der Straßenkampf. Die perfekte Kulisse. Dabeisein zählt mehr als Demonstrieren. Das zeigen die Fotos und Videos, die sie unter dem Denkmal von Vittorio Emanuele aufnehmen und die binnen weniger Stunden in den sozialen Medien viral gehen, unterlegt mit Liedern ihrer Trap-Vorbilder, allen voran Baby Gang und Simba La Rue.
Ausnahmezustand in Italien: Wut ohne Führung und ohne politische Zuordnung
Selfies mit Steinen in der Hand, „Mannschaftsfotos“ mit den Trophäen des Samstagabends: Verkehrsschilder und Warnleuchten von Baustellen. Fast keiner dieser Jugendlichen hat zuvor jemals an einer Demonstration teilgenommen. Es gibt keine Strategie, keine Route für einen Demonstrationszug. Es ist wie in Frankreich, bei den Demonstrationen mit ihren „Casseurs“, den Randalierern. Doch diese Jugendlichen mit sehr heller oder sehr dunkler Haut, die man noch nie zuvor in einem Demonstrationszug gesehen hat, lassen sich politisch nur schwer einordnen.
Nach dem Ende der Zusammenstöße versuchen einige der selbstverwalteten linken Zentren Mailands, sich mit dem Protest zu solidarisieren und diese gewalttätigen, entschlossenen Demonstranten mit offenen Armen zu empfangen. Sie versuchen, dem Zerschlagen und Zertrümmern eine politische Richtung zu geben. Doch auf der Straße haben die linken Bewegungen dieser führungslosen Wut nur zugesehen. Sie skandierten Parolen gegen die „faschistische Regierung“ und das „Europa der Reichen“. Aber dabei blieb es dann auch.
Mailand: Eine Stadt als Symbol der Ausgrenzung
Jetzt wird die Debatte beginnen, der Versuch, diesen gewalttätigen, ungeordneten Protest in die Bahnen einer Auseinandersetzung mit der Regierung zu lenken. Viele derjenigen, die gestern auf der Straße waren, dürfen noch nicht einmal wählen, andere besitzen nicht einmal die italienische Staatsangehörigkeit. Einige gehen zur Schule oder studieren, andere haben die Schule abgebrochen. Nur wenige arbeiten. Doch sie haben Wut und Hunger, ihre Köpfe werden bombardiert mit Botschaften des Hasses auf die Polizei, die sie in ihren Liedern hören.
„Heute wird alles zerlegt, holen wir uns die Stadt zurück. Wir schlagen alles kurz und klein, ihr Scheißbullen.“ Sie sind Benzin und Streichholz zugleich. Die Zeit wird zeigen, ob daraus etwas Beständiges und Dauerhaftes entsteht. Vorerst sind es nur wütende, gelangweilte Jugendliche, die auf TikTok Videos mit Hasenohren drehen und Schuhe für ein paar Euro stehlen, während sie eine Stadt verwüsten, die das Symbol ihrer Ausgrenzung ist.
Sie entziehen sich jeder Einordnung, vielleicht weil die gesamte Politik ihre Existenz schlicht ignoriert hat. Aber auf irgendeine Weise sind sie die Gegenwart. Weder rechts noch links. Mailand, Marseille, Paris, Lyon, Turin, Madrid. Alles sehr verworren, aber auch erschreckend ähnlich.